84 Verletzte. Sachschaden von mehreren hunderttausend Franken. So die Bilanz nach dem Horror-Sturm, der am Donnerstagabend während des Eidgenössischen Turnfests in Biel wütete. Fatal: Das Organisationskomitee (OK) hatte keinen Meteodienst für die Überwachung der Wetterlage beauftragt. Das bestätigt Turnfest-Direktor Fränk Hofer gegenüber der «Schweiz am Sonntag».

Zwar lösen die Veranstalter um 18.15 Uhr einen Alarm aus, doch die Evakuierung erfolgt zu spät. Dutzende Turner sind mitten in der Superzelle und werden von herumfliegenden Zelten, Stangen und Brettern getroffen.

Über das zögerliche Vorgehen des OK sind Meteo Schweiz und SRF Meteo empört: «Die Personenschäden hätten weitestgehend vermieden werden können», sagt Felix Blumer von SRF Meteo. Für ihn grenze die Reaktion der Veranstalter an «Grobfahrlässigkeit». «Alle Wetterdienste sind stinksauer, dass das OK behauptet, die Zelle sei überraschend gekommen», sagt der Meteorologe. «Wenn man schon mit keinem Wetteranbieter direkt zusammenarbeitet, könnte man wenigstens auf seinem Handy die Wetterlage überprüfen.»

Spätestens um 17.15 Uhr ist klar, dass es die Region Biel sehr heftig erwischen wird. Meteo Schweiz gibt für die Region Biel eine Unwetterwarnung heraus. Und um 17.48 Uhr ruft SRF Meteo ihre maximale Stufe 3 aus: Gefahr für Leib und Leben. Meteo Schweiz, die mit fünf Stufen operiert, belässt die Warnung auf der Stufe 3. Die gemessenen Windgeschwindigkeiten hätten jedoch Stufe 4 erfordert. Dann wäre die Meldung auch über Radio und Fernsehen verbreitet worden.

Normalerweise schliessen Organisatoren von grossen Festanlässen im Freien mit einem Meteodienst einen Vertrag ab. «Unser Wetterdienst ist ein wichtiges Element der Sicherheitsplanung bei vielen Open-Air-Kinos oder Freiluft-Veranstaltungen, die deutlich weniger Teilnehmer haben als das Eidgenössische Turnfest», sagt Peter Binder, stellvertretender Direktor von Meteo Schweiz.

«Heute würde ich sagen, ich würde früher abbrechen», sagt Turnfest-Direktor Fränk Hofer. Doch das Ereignis sei schneller da gewesen, als man es erwartet hätte. Laut Hofer hat das OK die Evakuierung der Turner und Zuschauer nur für zwei Teilbereiche, und nicht für das gesamte Festgelände durchgespielt. «Für das ehemalige Expo-Gelände und die Festmeile rechneten wir mit einer halben Stunde. Für das Gesamtgelände haben wir keine exakten Zeiten definiert», sagt Hofer. «Dies wäre schwierig gewesen, da sich je nach Tageszeit unterschiedlich viele Personen auf dem Gelände befinden.»

Hans Stöckli, Präsident des Turnfests, hält sich zum Evakuationsplan bedeckt. Es gebe einen Plan. Wie dieser genau aussieht, will er aber nicht sagen. «Die Polizei untersucht den Vorfall. Daher kommunizieren wir solche Details nicht gegenüber Dritten.»

Gewusst, dass ein heftiger Sturm aufkommt, hat auch Dominic Kurz. Er ist Präsident des «Stormchasing Verein Schweiz» und ist am Donnerstagabend extra nach Biel gefahren, um die Superzelle hautnah zu erleben. Diese entsteht, wenn starke Auf- und Abwinde herrschen und der Wind aus verschiedenen Richtungen kommt.

Als Kurz und weitere Sturmjäger eintreffen, ist das Turnfest noch immer in vollem Gange. «Es war uns bewusst, dass hier Menschenleben in Gefahr sind», sagt Kurz. Er beginnt, die Menschen um sich herum zu warnen. «Doch wir wurden nur belächelt. Es hiess, man wisse, was man tue.»

Besonders hart geht Kurz mit dem OK ins Gericht: «Dass Fränk Hofer wegen des schönen Wetters nicht evakuieren wollte, ist fahrlässig.» Und auch wie evakuiert wurde, hält er für fragwürdig: «Leute aufzufordern, sich in einem grossen, halboffenen Zelt mit grosser Angriffsfläche in Sicherheit zu bringen, ist unverständlich.» Auch sollte man laut Kurz gegen und nicht mit dem Wind evakuieren, da man sonst herumfliegende Gegenstände nicht sehen und tödlich getroffen werden könne.

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