VON MARTIN AMREIN

Forscher reden von einer Gegenbibel und nennen die Schrift «die wichtigste archäologische Entdeckung der letzten 60 Jahre». Gemeint ist das Judas-Evangelium – ein Manuskript, das Judas nicht als Verräter, sondern als treusten Jünger Jesu darstellt. Zwei Jahrtausende überdauerte es in einer versteckten Höhle, seine Veröffentlichung vor drei Jahren sorgte weltweit für immenses Aufsehen.

Doch das Dokument war gar nicht vollständig: Ausgerechnet Teile der letzten Seiten fehlten. Sie tauchten erst vor kurzem bei einem Antiquitätensammler in den USA auf und sind nun per richterlichen Beschluss auf dem Weg nach Genf, wo Wissenschafter die Schrift rekonstruieren.

Dank digitalen Bildern der neuen Teilseiten konnten sie den fehlenden Text bereits entziffern. «Endlich ist der Ausgang der Judas-Schrift klar», sagt Religionshistoriker Gregor Wurst, der für die Rekonstruktion des Manuskripts mitverantwortlich ist. Der Wissenschaftswelt stellen die Forscher die neuen Erkenntnisse Mitte November vor – bei einer Fachtagung in New Orleans. Dem «Sonntag» haben sie das Ende des Evangeliums schon jetzt verraten.

Der Inhalt der Schrift ist verblüffend. Von der frühchristlichen Sekte der Sethianer um 150 nach Christus verfasst, stellt das Judas-Evangelium den Inhalt der vier biblischen Evangelien (Markus, Matthäus, Lukas und Johannes) auf den Kopf: Ausgerechnet Judas – im Drama des Neuen Testaments der Schurke schlechthin – ist der einzige der zwölf Apostel, der Jesus versteht.

Die anderen Jünger verehren einen zweitrangigen Gott, so die Ansicht der Sethianer. Dieser niedere Gott ist der Schöpfergott des Alten Testaments. Er hat die materielle Welt als Gefängnis erschaffen und die erhabenen Seelen in klägliche Menschenkörper gesperrt. Nur Judas erkennt, dass Jesus aus der wahren göttlichen Sphäre des übergeordneten Weltenlenkers stammt.

Allein Judas – der liebste Jünger des Erlösers – ist würdig, das Geheimnis zu erfahren, dass das Göttliche in Jesus nur durch die Opferung seines Leibes befreit werden kann. Jesus bittet seinen Liebling um einen ungeheuerlichen Dienst: ihn zu verraten. Der Messias sehnt seine Kreuzigung herbei. «Man wird dich dafür hassen», sagt Jesus, «doch du wirst sie alle übertreffen. Denn du wirst den Menschen opfern, der mich kleidet.»

Das allein wäre schon erstaunlich genug. Doch der nun bekannte Schluss der Schrift setzt noch eins oben drauf: Gleich nachdem Judas den Verrat begangen hat, erlebt Jesus die Entrückung von der irdischen in die himmlische Sphäre – sein Geist steigt in die Wolken auf. «Dass sich der Messias auf diese Weise schon vor seiner Kreuzigung von seiner körperlichen Hülle trennt, passt gut ins Weltbild der Sethianer», sagt Wurst. «Der nach sethianischer Ansicht gute geistige Teil kommt in den Himmel; nur der minderwertige Leib wird ans Kreuz genagelt.»

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