Herr Gmür, vor einem Jahr wurden Sie zum Bischof geweiht. Wie hat das Ihr Leben verändert?
Felix Gmür: Ich bin mehr unterwegs als vorher, habe mit mehr Menschen zu tun. Aber meine Aufgabe ist dieselbe geblieben: Das Evangelium zu verkünden.

Was ist die häufigste Frage, die Ihnen gestellt wird, wenn Sie unterwegs sind?
(denkt nach) Sehr oft höre ich den Wunsch: Wir möchten einen Pfarrer. Viele Gemeinden haben ja keinen mehr. Das beschäftigt die Leute.

Und was sagen Sie ihnen?
Sobald wir einen haben, geben wir ihn euch (lacht). Nur, ich kann nichts schenken, was ich nicht habe. Manchmal frage ich zurück: Wann hat Ihre Gemeinde dem Bistum zum letzten Mal einen Pfarrer geschenkt? Irgendwo her muss das Personal kommen. Pfarrer fallen nicht vom Himmel. Es wäre schön, wenn es da und dort wieder junge Männer gäbe, die Pfarrer werden möchten.

Wenn Sie einer Gemeinde mal einen Pfarrer geben können, dann ist es meist ein Ausländer: Afrikaner oder Osteuropäer. Wäre es nicht sinnvoller, Laientheologen mit Schweizer Pass dürften die Messe feiern?
Entscheidend ist nicht die Nationalität, sondern dass sie Deutsch können und vor allem, dass sie sich auf unsere Kultur einlassen. Es gibt Ausländer, die integrieren sich super; mit anderen haben wir mehr Mühe. Es gibt aber auch Schweizer Laientheologen als Gemeindeleiter, die Stärken und Schwächen haben.

Sie sind erst 45-jährig, gelten als aufgeschlossen. Viele setzen die Hoffnung in Sie, dass bei Ihnen auch Laientheologen die Eucharistie feiern dürfen.
Der Eucharistiefeier steht der Priester oder der Bischof vor, das wissen die Leute. Die Priesterweihe wiederum wird gekoppelt an ein zölibatäres Leben. Das war in der Kirchengeschichte nicht immer so. Es kann sich alles ändern und entwickeln. Aber dazu braucht es eine gesamtkirchliche Diskussion – nicht nur in der Schweiz. Erst mal müsste man sich in Europa einig sein und dann mit anderen Kontinenten ins Gespräch kommen.

Das ist unglaublich schwerfällig, so wird sich nie etwas ändern.
Nein, das ist nicht schwerfällig, das ist spannend!

Werden Sie es noch erleben, dass auch verheiratete Männer die Eucharistie feiern dürfen?
Ich bin kein Prophet. Aber wir werden noch Dinge erleben, die wir nie für möglich gehalten hätten.

Sogar Frauen als Priesterinnen?
Das weiss ich nicht.

Haben Sie die Hoffnung, arbeiten Sie aktiv darauf hin – oder nehmen Sie es einfach, wie es halt kommt?
Ich diskutiere mit den Menschen und in den Gremien darüber. Doch es geht nicht nur darum, ob Verheiratete oder Frauen Priester werden dürfen. Sondern, ob sich überhaupt noch jemand für den Dienst in dieser Kirche gewinnen lässt. Diese Frage ist das Grundproblem: Wenn gar niemand Priester werden will, dann ist unerheblich, ob es ein Mann oder eine Frau ist und ob er oder sie verheiratet ist oder nicht.

Was muss sich ändern, damit es wieder junge Priester gibt?
Das gelebte Christentum muss im Alltag wieder eine Rolle spielen. Heute ist die Kirche für die meisten Menschen zu einer blossen Anlaufstelle geworden – für Ereignisse wie Taufe, Hochzeit, Beerdigung. Wir werden erst wieder genügend Priester finden, wenn es Menschen gibt, für die der Glaube im Leben präsent ist.

Was tragen Sie als Bischof dazu bei?
Ich versuche die Menschen zu motivieren. Letztlich geht es um das, was Papst Benedikt XVI. «Neu-Evangelisierung» nennt. Das Evangelium verschwindet zunehmend aus dem Bewusstsein. Irgendwann ist es auch bei niemandem mehr vorhanden, wenn es um die Berufswahl geht.

Sie stellen eine Ent-Evangelisierung fest?
Ja, eine Ent-Evangelisierung – oder auch eine Ent-Christlichung unserer Gesellschaft. Es handelt sich um ein westeuropäisches Phänomen. In anderen Gegenden der Welt beobachten wir die gegenteilige Entwicklung.

Warum gibt es gerade bei uns dieses Problem?
Das hat mit der fortschreitenden Säkularisierung unserer Gesellschaft zu tun. Wir sind eine Gesellschaft, die an den Fortschritt glaubt, und dieses Wissen ist für viele nicht vereinbar mit dem Glauben. Wir wissen immer mehr – so viel, dass wir glauben, alles allein zu können. Und was wir nicht wissen, das kann es nicht geben. Dabei haben Glaubenswahrheiten einen ganz anderen Sinn.

Welchen denn?
Glaubenswahrheiten sind immer existenzieller Natur. Sie betreffen mein Dasein. Es sind nicht irgendwelche Sätze, die wahr oder falsch sind. Es sind Grundüberzeugungen und Grundwahrheiten, die ins Herzen und nicht ins Hirn weisen.

Freikirchen, vor allem evangelikale wie ICF, haben grossen Zulauf. Sie berühren offenbar die Herzen. Wie entscheidend ist die Form, wie die Religion gelebt wird?
Die Form ist sicher wichtig. Da müssen sich die Kirchen – die katholische wie die reformierte – fragen, ob sie ihre Message noch so rüberbringen, dass sie das Publikum versteht. Ein Problem ist beispielsweise die Sprache. Die Sprachkompetenz in der Schweiz nimmt ab, man drückt sich immer einfacher aus. Die Kirche aber spricht noch immer gleich kompliziert wie früher.

Sie fordern mehr Volksnähe?
Ja, wir sollen volksnäher reden – und vor allem volksnäher leben. Ich lege Wert darauf, so zu predigen, dass man mich versteht. Die Wort- und Satzwahl muss sich an den Leuten orientieren, die zuhören.

Was ist der häufigste Wunsch, den Sie von den Seelsorgern und Priestern zu hören bekommen?
Sie wollen mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Viele Seelsorger laufen gegen das Limit. Sie haben sehr viel zu tun. Die Arbeit nimmt zu, weil sie immer differenzierter wird. Jeder Gläubige wird sozusagen zum «Sonderfall», und das bedeutet eine intensive Betreuung.

Droht vielen Priestern ein Burnout?
Heute ist die Gefahr der Überforderung gross. Es gibt immer weniger Priester, und die Gläubigen werden immer anspruchsvoller. Das bewältigen nicht alle. Ich appelliere jeweils an die Fantasie der Seelsorger: Beschränkt euch auf das Wesentliche. Setzt Prioritäten. Reduziert auch mal gewisse Tätigkeiten. Aber Nein sagen fällt einem Seelsorger meist schwer – und sobald man in der Gemeinde eine Aktivität abbaut, wird reklamiert.

Wie tanken Sie Energie?
Ich gehe Ski fahren. Zuletzt war ich in Adelboden. Und auch im Sommer gehe ich gern in die Berge, da schöpfe ich Kraft.

Sie plädieren dafür, dass die Kirche auch politisch Stellung nimmt. Was haben Sie gedacht, als Sie davon hörten, dass in der Region Basel Asylsuchende im Freien übernachten mussten?
Das ist eine menschliche Katastrophe. Es geht ja um Menschen, das ist banal – wird aber in der Asylpolitik oft vergessen. Die Schweiz ist keine Insel der Glückseligen: Wir sind Teil dieser Welt, und ihre Probleme gehen nicht an uns vorbei. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

Spüren Sie Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz, etwa wenn Sie nach Bettwil schauen?
Was in Bettwil geschah, gibt mir zu denken. Dort sind alle Parteien gegen das Asylzentrum, auch diejenigen, die sonst Verständnis für die Anliegen der Flüchtlinge haben. Es ist ein Phänomen: Sobald die «Probleme» vor der eigenen Haustür ankommen, macht man die Augen zu. Ich erlebe aber auch Gegenteiliges. Ich spüre ein grosses Solidaritätspotenzial in der Bevölkerung. In Basel nahmen gewöhnliche Bürger Asylsuchende bei sich auf, als diese kein Bett hatten.

In der Politik gewinnt man kaum Wähler, wenn man für Solidarität mit Asylbewerbern plädiert.
Mich stört die Polarisierung in der Ausländerfrage. Die Polarisierung führt hier zu einer Paralysierung. Es geht nur noch um Parolen, nicht mehr um Problemlösung. Das ist traurig. Mir scheint, zu meinen Zeiten als Student sei das Klima noch anders gewesen.

Spielen Sie auf die SVP an?
Die Frage ist: Was ist Ursache, was Wirkung? Nutzt die SVP eine bereits vorhandene ausländerkritische Grundstimmung aus, um Wähler zu gewinnen – oder hat sie selber zu dieser Stimmung beigetragen? Ich weiss es nicht. Was mich insbesondere stört: Die Vermutung bei einem Asylbewerber sollte doch sein, dass er Anrecht auf Asyl hat – bis der Asylentscheid gefallen ist. Analog zur Unschuldsvermutung bei einem Prozess.

Und die Vermutung ist hier eine andere?
Das ist doch offensichtlich. Wer hierherkommt, der gilt im Voraus als Wirtschaftsflüchtling, im besten Fall. Meistens noch als Krimineller. Nochmals: Es geht um Menschen!

Viele sind tatsächlich kriminell.
Wie viele? Eine sehr kleine Minderheit. Ich will das nicht verharmlosen; wer sich nicht an die Gesetze hält, soll anständig, aber konsequent behandelt werden. Aber mir geht es um die Grundannahme: Bis ein Asylentscheid vorliegt, sollten wir von einem echten Flüchtling ausgehen. Und nicht von einem Verbrecher.

Ist die Ausländerfeindlichkeit salonfähig geworden?
Bis zu einem gewissen Mass, ja. Hier stelle ich eine Veränderung fest. Lesen Sie einmal in Blogs oder Onlinekommentaren auf Newsportalen. Da bekommen Sie den Eindruck, dass weite Teile der Bevölkerung glauben: Da drängen lauter Verbrecher aus Afrika in die Schweiz!

Halten Sie die Asylpolitik des Bundes für zu hart?
Ich meine, unsere Asylpolitik sollte sich im Rahmen der europäischen Asylpolitik bewegen. Die Standards sollten die gleichen sein auf unserem Kontinent. Ich finde es falsch, wenn wir als wohlhabendes Land mit einer humanitären Tradition die Härtesten sein wollen.

Die Kirche hat leicht reden. Was tut sie denn selber?
Es gibt sehr viele Initiativen auf Pfarreiebene, in katholischen wie reformierten Gemeinden. Und vergessen wir die kirchlichen Hilfswerke und das Engagement vieler einzelner Menschen nicht. Schon mein Vorgänger, Bischof Kurt Koch, hat immer betont: Diakonie ist die praktische Nächstenliebe. Das ist ein zentraler kirchlicher Auftrag. Man kann nicht eine goldene Orgel einbauen, und daneben verhungert ein Flüchtling.

Welches Verhältnis haben Sie eigentlich zur CVP? Dort wird zurzeit über die Abschaffung des «C» im Parteinamen diskutiert.
Das wundert mich. Gerade durch die Einwanderung von Muslimen gewinnen doch die christlichen Werte wieder an Bedeutung. Die Bevölkerung will die christlichen Werte bewahren, da ist man sich in der Politik einig. Darum verstehe ich nicht, warum das «C» ein Problem sein soll.

Das «C» ziehe nicht mehr, sagen Parteiexponenten.
Aber was ist die CVP ohne «C»? Dann kann sie sich auch BDP oder FDP oder irgendwie nennen.

Kirchenpolitisch sind die Schweizer Bischöfe zerstritten. Sie und der St. Galler Bischof Büchel bilden den fortschrittlichen Flügel, der Churer Bischof Huonder gilt als ultrakonservativ. Warum sehen Sie heikle Themen wie Laientheologen oder Sexualkunde an Schulen so unterschiedlich?
Wir führen unter den Bischöfen Diskussionen. Das ist doch normal. Es herrscht Meinungsvielfalt in unserer Kirche, und das widerspiegelt sich auch in der Bischofskonferenz. Man kann und darf bei vielen Fragen unterschiedlicher Meinung sein – solange wir die gleichen Grundwerte teilen.

Sie sind mit Abstand der jüngste Bischof. Haben Sie keine Mühe mit den älteren Herren im Kollegium?
Nein. Es ist übrigens auch nicht so, dass Ältere immer konservativer sind als Jüngere.

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