VON CLAUDIA MARINKA UND PATRIK MÜLLER

Die Psychologin und Bestseller-Autorin Julia Onken (68) weiss, wovon sie spricht. «Mein Vater war 65 Jahre alt, als ich auf die Welt kam, meine Mutter 35. Ich habe keinen Vater erlebt, sondern einen Grossvater», sagt sie. Ihr Vater habe nicht mit ihr herumtollen oder auf Bäume klettern können, erzählt sie. Sie habe etwas verpasst.

Damals waren ältere Väter ein Randphänomen. Heute scheinen Erzeuger im Rentenalter nichts Aussergewöhnliches mehr zu sein. Im vergangenen Jahr waren 143 Väter 60-jährig oder älter, 22 mindestens 70-jährig und 4 sogar mindestens 80-jährig. Dies zeigen neue Zahlen des Bundesamts für Statistik (BfS).

Rekordhalter waren letztes Jahr ein 89- und ein 87-Jähriger. Das BfS hat in der Statistik nur verheiratete Väter erfasst – gut möglich also, dass es noch mehr Greisenväter gibt, nämlich uneheliche. Wie erst jetzt publik wird, gab es ein Jahr zuvor sogar einen 90-Jährigen, der Papi wurde, wie Corinne Di Loreto vom BfS sagt. Aus Gründen des Datenschutzes darf das Amt nicht mitteilen, wo er wohnt und wie alt die Mutter ist.

Kann ein 90-Jähriger überhaupt noch auf natürlichem Weg ein Kind zeugen? «Ja, Viagra sei Dank!», sagt Professor Peter Miny, Arzt für medizinische Genetik am Universitäts-Kinderspital beider Basel. Viagra könnte ein Grund für die Zunahme alter Väter sein, denn die Pille ermöglicht eine Erektion bis ins hohe Alter, und Spermien werden bis zum Tod gebildet. «Es gibt in diesem Alter natürlich weniger befruchtungsfähige Spermien, aber letztlich reicht ja ein einziges für die Zeugung», so Miny.

Das Risiko, dass das Kind an einer Erbkrankheit leide, sei viel grösser als bei einem jungen Vater. Aber: «Es ist immer noch sehr klein. Mit einer Wahrscheinlichkeit von über 99 Prozent ist das Kind eines 90-Jährigen kerngesund.» Miny sieht den Trend zu später Vaterschaft dennoch kritisch. «Das Alter hat den wichtigsten Einfluss darauf, wie häufig Mutationen von Chromosomen vorkommen», sagt er.

Das heisst, dass Erbkrankheiten in der Gesellschaft öfter auftreten, wenn die Väter älter werden. Erwiesen ist beispielsweise, dass es stark vom Vater-Alter abhängt, ob ein Sohn die Blutgerinnungsstörung Hämophilie A erbt. Mutationen sind oft auch die Ursache für Krebs. Miny wagt einen Vergleich: «Nicht AKW, wie oft behauptet, sind die grosse Gefahr für Genmutationen, sondern das zunehmende Alter von Vätern und auch von Müttern.»

Der Reproduktionsmediziner Bruno Imthurn sagt: «Beim Mann nimmt die Fruchtbarkeit mit dem Älterwerden langsam ab. Im Gegensatz zur Frau: Bei ihr bleibt die Fruchtbarkeit bis 35 ziemlich stabil, sinkt dann aber dramatisch bis 45 auf nahezu 0 ab.» Ein 60-jähriger Mann verfüge über die Fruchtbarkeit einer 35-jährigen Frau.

Kinderwunsch-Zentren beobachten eine wachsende Anzahl älterer Männer, die ein Baby wollen. «Diese Woche ist ein 63-jähriger Mann mit seiner 25-jährigen Frau zum Beratungsgespräch gekommen. Ich versuche sie dann zur Besinnung zu bringen. Ein Kind ist kein Spielzeug, kein Büsi, das man einfach mal in die Ecke stellen kann», sagt Andrea Mohr, Leiter des Kinderwunschzentrums Bodensee.

Der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl kritisiert, Kinderhaben im hohen Alter diene der reinen Selbstverwirklichung. Das Anliegen des Kindes rücke in den Hintergrund. Guggenbühl: «Eltern zu sein, bedeutet 20 bis 25 Jahre Arbeit. Ein Mann, der mit 70 Jahren noch ein Kind zeugt, ist Samenlieferant, aber kein Vater.»

Das sieht Julia Onken aufgrund ihrer eigenen Erfahrung ähnlich: «Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mein Vater beim Spielen immer gesagt hat: ‹Oh, meine alten Knochen!›» Als ihr Vater mit 87 Jahren starb, war sie 23. «Ich hätte mir gewünscht, dass ich noch länger einen Vater gehabt hätte. Ältere Väter haben zwar eine grosse Gelassenheit und ein grosses Erfahrungskapital. Aber das interessiert ein dreijähriges Kind nicht.»

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