VON SANDRO BROTZ

Herbert Wyss ist Notfall-Psychologe in Frauenfeld TG. Er berät Kantone, Gemeinden und Schulen bei Gewaltvorfällen und Amokdrohungen. Wyss hat über 20 Jahre Erfahrung und kommt auch zum Einsatz, wenn Firmen Mitarbeiter entlassen. Das Vorgehen der Polizei sei von Anfang an falsch gewesen, sagt er im Interview mit dem «Sonntag».

Herr Wyss, wie konnte es zu dieser Eskalation kommen?
Der Mann litt an Persönlichkeitsstörungen und sollte in die Psychiatrie gebracht werden. Einen psychisch kranken Menschen holt man aber mit Fachleuten in einem geschützten Rahmen ab – nicht mit einer Interventionseinheit. Das ist in einer solchen Situation das falsche Mittel.

Was hat das bei ihm ausgelöst?
Es war eine zusätzliche Provokation. Er wurde nur noch mehr in die Enge getrieben. Das löste die Gewalthandlungen letztlich aus. Da hat er sich einen Fluchtweg freigeschossen.

Wie hätte das verhindert werden können?
Man muss zu einem solchen Menschen zuerst wieder den Zugang finden und ihm zeigen, dass man ihn versteht. Das ist bei einem psychisch kranken Menschen oft schwer, weil er in jeder Person einen Gegner sieht, aber mit Psychologen und Psychiatern machbar.

Welche Rolle spielt das Haus für ihn?
Es war wohl sein letztes Refugium, das er nicht hergeben wollte. Er hat sich in seinem Haus verschanzt wie ein Löwe, der sich in eine Höhle zurückzieht. Das Haus scheint der letzte zentrale Bezugsort gewesen zu sein. Dort hatte er vermutlich gute Erlebnisse mit der Familie, mit dem Vater. Mit der bevorstehenden Zwangsräumung ist dieser Teil weggebrochen. Er fühlt sich vermutlich von der Gesellschaft nicht gerecht behandelt.

In was für einer Situation befindet er sich auf der Flucht?
Er steht unter Dauerstress und ist in einer Ausnahmesituation. Er hat nichts mehr zu verlieren und hat mit seinem Leben sehr wahrscheinlich abgeschlossen. Das macht ihn äusserst gefährlich. Es ist gut möglich, dass er wieder zurückkehrt und die Polizei sogar noch provoziert, damit er getroffen wird.

Wie lange hält er durch?
Er wird bestimmt weniger schnell müde als die Polizei. Seine Wut dürfte eine Dimension annehmen, die Kräfte freisetzt, die wir uns gar nicht vorstellen können.

In was für einer Verfassung ist der Einsatzleiter?
Ich bedaure ihn und seine Beamten. Die Methode, die angewandt wurde, hat nicht funktioniert. Die psychische Situation dieses Mannes wurde offensichtlich zu wenig berücksichtigt. Zu diesem Schluss wird die Polizei selber auch kommen. Jetzt ist sie einem doppelten Stress ausgesetzt: Man muss die Person finden und die Kritik ertragen.

Was muss sich in Zukunft ändern?
Als Notfallpsychologe ist für mich erkennbar, dass dieser Fall eine jahrelange Vorgeschichte hat. Man hätte die vielen Symptome erkennen und dem psychisch kranken Mann notfallpsychologische Unterstützung zusichern können. So hätte die Gewalteskalation im Vorfeld verhindert werden können. Leider wird das oft unterlassen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!