VON SARAH WEBER

Sie sind der Albtraum jedes Vermieters. Miet-Nomaden unterschreiben den Mietvertrag, ziehen in die Wohnung ein – und bezahlen dann wenig bis gar nichts mehr. Bis ein Vermieter die rechtlichen Schritte eingeleitet und vor Gericht durchgesetzt hat, sodass er die Wohnung räumen lassen kann, vergeht meist ein halbes Jahr oder länger. In dieser Zeit wohnen die Mieter gratis.

Bisher waren miet-Nomaden vor allem aus Deutschland bekannt, doch: «In den letzten Jahren hat das Problem in der Schweiz zugenommen», sagt Monika Sommer, stellvertretende Direktorin des Hauseigentümerverbands Schweiz (HEV). Mit der zunehmenden Mobilität und den offenen Grenzen sei es für die dreisten Mieter einfacher geworden, zu verschwinden. Kann der Vermieter die Ausweisung gerichtlich durchsetzen, verschwinden die Mietnomaden. Nicht selten muss der Vermieter sogar die hinterlassenen Möbel einstellen lassen. Zurück bleiben Schäden und offene Rechnungen.

Denn: Mietzinsausfall, Reinigungskosten, Mängel, Handwerkerarbeiten muss der Vermieter vorschiessen. Bleibt der Mieter verschwunden oder hat kein Geld, bleiben die Kosten oft am Vermieter hängen. Betroffen sind meist kleinere oder private Verwaltungen, da sie sich häufiger auf den persönlichen Eindruck verlassen. Bei den grossen professionellen Verwaltungen ist es die Regel, dass die künftigen Mieter einen Betreibungsauszug vorlegen und Referenzen angeben müssen, die auch überprüft werden. So könnten sich die Vermieter absichern.

Die Zahlungsmoral hat aber auch bei überprüften Mietern nachgelassen. Das lässt sich anhand der Zahlungsverzugskündigung rückverfolgen. Das sind Kündigungen, die ausgesprochen werden, wenn ein Mieter nicht zahlt. Beim HEV Zürich erfasste man 2008 noch 29 solcher Kündigungen, 2010 waren es bereits 44. «Wir müssen die Mieter viel häufiger mahnen», beobachtet Direktor Albert Leiser.

Weiteres Indiz für diese Entwicklung ist die Zahl der Ausweisungen aus den Wohnungen. Der Präsident der Betreibungs- und Konkursbeamten Stefan Broger bestätigt: «Die Zahl der Ausweisungen aus den Wohnungen hat klar zugenommen, teilweise um mehr als die Hälfte.» Betroffen sind vor allem Einzelpersonen, aber auch Familien.

Beim Mieterverband weist man darauf hin, dass es einen Unterschied gibt zwischen den Leuten, die nicht zahlen wollen, und solchen, die nicht zahlen können. «Die hohen Mieten machen bei vielen Leuten einen Grossteil des Gesamtbudgets aus», sagt Regula Mühlebach, Geschäftsleiterin des Schweizerischen Mieterverbandes. Wirtschaftliche Veränderungen bringen viele Mieter deshalb schnell in finanzielle Bedrängnis. Mühlebach kritisiert: «Gerade für solche Fälle ist der Kündigungsschutz in der Schweiz noch viel zu schwach.»

Das Problem der Miet-Nomaden wird sich noch verschärfen: «Wir befürchten, dass diese Probleme auch in Zukunft weiter zunehmen», so Sommer vom HEV. Denn dieses Benehmen es sei auf gesellschaftliche Veränderungen, vor allem eine zunehmende Anonymisierung, zurückzuführen. Deshalb wappnen sich die Vermieter und prüfen eine schwarze Liste der Miet-Nomaden. Doch: «Auch der Datenschutz könnte hier zum Problem werden», so Sommer.

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