In Zürich hätte das jüngste Theaterstück des Schweizer Grossintellektuellen Urs Widmer aufgeführt werden sollen – wenn es nach dem Willen des Autors gegangen wäre. «Das Ende vom Geld» handelt vom Weltwirtschaftsforum WEF und ist wirtschaftskritisch. Intendantin Barbara Frey lehnte das Manuskript ab. Wie üblich im Theatergeschäft liess sie den Autor über die Gründe im Dunkeln.

Wie zwei unabhängige Quellen nun gegenüber dem «Sonntag» erklären, habe die Theaterleitung mit der Nichtberücksichtigung auf sanften Druck aus dem Sponsorenumfeld reagiert. Die drei wichtigsten Geldgeber der Zürcher Bühne sind die Credit Suisse, Swiss Re und die Migros.

Jetzt wird Widmers Stück in St. Gallen aufgeführt. Das ist zwar keine eigentliche Bankenstadt, hier befindet sich aber immerhin der Hauptsitz der Raiffeisen-Zentrale – und auch die Bank Wegelin startete von der Olma-Stadt aus ihre weltweite Offensive ins Steuerhinterziehungsgeschäft.
Warum wird das Bankenstück dort gezeigt und nicht in Zürich? Hat dort der Doyen unter den Bankern, Walter B. Kielholz, eingegriffen, der in den Verwaltungsräten der Sponsoren CS und Swiss Re sitzt und bekannterweise in Kulturangelegenheiten gern die Fäden zieht?

Intendantin Barbara Frey lässt über ihre Sprecherin ausrichten, dass «die Entscheidung, welche Stücke auf den Bühnen des Schauspielhauses Zürich gezeigt werden, bei der Theaterleitung» liegt. Sie hält fest, dass Partner und Sponsoren nie versucht hätten, Einfluss auszuüben.

Nur, es gibt bekanntlich subtilere Methoden als plumpe Interventionen. Der Präsident des Schauspielhauses heisst Bruno Bonati. Er sagt: «Natürlich steht ein Intendant unter Druck, aber nicht wegen einzelner Stücke, die den Partnern oder Sponsoren nicht passen, sondern wegen seiner künstlerischen Leistung.» Frau Frey erbringe eine hervorragende künstlerische Leistung.

Doch wer ist Bruno Bonati? Ein Unternehmensberater aus Zug. Und noch mehr: Bonati sass früher in der Geschäftsleitung der Credit Suisse. Aus dieser Zeit kennt er auch Walter Kielholz. In einem Interview 2007 sagte er, dass er im Alter von 56 Jahren vorzeitig pensioniert wurde und dass ihn dabei die Credit Suisse «sehr grosszügig» behandelt habe. Bonati ist seit 2007 Präsident des Schauspielhauses.

Urs Widmer, der verschmähte Autor, mag sich nicht zur Kontroverse äussern, er findet es einfach «schade», dass Zürich abgelehnt hat. Lieber redet er über das Stück, in dem die Banken die Welt ins Chaos führen. «Die Vorgänge in der Finanzwelt haben etwas Perverses», sagt Widmer, der sich seit Thatcher und Reagan für Wirtschaftsfragen interessiert. «Das reale System ist uns noch nicht um die Ohren geflogen. Doch wenn es das tut, haben wir echte Probleme.»

Urs Widmer ärgert sich aber auch über die mediale Inszenierung der Wirtschaft: «Die perverseste Sendung des Schweizer Fernsehens ist der Börsenbericht vor der Tagesschau.» Darin müsse der Sprecher seit Jahren so tun, als sei das Schicksal der Börse das Schicksal der Nation. Das werde mit einem dermassen selbstverständlichen Ernst zelebriert, dass die Leute inzwischen daran glaubten. «Aber», sagt Widmer: «Das stimmt hinten und vorne nicht.»

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