VON MARTIN MEIER, PIRMIN KRAMER UND SANDRO BROTZ

Er sitzt verzweifelt in seiner Wohnung im Tiroler Pitztal und klagt die Schweizer Behörden an: «Ich wusste nicht, dass mein Sohn im Gefängnis war. Niemand wurde darüber informiert. Das finde ich nicht richtig.» Der Vater von Wolfgang U.* verlangt jetzt Auskunft darüber, wie es dazu kommen konnte. «Das ist das Mindeste, was die Schweiz jetzt noch tun kann.»

Grafiker Wolfang U. war vor zwei Wochen in seiner Firma in Wil SG von zivilen Bundeskriminalpolizisten abgeführt worden. Am vergangenen Mittwoch wurde er um 6.30 Uhr tot in seiner Zelle im Regionalgefängnis Bern aufgefunden. Er soll Suizid begangen haben. Die Bundesanwaltschaft (BA) bestätigte, dass der verstorbene Mann im Rahmen der Strafuntersuchung wegen Bankdatendiebstählen und des Verkaufs der Daten nach Deutschland inhaftiert war.

BA-Sprecherin Jeannette Balmer will sich zu den Vorwürfen des Vaters, die Familie sei über die Verhaftung im Dunkeln gelassen worden, nicht äussern. Sie weist aber gegenüber dem «Sonntag» darauf hin: «Wir haben mit der Publikation der Medienmitteilung zugewartet, da zunächst die Angehörigen informiert werden mussten.» Die BA führte seit Februar 2010 ein gerichtspolizeiliches Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen Verdachts auf wirtschaftlichen Nachrichtendienst. In gleichem Zusammenhang hat die BA in Deutschland um Rechtshilfe ersucht.

Daten-Dealer Wolfgang U. fühlte sich offenbar sicher. «Ich habe Wolfi einen Tag vor seiner Verhaftung noch in seinem Büro besucht», erzählt Freund Bruno H.* Er habe völlig normal gewirkt. «Wir haben wie so häufig philosophiert.» Mit keiner Silbe habe er etwas von Steuerdaten erwähnt: «Einen Tag später war er weg, verschwunden.»

Von Wolfis Mitarbeiter habe er erfahren, dass die Bundeskriminalpolizei seinen Freund abgeholt hat. «Weshalb er im Gefängnis sass, wusste ich bis zu seinem Tod nicht.» Bruno H. lernte Wolfgang U. kennen, als sie geschäftlich miteinander zu tun hatten. Daraus entstand eine Freundschaft. «Er war ein bescheidener Mensch und hatte das Geld gar nicht nötig. Er war kein Hacker. Es ist mir aber ein Rätsel, wie er in diese Steuerdaten-Geschichte reinrutschen konnte.» Auch für Ex-Geschäftspartner Jürg B.* ist die ganze Sache unbegreiflich: «Er war ein positiv denkender Mensch, ein Lebenskünstler.»

Im Februar wurden Deutschland CDs mit Daten von mutmasslichen Steuersündern angeboten. Wie die österreichische «Kronen Zeitung» berichtet, soll Wolfgang U. «die Hauptverbindung zwischen den unbekannten Datendieben und dem Käufer, dem deutschen Staat, gewesen sein». Der Österreicher soll den Geldaustausch geregelt und sich so ein Stück vom Kuchen abgeschnitten haben.

Nächste Woche wird Wolfgang U. in Tirol beigesetzt.
*Namen der Redaktion bekannt

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