VON FLURINA VALSECCHI

Frau Saalfrank, stört es Sie, dass Sie die Übermutter der Nation sind?
Katia Saalfrank: Ich fühle mich nicht als solche und bin es auch nicht! Wenn mich jemand «Super Nanny» ruft, dann reagiere ich gar nicht. Der Name ist sehr ungünstig gewählt. Alle denken erst mal, da kommt jetzt eine, die perfekt ist, eben «super» – und erst noch eine «Nanny». Ich passe aber weder auf die Kinder auf, noch bin ich super. Ich bin einfach Diplompädagogin und unterstütze Familien.

Sie haben vier Kinder. Wie managen Sie Ihren Familienalltag?
Ich mache das wie Hunderttausende von anderen berufstätigen Müttern auch. Ich bin gut organisiert und habe Betreuungsmöglichkeiten in Form der Schule. Und ich bin in der privilegierten Situation, mir alles mit meinem Mann teilen zu können: Wir unterstützen uns gegenseitig – schon immer!

Und da kommen Sie nie an den Anschlag mit all Ihren Aufgaben?
Es wäre Unsinn, wenn ich das behaupten würde. Ich habe ein ausgefülltes Leben, und das will ich auch so. Die Frage ist, ob man die Warnsignale von Überforderung früh genug erkennt und dann auch ein bisschen kürzertreten kann. Das erleben ja alle berufstätigen Eltern, dass es Zeiten gibt, wo es eng wird – aber auch Zeiten, wo es wieder entspannter ist.

Erklären Sie uns: Warum brauchts eine «Super Nanny»-Sendung?
Wenn Sie mich so direkt fragen: Ich glaube, Deutschland braucht weder eine «Super Nanny» noch eine solche Sendung. Kinder jedoch brauchen eine Gesellschaft, in der sie sich willkommen fühlen und die für ihre Bedürfnisse sensibilisiert ist. Dazu trägt meine Arbeit und somit auch die Sendung bei.

Aber Sie machen an vorderster Front mit . . .
Ja, wie gesagt, weil es ein wichtiger Beitrag für das ist, was Kinder heute erleben. Und weil ich die Gesellschaft sensibilisieren möchte. Es wird ein neuer Blickwinkel gezeigt, jener vom Kind aus. Den kennen wir oft noch nicht oder wollen ihn nicht wahrnehmen.

Öffentliche Diskussionen über Schwierigkeiten mit Kindern in der Schule kennen wir schon lange, aber was zu Hause passiert und was die Gründe dafür sind, darüber wird wenig geredet. Die Sendung zeigt den Alltag von Kindern zu Hause und die Zusammenhänge, die zu Schwierigkeiten führen. Oft sind Kinder tagtäglich enormen Spannungen in ihrer Familie ausgesetzt.

Trotzdem: Soll es mehr sein als eine unterhaltsame TV-Show?
Das ursprüngliche Format aus England sollte vor allem Unterhaltung sein. Das war nie mein Ansatz und hat sich auch bei allen Beteiligten schnell verändert. Ich versuche Dinge zu zeigen, die im Verborgenen stattfinden und für Kinder extrem belastend sind. Es geht auch auch um Gewalt, schlagende Eltern und psychische Gewalt, die wir vor Jahren noch gar nicht richtig wahrgenommen haben.

Macht es Sinn, solch tragische Familienschicksale im Fernsehen zu zeigen?
Es geht nicht um tragische Schicksale, sondern um das Verstehen von Zusammenhängen. Eine öffentliche Arbeit zu diesen sensiblen Themen ist immer eine Gratwanderung, das ist ganz klar. Und trotzdem sind es Tabuthemen, die hinter geschlossenen Türen stattfinden – auch wenn man sie nicht zeigt.

Es kann sich meiner Meinung nach nichts ändern, wenn wir uns diesen Themen nicht intensiv zuwenden und darüber sprechen. Die Sendung dauert 45 Minuten, und die Zuschauer sehen dort das, was Kinder oft schon ein ganzes Leben lang erleben. Für uns ist es oft nicht mal die kurze Zeit zum Auszuhalten. Wie aber wird es erst den Kindern ergehen?

Aber wäre es nicht dienlicher, wenn Sie die Familien ohne Scheinwerfer und Kameras betreuen würden?
Das wäre auch eine Möglichkeit – obwohl es diese intensive Form der päd-agogischen Arbeit mit Familien in keinem Rahmen so gibt. Mir geht es aber auch um die Öffentlichkeit, und ich stehe zu der Kamera! Und es sind die Familien, die ihre Türen und Herzen öffnen für diese Form der Arbeit. Ich gehe ja nicht in irgendein Haus und reisse einfach die Tür auf.

Im Gegenteil: Ich werde von den Familien eingeladen, ich bekomme einen Arbeitsauftrag, und wir schliessen ein Arbeitsbündnis. Die Familien haben oft Beweggründe dafür, warum sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gehen. Nur wenn Menschen sich trauen, es öffentlich zum Thema zu machen, können wir darüber sprechen und Hilfe anbieten.

Und was passiert, wenn Sie und Ihr Kamerateam wieder weg sind?
Ich verbringe sechs bis zehn Tage in den Familien. Danach werden sie von meinem psychologischen Team nachbetreut. Die Familien werden dann in die Hilfssysteme vor Ort eingebunden und nicht alleingelassen – im Gegenteil, es geht dann oft erst richtig los. Die Psychologen sind dabei, wenn die Sendung ausgestrahlt wird. Sie sprechen über das Gesehene und über Situationen, die nicht ausgestrahlt wurden, für die Familie vielleicht aber wichtig waren.

Verraten Sie uns Ihren erfolgreichsten Erziehungs-tipp?
Nein, den gibts nicht.

Aber Sie haben doch in jeder Situation den passenden Ratschlag parat.
Ich gebe nur ungern Ratschläge und Tipps schon gar nicht. Es ist nicht wie beim Kochen. Da fragt man: «Wie kochst du? Machst du da Pfeffer dran oder nicht?» Ich möchte verhindern, dass ähnlich wie beim Kochen auch mit Kindern umgegangen wird. Wir Menschen sind sehr individuell, und es gibt kein Rezept, wie man eine Beziehung zu Kindern gestalten sollte. So einfach ist es eben nicht.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?
Ich schaue zuerst genau hin, damit ich verstehen kann, was in dieser Familie überhaupt passiert. Dann kann ich mit der Familie an ihren Themen arbeiten. Ich komme also nicht mit einer fixen Idee zu einer Familie – so würde ich das Risiko eingehen, nicht mehr auf alle Signale zu schauen. Kinder haben die Stärke, zu zeigen, wenn etwas nicht stimmt.

Sie zeigen ein ungefiltertes Verhalten, das wir nur deuten müssen. Wenn es uns gelingt, Verständnis für das Verhalten des Kindes aufzubringen und es im Kontext seiner Umwelt zu deuten, dann ist viel gewonnen.

Kann man lernen, ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein?
Die Frage ist nur, was gute Eltern sind. Beziehung kann man nicht lernen wie das Einmaleins, sondern nur erfahren. Und gute Eltern sind vielleicht auch nicht unbedingt die, die ihre Kinder perfekt versorgen. Es geht ums Menschsein; darum, eine positive Beziehung zu leben.

Die Beziehungsfähigkeit in unserer Gesellschaft ist in den letzten Jahren nicht mehr so stark ausgeprägt. Menschen gehen viel häufiger schnell auseinander, beenden Beziehungen lieber, als in Auseinandersetzung zu gehen. Viele Eltern wollen, dass ihr Kind funktioniert. Weil sie es nicht sofort verstehen können, interessiert es sie gar nicht, warum ein Kind jetzt so oder so reagiert.

Was brauchen Kinder?
Eines der wichtigsten Dinge, die man Kindern geben kann, ist Sicherheit. Kinder müssen die Erfahrung machen dürfen, dass sie um ihrer selbst willen geliebt werden, und brauchen eine stabile, verlässliche Beziehung. Sie sollen sich auch ausprobieren können und ihre Erfahrungen machen dürfen. Das erlebe ich oft als Missverständnis: Eltern denken, Kinder müssen immer perfekt sein und alles muss glatt laufen.^

Ist das Familienleben schwieriger als früher?
Früher waren Kinder nicht planbar, die Menschen liebten sich, und die Kinder kamen einfach zur Welt. Dadurch waren Kinder sehr viel selbstverständlicher, aber sie waren auch viel beiläufiger im Leben der Erwachsenen. Keiner hat sich darüber Gedanken gemacht, wie ein Kind aufwachsen soll. Das war auch nicht gut, denn Gewalt war dadurch ein legitimes Mittel, mit Kindern umzugehen.

Und heute machen sich die Eltern zu viele Gedanken um ihre Kinder?
Wir gehen heute viel differenzierter mit Kindern um, weil wir viel mehr über ihre Entwicklung wissen. Das führt auch dazu, dass eine Unsicherheit da ist, wie man in Beziehung zu seinem Kind geht. Unsere Gesellschaft verlangt perfekte Mütter, perfekte Ehefrauen und perfekte Berufsfrauen, dasselbe gilt natürlich für die Männer.

Und dem können wir gar nicht gerecht werden. Dadurch, dass Kinderhaben nicht mehr selbstverständlich ist, dass beide Eltern berufstätig sind und dass man die Kinderbetreuung anders organisieren muss, ist es heute bestimmt nicht einfacher für junge Familien.