VON PETER BURKHARDT

Anfang Jahr brachte der Bundesrat ein Reizwort wieder aufs Tapet: den Pendlerzuschlag. Er verlangte von den SBB, die Billettpreise von der Tageszeit abhängig zu machen.
Jetzt setzt SBB-Chef Andreas Meyer noch einen obendrauf: Er fordert Tarife je nach Qualität des Wagenmaterials. «Zu prüfen ist auch, inwieweit bei der Preisgestaltung der Qualität des Angebots Rechnung getragen werden kann», sagt Meyer im Interview mit der SBB-Kundenzeitschrift «Via».

Und er stellt die Frage in den Raum: «Kann das Reisen im hochmodernen, klimatisierten Zug allenfalls etwas teurer sein? Auch in diese Richtung müssen wir uns Gedanken machen.»
Nach Qualität abgestufte Tarife seien beim Verband öffentlicher Verkehr ein Thema, bestätigt Direktor Peter Vollmer. «Andreas Meyer formuliert etwas, was in der Luft ist.»

Der Verband ist für die Festlegung der Billettpreise zuständig und tüftelt zurzeit an einem neuen Tarifsystem. Es soll ab Ende 2012 schrittweise eingeführt werden. «Die Idee, dass der Tarif an die Qualität geknüpft ist, ist nicht falsch», sagt Vollmer. «In der Projektskizze für das neue Tarifsystem ist das ein Element.»

«Alles ist im Ideenstadium», sagt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. Recherchen des «Sonntags» zeigen jedoch, dass bereits mehrere Varianten im Gespräch sind:

Zuschläge für Luxus: Für Züge, die besser ausgestattet sind als ein gewöhnlicher Regionalzug – beispielsweise mit Computerarbeitsplätzen und garantiertem WLAN-Anschluss –, wird ein Zuschlag erhoben.

Zuschläge für gute Strecken: Einzelne Strecken, die einen gewissen garantierten Standard haben, werden teurer. Diese Variante wird von Peter Vollmer bevorzugt. «Beispielsweise könnte man im Gotthard-Basistunnel etwas mehr zahlen, wenn man zu Spitzenzeiten ein sehr gutes Fahrplanangebot und super Rollmaterial hat, als wenn man in einer Randzeit einen Interregio-Zug mit älterem Rollmaterial benützt.»

Höhere 1.-Klass-Preise: Möglich ist auch, dass 1.-Klass-Passagiere bald tiefer in die Tasche greifen müssen. «Es ist denkbar, dass man die 1. Klasse noch ein wenig verteuert», sagt Vollmer.
Die Pläne begründet der Verband öffentlicher Verkehr mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck, der auf den Bahnen lastet. «Wir müssen mehr Einnahmen generieren, um vor allem unsere ausgebauten Angebote zu finanzieren», sagt Vollmer. «Und zwar dort, wo der Kunde bereit ist, mehr zu zahlen.» Bei besonders guten Angeboten sei dies bestimmt der Fall.

Das sehen die Kundenvertreter anders: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass das von den Passagieren akzeptiert würde», sagt Bruno Eberle, Sprecher des SBB-Kundenbeirats. «Ein grosser Vorzug des heutigen Systems ist, dass man jederzeit in jeden Zug einsteigen kann.»

Die Bahnen sollten die einheitliche Tarifgestaltung unbedingt beibehalten, fordert auch Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz. «Die Pläne der SBB gehen in die total falsche Richtung. Wir wollen nicht dort landen, wo die Deutsche Bahn ist, bei der man seinen Platz reservieren muss.»

Ein System wie in Deutschland und Frankreich sei nicht das Ziel, beteuert Peter Vollmer. «Es darf sicher nicht dazu führen, dass die Passagiere eingeschränkt werden. Man soll auch künftig überall und jederzeit einsteigen können.»

Um diese Vorgabe zu erfüllen, arbeiten die Bahnen an einem elektronischen Abrechnungssystem, das die Passagiere erfasst, wenn sie ein- und aussteigen. Diese Idee haben die SBB vor einigen Jahren bereits einmal verfolgt. Doch wegen zu hoher Kosten wurde das Projekt «Easyride» wieder beerdigt.

Nun nehmen es die Bahnen wieder aus der Schublade. «Die Grundidee des Projektes Easyride wird sicher – wenn auch mit heutigen Technologien und damit möglicherweise bedeutend vereinfacht und kostengünstiger – wieder aufgenommen», bestätigt Peter Vollmer. Denkbar sei beispielsweise die Abrechnung übers Handy.

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