Selbst die Befürworter haben Managed Care verloren gegeben. Zu deutlich sprechen die Zahlen gegen die Vorlage. 58 Prozent hätten sie Anfang Juni bachab geschickt. Dies ergab eine GfS-Umfrage. Vier Wochen zuvor waren es erst 44 Prozent gewesen. Ein verheerendes Bild ergaben die Abstimmungsabsichten nach Partei-Sympathisanten. Wähler aller fünf grossen Parteien sagen Nein: Grüne (54 Prozent), SP (61), CVP (53), FDP (66) und SVP (68). Der Trend habe sich anders entwickelt als üblich bei Behördenvorlagen, sagte Claude Longchamp, Leiter der Studie. Die Ablehnung habe zugenommen. Grund: SP, SVP wie BDP wechselten aus dem Befürworter- ins Nein-Lager, was «fast flächendeckend für Verunsicherung» sorgte.

Regierung und Parlament droht damit am nächsten Sonntag ein Debakel im Gesundheitswesen. Damit hat die Suche nach den Sündenböcken begonnen. Genannt werden drei: die Dachgesellschaft FMH, die SP und Didier Burkhalter. «Die FMH hat sich in ihrer Urabstimmung gegen Managed Care ausgesprochen – mit sehr manipulativen Schlagworten wie ‹freie Arztwahl› und ‹gegen Zweiklassenmedizin›», sagt Grünen-Nationalrätin Yvonne Gilli (SG). Und die SP sei «aus rein strategischen Gründen» gekippt, nachdem sie den Kompromiss «bis zum letzten Komma mitgetragen» habe. Gilli: «Der Entscheid der SP fiel im engeren Kreis. Dieser wollte die Einheitskasse nicht gefährden. Jacqueline Fehr als profilierteste SP-Gesundheitspolitikerin steht da speziell in der Verantwortung.»

Aber auch Bundesrat Didier Burkhalter wird offen kritisiert. Er war es, der als Innenminister die Vorlage von Pascal Couchepin weiterentwickelt hatte. Ende Jahr wechselte er ins EDA. Dass er seit Januar zu «seiner» Managed-Care-Vorlage praktisch schwieg, ist bei BDP-Nationalrat Lorenz Hess (BE) nicht gut angekommen. «Das ist schwach», sagt er. «Dass ein Bundesrat ein Geschäft, das er aufgegleist hat, auch nach einem Departementswechsel öffentlich vertritt, wird nicht nur verstanden, sondern sogar erwartet.» Burkhalter äusserte sich in den letzten fünf Monaten nur einmal öffentlich: vor den FDP-Delegierten. Immerhin erwähnte er die Vorlage auch in Reden. Insider betonen, Burkhalter habe einen Doppel-Auftritt mit Innenminister Alain Berset zum Kampagnenauftakt zwar vorgeschlagen. Doch er sei nicht zustande gekommen. Auch Interviews zu Managed Care fielen ins Wasser. Gemäss «Le Matin» wollten «La Liberté», «L’Express» und «Le Nouvelliste» nicht mit Burkhalter reden – sondern mit Berset.

Berset habe sich einsam gefühlt, sagen Insider. Etwas Rückendeckung bekam er von Simonetta Sommaruga. Sie, die als Ständerätin für Managed Care war, äusserte sich positiv zur Vorlage. «Mit Burkhalter und Sommaruga an vorderster Front hätten wir die Meinungsbildung wohl umkehren können», glaubt Gilli. Sie macht diesen aber keinen Vorwurf.

Bei der SP kontert man die Schuldzuweisung vehement. «Wenn eine Vorlage scheitert, sind jene verantwortlich, die sie so verabschiedet haben», betont Nationalrätin Jacqueline Fehr (ZH). Und zur Kritik, die SP habe einen rein taktischen Entscheid gefällt, meint sie: «Das ist Blödsinn und ein Konstrukt.» Die SP habe immer zwei Bedingungen für ein Ja gestellt: tieferer Selbstbehalt und keine zusätzliche Macht für die Kassen.

Der Scherbenhaufen dürfte gross sein. «Nachdem es uns gelungen war, die mühsame Blockade zu beenden, die seit 2004 herrschte», sagt Gilli, «erschwert ein Nein alles wesentlich.» Von «ein wenig verbrannter Erde», spricht gar Hess. «Ich sehe kein Rezept, da wir zwischen zwei Pol-Positionen stehen: Die SVP will liberalisieren, die SP die Einheitskasse.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!