Herr Loosli, der Euro fällt und fällt. Wann fallen auch die Coop-Preise?
Hansueli Loosli: Diese Woche! Wir haben die Preise von 150 Eigenmarken und Marken im Schnitt um 8 Prozent gesenkt, von Backwaren über Trockenfrüchte bis hin zu Haushaltbedarf. Seit Ende Jahr haben wir bei 2150 Produkten die Preise im Supermarkt, bei weiteren 800 Produkten im Bau+Hobby und bei einigen Textilprodukten gesenkt. Das wird so weitergehen.

Wegen des Euros?
Ja, aber auch wegen besserer Einkaufsbedingungen. Import-Früchte und -Gemüse passen wir wöchentlich an – sie sind so günstig wie seit Jahren nicht mehr. Coop hat seit Januar weit über hundert Millionen Franken in Preissenkungen investiert.

Trotzdem können Sie bei einem Eurokurs von unter Fr. 1.20 nicht mit der Konkurrenz in Deutschland mithalten. Der Einkaufstourismus hat massiv zugenommen.
Der Zoll spricht von bis zu 30 Prozent mehr Rückforderungen der Mehrwertsteuer. Wenn man sich die Autoschilder vor deutschen Supermärkten anschaut, sieht man vermehrt auch Aargauer und Zürcher Nummern, nicht nur Basler und Baselbieter.

Offenbar ist der Schweizer Detailhandel ganz einfach zu teuer.
Schauen Sie, wir machen über 70 Prozent unseres gesamten Lebensmittelumsatzes mit Waren aus der Schweiz. Wir haben nun mal nicht dieselben Beschaffungskosten wie zum Beispiel in Deutschland. Bei Früchten und Gemüse sind während der Saison in der Schweiz die Grenzen teilweise geschlossen. Das eigentliche Euro-Einkaufsvolumen ist gar nicht so gross, denn die meisten internationalen Konzerne haben eine Niederlassung in der Schweiz, und wir müssen dort in Franken einkaufen.

Sie könnten auf Direktimporte ausweichen.
Das tun wir. Bei einigen Händlern war das in den letzten Wochen öfters der Fall. Dann versuchten wir parallel zu importieren, aber fast immer bekommen wir nicht genug Mengen.

Mit der Einkaufsgemeinschaft Coopernic haben Sie Grössenvorteile beim Einkauf.
Das stimmt, und viele der Preissenkungen konnten wir dank Coopernic realisieren.

Haben Sie Verständnis für Schweizer, die jetzt im Ausland einkaufen?
Es ist nicht mein Auftrag, die Kunden zu beurteilen. Aber man muss sich einfach bewusst sein: Wer ennet der Grenze einkauft, profitiert persönlich und gefährdet damit Arbeitsplätze in der Schweiz.

Einkaufstouristen sind Profiteure?
Schnell vergisst man, was in der Schweiz alles anders ist: Auf der anderen Seite der Grenze erhält die Kassiererin halb so viel Lohn wie bei uns. Wir bezahlen Mindestlöhne von 3700 Franken, bieten gute Sozialleistungen, bezahlen zwei Drittel der Pensionskassenbeiträge, zahlen Schwerverkehrsabgaben, die Millionen kosten, wir haben ein Nachtfahrverbot für Lastwagen, und, und, und. Das gibt es auf der anderen Seite alles nicht. Wer über die Grenze geht, nutzt dies aus. Punkt.

Haben Sie Preisüberwacher Stefan Meierhans einen Brief geschrieben, als er zum Einkaufen im Ausland aufrief?
Nein, auf solch unbedachte und provokative Äusserungen sollte man nicht reagieren.

Es scheint, als bleibe die Preisinsel Schweiz bestehen wie eh und je.
Die Preise der deutschen Konkurrenz, wie zum Beispiel Aldi, Lidl und die Drogeriekette Müller, sind hierzulande auch wesentlich höher als in Deutschland. In der Schweiz sind alle Händler mit höheren Kosten konfrontiert. Aber ich betone nochmals: Wir machen jede Woche Druck auf die europäischen Lieferanten, weil sie ihre Devisenvorteile zurückhalten.

Wie viel Umsatz verliert Coop wegen des Einkaufstourismus?
Davon ist nicht nur Coop betroffen. Ich gehe davon aus, dass allein bei den Lebensmitteln insgesamt deutlich mehr als 2 Milliarden Franken ins grenznahe Ausland abfliessen. Etwa ein Fünftel davon entfällt auf Coop.

Also rund 400 Millionen Franken. Wenn der Euro weiter sinkt, stellt sich doch die Frage, ob Coop langfristig den hohen Schweizer Anteil im Sortiment beibehalten kann.
Das ist einerseits eine politische Frage. Kommt zum Beispiel der Agrarfreihandel oder nicht? Momentan sieht es eher nicht danach aus. Und andererseits muss sich diese Frage auch der Konsument stellen. Ist ihm Fleisch lieber, das aus Polen stammt, in Deutschland verarbeitet und von dort in die Schweiz transportiert wird? Wir stehen zur Schweizer Landwirtschaft und bevorzugen eine ökologische und tierfreundliche Transportweise. Dieses Handeln wird von unserer Kundschaft geschätzt.

Sollte man den Franken zumindest kurzfristig an den Euro anbinden?
Vorrang hat meiner Meinung nach der Schuldenabbau in den EU-Ländern. Aber wenn ein Land eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent und mehr hat, ist das natürlich schwierig. Ich persönlich würde den Franken trotz allem nicht an den Euro anbinden.

Wie beurteilen Sie die Konsumentenstimmung in der Schweiz?
Eher rückläufig. Die Sparquote dürfte steigen. Und Angst ist immer ein schlechter Ratgeber für den Konsum.

Spüren Sie das schon bei den Umsätzen?
Wir spüren vor allem die Preisabschläge. Wir haben die Preise des ganzen Sortiments um insgesamt über 3 Prozent gesenkt. Bei Früchten und Gemüse sind wir 10 Prozent billiger als vor einem Jahr. Auch Fleisch ist deutlich günstiger. Deshalb müssen wir einfach mehr Menge umsetzen.

Es heisst, die Coop-Umsätze lägen 3 Prozent unter Vorjahr.
Wir sind umsatzmässig in einem rückläufigen Markt leicht unter Vorjahr, haben mehr Kunden und gewinnen Marktanteile.

Bleiben Sie bei Ihrer Umsatzprognose für 2011: 1 Prozent Wachstum?
Ich glaube immer noch, dass wir zwischen 0 und 1 Prozent erreichen können.

Hält der Biotrend an?
Ja, Naturaplan wächst um 4 bis 5 Prozent, das läuft hervorragend, Prix Garantie legt hingegen nicht zu.

Die Zeiten des grossen Wachstums sind vorbei. Was heisst das für das Filialnetz?
Expansion ist zurzeit kein so grosses Thema. Es gibt die eine oder andere neue Verkaufsstelle, aber auch vereinzelte Schliessungen – die Gesamtzahl bleibt gleich.

Weitere Megastores wird es nicht mehr geben?
Im Detailhandel ist die Schweiz gebaut. Gewisse Änderungen und Umbauten gibt es immer. Ich glaube nicht an diese Einkaufscenter-Flut, die noch kommen soll.

Sie haben dieses Jahr den internationalen Gastronomie-Zulieferer TransGourmet komplett übernommen, und damit die Migros umsatzmässig als Nummer eins abgelöst. Wie viel Zeit wenden Sie fürs Auslandgeschäft auf?
Etwa 40 bis 50 Prozent meiner Arbeitszeit. Das war vor allem in den letzten sechs Monaten nötig, um alles in die Wege zu leiten. Wir haben inzwischen erreicht, dass die Mannschaften in unseren Märkten Russland, Rumänien, Polen, Frankreich, Deutschland und in der Schweiz zu uns stehen und Coop als neue Eigentümerin akzeptieren. Per Ende Mai hatten wir, über alle Länder, in der jeweiligen Landeswährung betrachtet, erfreuliche 7 Prozent Wachstum.

Wie sieht Ihre Strategie für TransGourmet aus?
Im Cash-&-Carry-Bereich sind wir auf Expansionskurs. Wir haben mit Selgros kürzlich den vierten Markt in Moskau eröffnet. Bis 2016 wollen wir etwa 15 bis 17 Märkte vor allem im Grossraum Moskau betreiben. In Polen und Rumänien sollen es bis in fünf Jahren 20 bis 25 Märkte sein. In Deutschland bauen wir vier bis fünf in die Jahre gekommene Märkte pro Jahr um.

Wie viele Jobs schaffen Sie im Ausland?
Wir schaffen im Ausland in den nächsten fünf Jahren rund 1000 neue Stellen, vor allem im Cash-&-Carry-Bereich.

Wann erhält Trans-Gourmet einen eigenen Chef?
Das weiss ich noch nicht.

Die Chefsuche dauert bei Coop immer etwas länger . . .
Wir haben nun mal fünf sehr gute Geschäftsleiter. Wir müssen uns gut überlegen, ob es einen übergeordneten Chef braucht. Ich bin mir da noch nicht so sicher.

Sie sind seit 15 Jahren Coop-Chef. Und Ihr Nachfolger, Joos Sutter, arbeitet auch bereits seit 15 Jahren im Unternehmen. In anderen Firmen wechseln die Chefs viel häufiger.
Wir haben eine so schmale Marge, dass wir uns häufige Wechsel gar nicht leisten könnten. Zudem wäre es verantwortungslos gegenüber unseren 75 000 Mitarbeitern – sie wüssten nicht mehr, wo sie stehen und was nun gilt. Unsere interne Nachfolgelösung mit Joos Sutter ist hoch anerkannt. Man sagt: Bei Coop hast du Chancen zum Weiterkommen.

Ein Ausländer als Coop-Chef – das wäre unvorstellbar?
Ein Ausländer, der von aussen kommt, wäre für mich und wahrscheinlich auch für Coop unvorstellbar. Interne Förderung ist uns wichtig: Wir bilden 3000 Lernende aus, und 60 Prozent bleiben nach dem Abschluss im Unternehmen. Wir geben mehr als 1 Prozent unseres Umsatzes aus für Aus- und Weiterbildung. Wir machen das ähnlich wie die U21-Fussballnati.

Warum gibt es eigentlich zwischen Coop und Migros kaum je Transfers auf der Top-Ebene? Das ist zwischen UBS und CS und selbst zwischen GC und dem FCZ der Normalfall.
Es gibt eine Ausnahme: Oskar Sager (der heutige Marketing-Chef der Migros; die Red.). Aber es stimmt. Es ist schwierig, nach langen Jahren bei Coop einfach den Hut zu wechseln. Ich zumindest könnte mir nie vorstellen, Migros-Chef zu werden. Und ich glaube, die wollen mich auch nicht (lacht). Hier ist unsere Branche sicher speziell. Solche Wechsel wären . . .

. . . Verrat?
Das ist ein hartes Wort. Es ist schon so, dass Coop und Migros zwei völlig andere Unternehmen sind.

Was unterscheidet sie?
Coop ist ein Unternehmen mit regionaler Ausprägung, nicht viele Unternehmen. Und wir haben eine viel direktere Kultur und weniger Führungsstufen. In Projekten arbeiten wir gleichberech-
tigt über verschiedene Hierarchiestufen hinweg.

Ist das wirklich so anders als bei der Migros?
Sie hat eine andere Struktur und ein anderes Führungsverständnis. Aber auch sie hat Erfolg damit.

Wenn Sie auf Ihre Zeit als Coop-Chef zurückblicken: Was haben Sie erreicht?
Was wir sicher gut gemacht haben, ist das Thema Nachhaltigkeit. Wir sind mit Naturaplan schon 1993 gestartet. 1995 folgte Naturaline. Ein zweiter Erfolg ist sicher Coop Forte, die Zusammenführung der Genossenschaften – das verlieh uns neuen Schwung. Und wir mussten deswegen keine Leute entlassen. Schliesslich, und darauf bin ich ein wenig stolz: Wir haben den Mindestlohn von 2500 Franken im Jahr 2000 auf heute 3700 Franken angehoben. Wir konnten auch weit überdurchschnittliche Lohnrunden machen – weil unsere Produktivität massiv zugenommen hat. Das prägt die Kultur im Unternehmen.

Wo haben Sie Fehler gemacht?
Ich habe 1000 kleine Dinge falsch gemacht.

Zum Beispiel?
Man warf mir immer vor, ich achte zu wenig auf den Preis und kämpfe nur für die Qualität. Irgendwann musste ich einsehen, es kommt nicht nur auf das Preis-Leistungs-Verhältnis an: Es braucht eine Billig-Linie, und so haben wir Prix Garantie eingeführt. Das war wichtig, aber man darf es auch nicht überschätzen: Heute macht Prix Garantie nur 3 Prozent unseres Umsatzes aus.

Am 1. September werden Sie Verwaltungsratspräsident der Swisscom. Haben Sie einen iPad?
Ja. Ich brauche es zum Mailen und für Nachrichten. Wenn ich nicht zu Hause bin, lese ich übrigens zum Beispiel den «Sonntag» auf dem iPad.

Auf Facebook sind Sie auch?
Nein. Das geht mir zu weit. Ich will eine gewisse Privatsphäre. Unsere Kinder sind jedoch Facebook-Nutzer.

Werden Sie, wie heute bei Coop, oft Swisscom-Filialen besuchen?
Das wird man mir nie wegnehmen können. Ich gehe gern zu den Leuten. Die Mehrheit des Personals, bei Coop wie bei Swisscom, arbeitet an der Front, bei den Kunden. Von meinen Besuchen nehme ich jedes Mal etwas mit – und das fliesst dann auch in die Geschäftsleitungssitzungen ein.

Swisscom ist in Bern und nahe an der Politik. Sind Sie eigentlich Mitglied einer Partei?
Ich bin in der FDP.

Nicht gerade eine Erfolgspartei.
Warten wir die Wahlen ab.

Wo sehen Sie in der Schweiz politischen Handlungsbedarf?
Mich stört, dass jede Partei für sich selber politisiert. Es bräuchte noch mehr Köpfe, die über die Parteigrenzen hinweg Lösungen erarbeiten.

Sie könnten mit dem guten Beispiel vorangehen und in die Politik einsteigen!
Das habe ich mir einmal überlegt. Aber ich kam zum Schluss: Ich bin nicht der Politiker-Typ und würde es auch zeitlich nicht schaffen. Ohnehin sollten wir vermehrt die Jüngeren ranlassen.

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