Der Brief kam per Einschreiben. Der Absender: die SP Basel-Stadt. Sie fordert zehn Topmanager auf, am 1. Mai auf dem Barfüsserplatz aufzutreten und «Ihren Lohn öffentlich zu rechtfertigen». Am Salär-Marterpfahl will die SP, die dominierende Partei am Rheinknie, «Abzocker» sehen wie etwa Joe Jimenez von Novartis, Severin Schwan von Roche und Sergio Ermotti von der UBS.

Eine solche Aktion einer arrivierten Partei wäre vor einigen Jahren völlig undenkbar gewesen. Ebenso, dass der Präsident der Wirtschaftspartei FDP einen Topmanager öffentlich als «Arschloch» bezeichnet, wie dies Philipp Müller vergangene Woche getan hat. Oder dass ebendieser Politiker, wenn er Vorträge vor gutbürgerlichen Rotariern oder Gewerblern hält, von ihnen als «Vertreter der Abzockerpartei» beschimpft wird.

Die Schweiz wird bisweilen als «Amerika Europas» bezeichnet, weil hier eine freiheitliche Wirtschaftsordnung, tiefe Steuern, das Leistungsprinzip und eine Skepsis gegenüber zu viel Staat tief verankerte Werte sind. Erleben wir gerade, wie sich das ändert? Gibt es nun eine helvetische Version des «Hunting the rich», eine Jagd auf Reiche, die das Wirtschaftsmagazin «Economist» weltweit beobachtet? Das Magazin titelte so vor dem Hintergrund, dass Frankreichs Präsident Hollande eine Einkommens-Spitzensteuer von 75 Prozent einführen will, dass Deutschlands SPD mit einem Spitzensteuersatz von 49 Prozent Wahlkampf macht und Obama die Topverdiener zur Kasse bittet.

Wissenschafter sprechen in der Tat von einer «Präferenzverschiebung», wie es im Vox-Jahresbericht 2012 des Forschungsinstituts GfS Bern heisst, der das Stimmverhalten der Bevölkerung untersucht und der «Schweiz am Sonntag» vorliegt. Seit 2006 habe sich das Gewicht zugunsten von Staatseingriffen verschoben. Das Fazit der Politologen: «Im Zweifelsfall spricht man sich heute eher für Staatseingriffe aus.»

Die Abzocker-Initiative, die das Volk mit einer satten Mehrheit von 68 Prozent angenommen hat, war nur der Anfang. Die 1:12-Initiative könnte gemäss Umfragen zurzeit eine Mehrheit finden. Philipp Müllers Ausraster hing mit dieser Vorlage zusammen, der er «reelle Chancen» gibt. Interessant: Die Schweizer Jungsozialisten, die das Begehren lanciert haben, sind radikaler als die Ex-DDR-Kommunisten. Die deutsche Partei «Die Linke» – Nachfolgerin der DDR-Einheitspartei SED – strebt eine Bandbreite von 1:20 an. Das heisst: Der höchste Lohn soll in Deutschland 20-mal so hoch sein dürfen wie der tiefste. Nicht 12-mal, wie das die Juso hierzulande fordern.

Noch populärer scheint die Mindestlohninitiative der Gewerkschaften zu sein, die mit der Tradition brechen will, dass die Sozialpartner die Löhne aushandeln. Der Staat soll künftig eine Untergrenze von 4000 Franken festlegen. Zustimmung gemäss aktueller Umfrage: 76 Prozent.

Am meisten Angst macht den Reichen im Land aber die Erbschaftssteuer-Initiative, die linke und kirchliche Kreise kürzlich eingereicht haben. Sie verlangt, dass Erbschaften über 2 Millionen Franken mit einem Satz von 20 Prozent besteuert werden. Milliardär und SVP-Nationalrat Christoph Blocher bezeichnet das Vorhaben als «ruinös»: Käme sie durch, würden viele Reiche die Schweiz verlassen.

Blocher ist einer derjenigen, die nach wie vor öffentlich für die Reichen und Grossverdiener einstehen. Sonst aber gibt es in dieser Sache kaum noch Wortführer. Spitzenverdiener wie die Chefs von Banken, Pharma- und Nahrungsmittelkonzernen meiden die Öffentlichkeit. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hält sie von den TV-Schirmen fern. «Kontraproduktiv» wäre das, heisst es. Stattdessen schickt der Verband eigene Funktionäre vor die Kameras. Mit durchschlagendem Misserfolg, wie der Auftritt von Rudolf Wehrli in der «Rundschau» zeigte.

Es war wohl eher ein Betriebsunfall, dass eine «Blick-Online»-Reporterin diese Woche Ernst Tanner, den CEO des Schokoladekonzerns Lindt & Sprüngli, vors Mikrofon kriegte. Tanner verteidigte sein Einkommen (7,2 Millionen Franken im Jahr) in aller Deutlichkeit: «Ich bin jeden Franken wert. Denn ich leite eines der erfolgreichsten Unternehmen der Schweiz.» Die Reaktionen der Online-Kommentatoren fielen erwartungsgemäss aus: «Grössenwahnsinniges Grossmaul» und «die Arroganz in Person» gehörte noch zum Milderen, was zu lesen war.

Kein Wunder, lassen sich kaum noch Politiker finden, welche die Millionenlöhne der Chefs von internationalen Konzernen öffentlich verteidigen – obschon es für Spitzensaläre im Zeitalter der Globalisierung gute Argumente gibt. «Bei diesem Thema können wir nur verlieren», sagt FDP-Präsident Müller.

Das freiheitliche Wirtschaftssystem, das überall auf der Welt, sogar in China, ganz oben zu Millionengehältern führt: Nur in der Schweiz kann das Volk über Eingriffe abstimmen. Für Christoph Blocher stellt sich die Frage, «ob die bürgerlichen Politiker noch die Kraft haben, zu den Grundsätzen einer liberalen Wirtschaftsordnung – der Erfolg für Arbeitsplätze und Verdienst – zu stehen.»

Blocher spricht von der «Gefahr der guten Jahre», die fehlgeleitete Ideen fördern würden: «Der Schweiz geht es, vor allem im Vergleich zu den anderen, relativ gut. Was macht der Mensch, wenn es ihm gut geht? Blödsinn», sagt Blocher. Und zitiert Goethe: « Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe guter Tage.»

Die Folge des «Blödsinns» laut Blocher: Vermögende Leute seien nicht mehr erwünscht, «jetzt werden diese fetten Kühe vertrieben, statt dass man sie weiterhin melken kann.» Blocher findet dramatische Worte: «Man macht die Schweiz kaputt!»

Die Schweiz und die Reichen – das ist eigentlich eine über Jahrzehnte andauernde Liebesgeschichte. Für vermögende Ausländer erfand man die «Pauschalsteuer», mit der sie so günstig wegkommen wie nirgendwo sonst in Europa. Es gibt weltweit einzigartige steuerliche Abzugsmöglichkeiten für alle – etwa für Pensionskassen-Einkäufe und Immobilien-Investitionen –, die aber vor allem für Grossverdiener einschenken.

Und vor allem: Man entfesselte einen Steuerwettbewerb zwischen Kantonen und Gemeinden, der zu phänomenal tiefen Sätzen gerade für die obersten Einkommen führte, etwa in den Kantonen Schwyz (Wollerau, Freienbach), Zug und Nidwalden.

Lange Zeit war offenkundig, dass die ganze Gesellschaft davon profitierte. Nidwalden etwa war ursprünglich einer der ärmsten Kantone und entschied sich dann bewusst, ein Steuerpionier zu werden. Es gibt in Nidwalden keine Doppelbesteuerung und die Sätze sowohl für Private wie für Unternehmen wurden massiv gesenkt – was dem ganzen Kanton Wohlstand brachte.

In weiten Teilen des Mittelstandes herrscht inzwischen aber die Meinung vor, selber nicht mehr zu den Profiteuren zu gehören. Darum erschlafft die traditionsreiche bürgerliche Lobby für die Spitzenverdiener und Reichen. Einer, der bereit ist, künftig für das «Leistungsprinzip» einzustehen und dabei in Kauf nimmt, auch zur «Zielscheibe» zu werden, ist Peter Gomez, langjähriger HSG-Professor, noch zwei Monate lang Börsenpräsident – und Präsident der Unternehmervereinigung «Freunde der FDP». Er werde sich nach seinem Rücktritt bei der Börse exponieren und wälze einige Projekte zu dem Thema, sagt Gomez. Er ist tief besorgt über das Klima. «Alle reden von Umverteilung», sagt er. «Aber wenn man die Reichen schröpft, gibts irgendwann nichts mehr umzuverteilen, denn das Steuersubstrat fehlt.» In der Tat zahlen heute die bestverdienenden 10 Prozent der Bevölkerung fast 80 Prozent aller Bundessteuern.

Die 1:12-Initiative hält Gomez für brandgefährlich. «Sie ist in Wahrheit eine 1:6-Initiative, weil die höheren Einkommen ungleich stärker besteuert werden», sagt Gomez und warnt: «Kommt die Initiative durch, verliert die Schweiz ohne jeden Zweifel Top-Führungskräfte und wohl auch ganze Unternehmen.»

Gomez sieht vor allem die FDP gefordert: «Wenn es eine Partei gibt, die dafür einsteht, dass sich Leistung lohnt, dann die FDP. Sie darf darum nicht der populistischen Versuchung erliegen und überall Abzocker wittern, sondern muss Leistungsträger verteidigen.» Polemik gegen Top-Verdiener sei falsch und passe nicht zum Freisinn. «Die FDP gewinnt durch Polemik höchstens Flugsand an neuen Wählern. Sie ist die echte Wirtschaftspartei und soll dazu stehen; die SVP ist das nicht!»

Die SVP-Basis ist gegenüber Staatseingriffen empfänglicher als die FDP. Wichtige SVP-Kantonalparteien haben die Abzocker-Initiative gegen Blochers Willen befürwortet – im Gleichschritt mit SP und Grünen. Nun wird die SVP die Führung haben im Abstimmungskampf zur 1:12-Initiative. CVP-Präsident Christophe Darbellay sagte, die SVP sei glaubwürdiger, denn «die FDP hat den Touch von Economiesuisse und der Bahnhofstrasse».

Wenn es um den Angriff auf «Abzocker» geht – mit Kollateralschäden für die Gesamtwirtschaft – gibt es regelmässig populistische Allianzen von Linken und Rechten. Wenn es aber darum geht, die Situation der untersten Einkommensschichten zu verbessern, sind nur die Linken dafür, die Rechten nicht. Die Folge: Vorlagen, welche die Reichen ärmer machen, werden mehrheitsfähig. Und Vorlagen, welche die Armen reicher machen, fallen durch.

Doch nicht alle Reichen werden nervös. Unternehmer Michael Pieper (Franke-Artemis-Gruppe) gehört laut «Bilanz» mit einem Vermögen von 2 bis 3 Milliarden Franken zu den reichsten Schweizern. Er sagt: «Dass es jetzt eine Gegenbewegung zu Auswüchsen vor allem in der Finanzwelt gibt, finde ich nicht schlecht. Das Pendel darf einfach nicht zu stark ausschlagen.»

Pieper ist überzeugt, dass die Schweizer das richtige Mass finden werden – zumal sich der Kapitalismus daran sei, sich selbst zu reinigen: «Es ist ein gutes Zeichen, dass die Aktionäre von Julius Bär und von Actelion die Vergütungsberichte abgelehnt haben.» Pieper ist überzeugt, dass «gefährliche Vorlagen wie die Erbschaftsinitiative» hierzulande nicht mehrheitsfähig sind. «Ich bin Optimist: Die Schweiz wird ein Paradies bleiben für Leute, die etwas leisten – wir sehen, was passiert, wenn man wie in Frankreich den Leistungswillen kaputtmacht.»

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