Für viele Gymischüler, die in den vergangenen Wochen die Maturprüfungen abgelegt haben, sind die Sommerferien kein Spass: Mehr als 300 sind insgesamt durch die Prüfungen gefallen. Das zeigt eine Umfrage, die «Der Sonntag» in den Kantonen durchgeführt hat (siehe Tabelle). Spitzenreiter ist der Kanton Wallis: Dort haben 38 von 683 Gymischülern (5,6 Prozent) die Schlussexamen nicht bestanden. Hoch ist die Durchfallquote auch in den Kantonen Basel-Stadt (4,6 Prozent), Neuenburg (4,4 Prozent) oder Freiburg (4,3 Prozent).

Ganz anders die kleinen Kantone. In Appenzell Innerrhoden und Obwalden flog kein einziger Maturand durch die Prüfung. Aber auch in grösseren Kantonen wie Thurgau (0,4 Prozent) oder Aargau (0,9 Prozent) ist die Versagerquote deutlich tiefer. Sind die Maturanden in manchen Kantonen besser vorbereitet als in anderen? Oder gelangen schwächere Schüler mancherorten gar nicht erst an die Gymnasien?

Beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse ist man alarmiert. «Derart grosse Unterschiede zwischen den kantonalen Durchfallquoten lassen aufhorchen», sagt Stefan Vannoni, beim Verband zuständig für Bildungspolitik. Entweder seien die Einstiegshürden in die Gymnasien kantonal unterschiedlich hoch, was falsch wäre: «Die Schüler sollten möglichst frühzeitig klare Signale über ihre Qualifikation erhalten und nicht erst am Ende der Schulzeit bei den Maturitätsprüfungen.» Die alternative Erklärung ist für Vannoni nicht besser. Denn das würde bedeuten, dass die Prüfungen in den Kantonen unterschiedlich streng sind. «Für die Hochschulen wäre das unvorteilhaft.» Grundsätzlich sei es verfehlt, möglichst hohe Maturitätsquoten anzupeilen. «Die Hochschulen brauchen nicht möglichst viele, sondern die talentiertesten Schüler», sagt Vannoni.

ETH-Präsident Ralph Eichler bezweifelt, dass alle Schüler gleich gut ausgebildet sind, wenn sie mit einer kantonalen Matur an die Hochschule kommen. Er empfiehlt deshalb eine Mindestnote in den Grundfächern der Erstsprache und Mathematik. Wer an die ETH wolle, sollte in diesen Fächern mindestens die Note 4 erreichen. «Das wäre ein Fortschritt», sagt Eichler.

Im Kanton St. Gallen fällt nur jeder hundertste Schüler durch die Maturaprüfung. Mit 1,1 Prozent ist die Misserfolgsquote im schweizweiten Vergleich tief. Es könne nicht das Ziel sein, einen Schüler nach vier Jahren durchfallen zu lassen, sagt Christoph Mattle, Leiter des Amts für Mittelschulen in St. Gallen. Dafür werde vorher konsequent ausgesiebt. Rund 20 Prozent scheiden laut Mattle noch vor der Abschlussprüfung aus, besonders in den ersten beiden Jahren. Auch die Aufnahmeprüfung sei nicht einfach. «Das vergessen die Leute schnell.» Am Stammtisch hiesse es dann wieder, jeder könne ans Gymnasium. «Das ist nicht so.»

Während in Kantonen wie Basel-Stadt, Aargau oder Solothurn die schriftliche Maturaprüfung von einer Kommission abgenommen werden muss, sind die St. Galler Lehrer völlig frei. «Sie treffen sich aber freiwillig untereinander, um sich auszutauschen», sagt Mattle.

Von einer Einheitsmatur, wie es sie in Deutschland gibt und ab 2014 auch in Österreich, hält Mattle wenig. Diese würde für die ganze Schweiz die gleichen Abschlussprüfungen vorsehen. «Bei uns haben die Lehrer methodische und inhaltliche Freiheiten, wenn sie die Prüfung zusammenstellen.» Ansonsten verkomme der Unterricht zur reinen Vorbereitung auf den Abschlusstest. «Das bringt kein höheres Niveau», sagt er. Dennoch würden ihm seine österreichischen Freunde prophezeien: «Auch ihr habt in einigen Jahren die Einheitsprüfung.»

Das sieht die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) anders. «Eine Zentralmatur will niemand», heisst es auf Anfrage. Für die Erziehungsdirektoren sind die Maturanden aus allen Kantonen gut gerüstet für das Studium. Dennoch soll der Austausch zwischen den Gymnasien und Hochschulen künftig verstärkt werden.

Für jene Gymischüler , die durch die Maturprüfungen rasseln, mag die Erfahrung traumatisch sein. Zumindest in den Kantonen mit vielen Gymnasiasten sehen aber die Bildungsverantwortlichen in einer höheren Durchfallquote kein Problem. «Es ist nicht unsere Devise, möglichst viele Maturanden durchfallen zu lassen», sagt der Basler Erziehungsdirektor Christoph Eymann (LDP). «Wir sind aber auch nicht unglücklich, wenn junge Leute vermehrt eine Berufslehre statt eine Gymnasialmatur machen.» In Basel-Stadt mache man deshalb viel für die Aufwertung der Berufslehre – etwa, indem man an den Gymnasien eine Informationsoffensive zur Berufslehre starte.

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