Die vom «Sonntag» publik gemachten Arbeitsbedingungen bei Lidl sorgten diese Woche für grosse Aufmerksamkeit. Die beiden Gewerkschaften Syna und KV Schweiz, die mit Lidl vergangenen Sommer einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) unterzeichnet hatten, zeigten sich über die von ehemaligen Mitarbeitern geäusserten Missstände überrascht. Nun reagieren sie.

«Wir möchten den erhobenen Vorwürfen auf den Grund gehen und werden dafür zusammen mit Syna eine Telefon-Hotline und eine spezielle E-Mail-Adresse ab morgen um 8 Uhr einrichten», sagt Barbara Gisi, Leiterin Angestelltenpolitik bei KV Schweiz. Unter der Nummer 044 2797136 sollen Lidl-Mitarbeiter die Möglichkeit haben, den beiden Gewerkschaften Missstände im Betrieb mitzuteilen.

Zudem treffen sich Syna und KV Schweiz bald mit dem neuen Lidl-Schweiz-Chef Matthias Oppitz. «Wir werden bei unserem Treffen im April die Vorwürfe aus dem ‹Sonntag›-Artikel auf den Tisch legen und eine Stellungnahme verlangen», sagt Carlo Mathieu, Zentralsekretär der Syna. «Wir möchten auch wissen, was an den Rückzugsgerüchten dran ist.» Man habe seit dem Abschluss des GAVs mehr als hundert Lidl-Angestellte in den Filialen und im Verteilzentrum in Weinfelden TG interviewt und habe dabei keine systematischen Missstände erkennen können, sagt Mathieu. Deshalb erhofft man sich nun von der neuen Anlaufstelle Klarheit.

Carlo Mathieu räumt ein, dass es bei Lidl etwas mehr Konflikte gebe als bei anderen Detailhändlern, da sich der Harddiscounter im Aufbau befinde und zum Teil nicht sehr erfahrene Leute einstelle. Mitte letzten Jahres habe man gemerkt, dass es zu massiven Personalengpässen gekommen sei, weil Lidl für die Expansion zu wenig Mitarbeiter rekrutiert habe, sagt der Gewerkschafter. «Ausserdem ist Lidl nun mal ein deutsches Unternehmen mit deutscher Kultur, was zuweilen ebenfalls zu Spannungen führt.»

Die Gewerkschaft Unia hat den Gesamtarbeitsvertrag nicht unterzeichnet. «Der Vertrag ist generell deutlich schlechter als die GAV bei Coop oder Migros, und für uns überwiegen nach wie vor die Nachteile», sagt Unia-Geschäftsleitungsmitglied Vania Alleva. So dürften zum Beispiel Angestellte auch nach dem Ende des Arbeitsverhältnisses nicht über Lidl sprechen, für jegliche gewerkschaftliche Betätigung brauche es eine vorgängige Einwilligung von Lidl. Und es würden systematisch nur 60- bis 80-Prozent-Stellen vergeben, gleichzeitig werde aber für Zweitjobs ein Konkurrenzverbot ausgesprochen. Die Vorwürfe aus dem Artikel, dass Mitarbeiter gemobbt werden und der private Kontakt beim Kader untersagt ist, seien der Unia auch schon zu Ohren gekommen, sagt Alleva.

Im Internet hagelte es Hunderte von Kommentaren zu Lidl. Auf der Website 20min.ch, die die «Sonntag»-Geschichte in mehreren Artikeln aufgriff, schrieb zum Beispiel ein Ex-Kader: «(. . .) Es herrschte eine Angst-und-Schrecken-Stimmung und um mich herum wurden so viele Leute entlassen/gemobbt, wie ich es noch nie gesehen habe!

Duz-Verbot, Liftfahrverbot (nur der Chef durfte, die andern mussten laufen), (. . .) Kontrolle des Arbeitsplatzes (zu viele Bleistifte? Verschwenderische Arbeitsweise!) etc.» Ein aktuelles Kadermitglied schreibt, alle Vorwürfe seien wahr. Logistikfachmann A. H. beschreibt sein Bewerbungsgespräch bei Lidl, bei dem ihm ein Lohn von 100000 Franken und ein Audi versprochen wurden: «(. . .) nach dem ersten Gespräch mit zwei arroganten Jungmanagern sagte ich ab. Die Frage nach dem bevorzugten Führungsstil (. . .) war mir zu verachtend: ‹Bei uns arbeiten Leute, die nicht arbeiten wollen, die dumm sind. Da müssen sie von oben herab führen.› Die entsprechende Gestik – mit dem Daumen etwas auf dem Tisch ausquetschend – sprach für mich Bände.»

Dem «Sonntag» sind weitere Anekdoten über das Innenleben bekannt, die ein fragwürdiges Bild der Firmenkultur wiedergeben:

Als ein Regionalleiter mit dem Firmenwagen durch einen Sekundenschlaf einen Unfall verursachte und sein Vorgesetzter davon erfuhr, lautete die erste Frage, wie hoch der Schaden am Auto sei.

Arbeitet jemand mehr als 50 Stunden pro Woche, ist von Überzeit die Rede. Bei 140 Stunden Überzeit durfte man nicht mehr weiterarbeiten. Bei einigen Kadern wurde diese Marke bereits im März überschritten. Damit konfrontiert, sagte die Geschäftsleitung, man solle mit niemandem darüber sprechen.

Als zwei Angestellte dem damaligen Chef Andreas Pohl gestanden, ein Paar zu sein, sagte er dem Vernehmen nach, früher hätten beide sofort gehen müssen. Doch weil sich Lidl in der Schweiz um ein positives Image bemühte, durften beide bleiben. Vorerst. Denn kurz danach wurde der Mann aus der Firma gemobbt.

Anfang Woche stritt Lidl in einem Communiqué alle Vorwürfe ab. Seither schaltet der Harddiscounter auf stumm.

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