VON BEAT SCHMID

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ein rabenschwarzes Quartal hinter sich. Wie Berechnungen des «Sonntags» zeigen, häufte die SNB auf ihren Währungsreserven zwischen dem 1. Oktober und der Silvesternacht fast 11 Milliarden Franken neue Verluste an. Diese kommen zu den 21 Milliarden Verlust hinzu, die die SNB bis September eingefahren hatte. Das macht über das ganze Jahr betrachtet einen Verlust von 32 Milliarden Franken. Das dürfte der mit Abstand grösste Buchverlust in der 103-jährigen Geschichte der Nationalbank sein.

Die riesigen Währungsreserven der Nationalbank verringerten sich damit von 216 Milliarden auf 205 Milliarden Franken. Der grösste Teil der Devisen legt die SNB in hochliquide Staatsanleihen an. Der Grund für die enorme Wertvernichtung ist die dramatische Aufwertung des Schweizer Frankens gegenüber den wichtigsten Währungen (siehe Chart). Die Anleger flüchten weiterhin in den Schweizer Franken und schichten im grossen Stil von Euroanlagen in Franken um.

Beliebt ist der Franken, weil Anleger ihr Risiko im Euroland reduzieren, aber gleichzeitig in Europa diversifiziert bleiben wollen. Neben dem Schweizer Franken stehen ihnen nicht viele Wahlmöglichkeiten offen. Zu den Umschichtungen kommen Spekulationen von Hedge Funds und Grossinvestoren, die auf einen Zerfall der europäischen Gemeinschaftswährung wetten.
Wie dramatisch die Situation für die Nationalbank war, zeigt ein Blick auf die fünf wichtigsten Anlagewährungen.

Euro: Gegenüber dem Schweizer Franken verlor die europäische Einheitswährung 6,4 Prozent in drei Monaten. Per Ende September hielt die SNB 55 Prozent oder 119 Milliarden Franken ihrer Devisenreserven in Euro. Diese Position entwertete sich um 7,6 Milliarden auf 111,6 Milliarden Franken.

US-Dollar: Die SNB hält 25 Prozent ihrer Reserven oder 54 Milliarden in US-Dollar. Weil auch der Dollar deutlich billiger (–4,6%) wurde, verlor die SNB darauf 2,5 Milliarden Franken.

Japanischer Yen: Die SNB führte Werte von umgerechnet 21 Milliarden Franken oder 10 Prozent in der japanischen Währung. Der Yen verlor 1,5 Prozent, was zu einem Buchverlust von 328 Millionen führte.

Britisches Pfund: Auch diese Währung büsste massiv ein – minus 5,5 Prozent. Der Buchverlust auf der SNB-Position von 6,5 Milliarden beträgt 360 Millionen.

Kanadischer Dollar: Die Anlagen im Wert von umgerechnet 8,7 Milliarden oder 4 Prozent der SNB-Devisenreserven verringerten sich in den letzten drei Monaten um 1,8 Prozent oder 150 Millionen Franken.

Insgesamt ergibt das einen Buchverlust von 10,9 Milliarden Franken auf den wichtigsten fünf Währungspositionen, die insgesamt 97 Prozent der gesamten Fremdwährungsreserven ausmachen. Die SNB hält noch 3 Prozent in Australischen Dollars, Schwedischen und Dänischen Kronen sowie in Singapur-Dollar. Darauf verbuchte sie möglicherweise einen Gewinn.

Vorausgesetzt, die Nationalbank hat ihre Währungspositionen nicht komplett auf den Kopf gestellt – dafür gibt es keine Anzeichen –, dürfte der horrende Währungsverlust die bittere Realität sein. Im Unterschied zu Geschäftsbanken sichert sie ihre Wechselkursrisiken grundsätzlich nicht ab, «da eine Absicherung die Handlungsfähigkeit der Nationalbank beschränken würde», wie sie auf ihrer Homepage schreibt. «Deshalb schlagen sich Wertveränderungen des Frankens direkt im Wert der Devisenreserven nieder», heisst es weiter.

Und sie schlagen auf das Gesamtergebnis der Nationalbank für das abgelaufene Jahr durch. Das lässt sich momentan nur abschätzen: Der Jahresverlust dürfte in der Region von 20 Milliarden Franken zu liegen kommen. Verdient hat die SNB mit ihren Goldbeständen, dem UBS-Stabfund und Zinsgeschäften. Die Nationalbank war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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