VON PATRIK MÜLLER

Verwaltungsratspräsident Ulrich Gygi hat ihn angefragt – und er hat zugesagt. Peter Siegenthaler (61) will sich dazu erst gar nicht äussern, bestätigt dann aber gegenüber dem «Sonntag»: «Wenn der SBB-Verwaltungsrat und der Bundesrat finden, das sei eine gute Lösung, stehe ich zur Verfügung.» Der als brillanter Analytiker und gewiefter Verhandlungsführer geltende Siegenthaler wird wohl neuer SBB-Verwaltungsrat. Es scheint sehr unwahrscheinlich, dass er im Bundesrat, der ihn wählen muss, durchfällt.

Recherchen zeigen, dass das zuständige Verkehrsdepartement von Bundesrat Moritz Leuenberger bereits mit Siegenthaler Kontakt aufgenommen hat.

Das neue Mandat ist in zweierlei Hinsicht pikant: zum einen, weil es sich um einen Seitenwechsel handelt. Siegenthaler sass in den vergangenen zehn Jahren als Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung oft mit den SBB-Chefs am selben Tisch – und musste deren Begehrlichkeiten entgegentreten, etwa wenn es um die Pensionskasse ging. Im Auftrag von Bundesrat Hans-Rudolf Merz (und zuvor Kaspar Villiger) focht er so manchen Strauss mit den Bahnmanagern aus. Als SBB-Verwaltungsrat aber muss er sich künftig dafür einsetzen, dass die SBB mehr Geld vom Bund erhalten: Vorgestern gab das Unternehmen bekannt, dass es jährlich 850 Millionen Franken mehr brauche, um das Netz instand zu halten.

Zum anderen wird wohl der Filzvorwurf aufkommen. Denn Gygi und Siegenthaler sind seit ihrer Jugend befreundet und haben vieles gemeinsam: Sie studierten zusammen an der Universität Bern, traten beide in die SP ein und arbeiteten gemeinsam in der Eidgenössischen Finanzdirektion – Siegenthaler war Gygis Stellvertreter, bevor dieser im Jahr 2000 Postchef wurde.

Seit der Studienzeit sind beide auch mit Ex-SBB-Chef Benedikt Weibel befreundet. Alle drei waren Assistenten bei Wirtschaftsprofessor Walter Müller – deswegen nannte man sie auch die «Müller-Boys». Siegenthaler war der Gescheiteste von den dreien, wie ihr Professor einmal sagte. Seit 35 Jahren treffen sich Gygi, Siegenthaler und Weibel zu einem wöchentlichen Stamm.

Siegenthaler soll den Sitz von Ulrich Sinzig erben, der seit 1999 Verwaltungsrat und seit 2002 dessen Vizepräsident ist. Der 66-jährige Sinzig, der ebenfalls SP-Mitglied ist und einst den Langenthaler Stadtrat präsidierte, wird im Frühjahr altersbedingt zurücktreten, was bislang noch nicht bekannt war. Siegenthaler wird aller Voraussicht nach «nur» einfacher Verwaltungsrat und nicht Vizepräsident. Wer diesen Posten übernimmt, ist zurzeit noch offen. Für Siegenthaler ist es das zweite Mandat: Im Juli wird er zudem Präsident des Kantonalbanken-Verbandes.

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