VON STEFAN KÜNZLI

DJ Bobo war lange der Einzige. Der Agglo-Kanton zwischen den grossen Zen-tren war bekannt für seine Autobahnen und Atomkraftwerke, seine Schlösser, Flüsse und Seen, aber kaum für erfolgreiche Popmusik. «Ich war allein auf weiter Flur», erklärt der Vorzeige-Aargauer.

Das hat sich jetzt grundlegend geändert. Eine ganze Reihe von Aargauer Popmusikern haben 2010 für Aufsehen gesorgt. Allen voran Adrian Stern, der Aufsteiger des Jahres. Der 32-jährige Badener hat mit seinem Album «Herz» und dem Lied «Amerika» den grossen Coup gelandet. «Herz» steht jetzt schon seit 21 Wochen in der Schweizer Hitparade und ist über 30000- mal verkauft worden. Das ist mehr als doppelt so viel wie Bobos aktuelles Album «Fantasy».

Für die Swiss Music Awards, die am 3. März verliehen werden, ist Stern deshalb mit zwei Nominationen in der Kategorie Best Hit und Best Album nominiert. Bereits zum fünften Mal ist Soulsänger Seven nominiert worden. Diesmal für sein «Unplugged»-Album in der Kategorie Best Album
Urban.

Daneben reitet vor allem Manu Gut aus dem aargauischen Magden auf einer Erfolgswelle. Mit seiner Band Myron und dem Album «Never Regret» ist er diese Woche auf Platz 6 der Schweizer Hitparade eingestiegen. Als Sänger und Co-Komponist von DJ Remady ist er aber auch an den diesjährigen Swiss Music Awards prominent vertreten. Nominiert in den Kategorien Best Hit, Best Album Dance und Best Breaking Act. Damit ist der Aargau mit total sechs Nominationen an den diesjährigen Swiss Music Awards am stärksten vertreten.

Alles Zufall? Ein einmaliger Höhenflug? Es scheint nicht, denn der Aufschwung des aargauischen Pop hält auch in diesem Jahr an. In der aktuellen Schweizer Hitparade haben sieben von zehn Schweizer Songs eine aargauische Prägung und drei Alben von und mit Aargauer Musikern sind in der Top 10.

Nicht überrascht davon ist Chris von Rohr. Seit Jahren lobt und preist er die Kreativität der Provinz: «Aus der Ruhe kommt die Kraft», meint er, «der grossstädtische Stress und seine schnelllebigen Modeströmungen sind dagegen sehr ermüdend.» «Es lebe die Provinz, da passierts!», sagt er.

Diese Erfahrung hat auch Sina gemacht. Die Walliser Sängerin ist vor vier Jahren von der Stadt Zürich ins ländliche Fahrwangen am Hallwilersee gezogen. «Ich habe gemerkt, dass mich die aargauische Langeweile inspiriert und beflügelt», sagt sie. Und mit dem Hinweis auf die Stadt meint sie: «Es passiert nicht da, wo es am lautesten ist.» Man glaubt es ihr: Ihr neues Album «Ich schwöru», das diese Woche erschienen ist, ist ein Wurf.

Den kreativen Geist der Aargauer Provinz möchte auch Baschi nicht missen. Seit sieben Jahren wohnt er mit seiner Freundin Katy im Aargau und fühlt sich zumindest als «halber Aargauer».
DJ Bobo begründet den Erfolg dagegen auch mit der Herkunft. «Die aargauische Provinz ist so etwas wie die
Garantie für Bodenhaftung», erklärt er.

Und von Rohr ergänzt: «In der Provinz hat man den Kontakt zu Scholle und Wiese. Hier spürt man die Leute und spielt den Groove der Leute.» Die nächste Generation macht sich schon bemerkbar und klopft an die Tür des Erfolgs. Allen voran Tinkabelle, die gewinnende Tanja Bachmann aus Gebenstorf. Die 29-Jährige hat sich mit ihrem optimistischen Country-Pop in die Herzen der Schweizer gesungen. Die Newcomerin des noch jungen Jahres steht mit ihrem Debütalbum «Highway» seit vier Wochen in den Top 10 und tritt diese Woche in «Benissimo» auf.

Es ist Frühling im Aargau. Überall spriessen die popmusikalischen Blüten. Zum Beispiel die Badener Sängerin Annakin, die es mit ihrem ebenso ehrgeizigen wie wunderbaren Album «Ikarus Heart» Anfang Jahr in die Charts geschafft hat. Aber auch die hoffungsvollen Sängerinnen Anna Känzig (26), Carolina Rocio Stiles (33) und Pamela Méndez (22).

Vorgestern ist das eigenwillige Debütalbum «I Will Be Loved» (Sophie Records/Sony) der Aargauer Sängerin erschienen und die Kritiken überschlagen sich. «Pamela Méndez pflügt den Schweizer Pop um», schrieb die «SonntagsZeitung» und jubelte: «Ein neues Schweizer Popwunder ist geboren.»

Die Swiss Music Awards werden am 3. März im Schiffsbau in Zürich verliehen. Adrian Stern und Tinkabelle spielen live. Voting über www.swissmusicawards.ch

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