Die USA verlieren den Rückhalt der Finanzwelt. In der Nacht auf Samstag hat es erstmals in der Geschichte eine Ratingagentur gewagt, der einstigen Wirtschafts-Supermacht ihr Spitzenrating wegzunehmen. Fast noch schlimmer ist, dass Standard & Poor’s auch den Ausblick negativ bewertete. Somit droht den USA bereits die nächste Herabstufung.

Die Gefahr einer Rezession ist damit noch grösser geworden, weil die Kredite für die Regierung, die Unternehmen und die Privathaushalte nun teurer werden. Das drosselt die ohnehin stockende Konsumlust weiter. Bereits zeichnet sich ab: Wenn morgen die Börsen wieder eröffnen, werden weitere Schockwellen um den Globus gehen. Saudi-Arabiens Börse, die gestern als weltweit einzige geöffnet war, machte es vor: Sie stürzte nach Herabstufung der US-Bonität ab.

Die Angst vor einer neuen Rezession ist das eine, die Sorge wegen der gesamtwirtschaftlichen Schieflage, in die sich «Uncle Sam» begeben hat, das andere. Führende Schweizer Ökonomen befürchten, dass die USA die Welt stärker in den Abgrund reissen werden als die viel kritisierten Euro-Schuldenländer. «Die USA sind strukturell das viel grössere Risiko für die Weltwirtschaft als die südeuropäischen Länder», sagt Sarasin-Chefökonom Jan Poser. Er verweist auf die hohe Staatsverschuldung, die laufenden Defizite, aber auch auf das massive Handelsbilanzdefizit.

«Die USA haben nicht nur ein konjunkturelles, sondern ein massives strukturelles Problem», sagt auch Urs Müller, der Direktor der Konjunkturforschungsstelle BAK Basel. Dieses könne man nun nicht mehr übertünchen. Müllers deprimierendes Fazit: «Ich bin ein struktureller US-Pessimist.»

Der St.Galler Wirtschaftsprofessor Franz Jaeger warnt ebenfalls, die USA seien das grösste Risiko für die Weltwirtschaft. «Portugal, Griechenland, Irland, Spanien, ja selbst Frankreich und Italien haben nie die weltwirtschaftliche Bedeutung der USA. Selbst wenn ganz Europa in einer Krise ist, hat das für die Weltwirtschaft nicht die Bedeutung wie eine Schieflage der USA.»

Eine solche sei nun zu befürchten, so Jaeger. «Die Staatsschuld ist wegen Obamas gigantischem Konjunkturprogramm und Bushs sinnlosen Kriegen in der ganzen Welt auf Rekordniveau.» Von der Schuldenspirale her seien die USA das viel grössere Risiko als die europäischen Länder, sagt auch Joachim Klement, Chefstratege der Zürcher Unternehmensberatung Wellershoff&Partners. «Die Europäer wachsen, obwohl sie sparen. Die Amerikaner wachsen nicht, obwohl sie nicht sparen.»

Die Sorge um die USA geht allerdings weit über die Kritik an der Staatsverschuldung hinaus. Noch gravierender ist, dass das Land schon seit einiger Zeit seine frühere Rolle als weltweit wichtigster Konsummotor nicht mehr spielt. Das hat weltweite Auswirkungen, weil die USA mit ihrem Konsum und ihren tiefen Zinsen das asiatische und das europäische Wachstum angetrieben haben.

Der Schweizer Finanzprofessor Alfred Mettler, der an der Georgia State University lehrt, schildert es anschaulich: «Pauschal gesagt konnte China seine Konsumgüter exportieren, und Europa lieferte seinerseits China die nötigen Investitionsgüter. Wenn nun das chinesische Wachstum zurückgeht, kann China seine rasante Entwicklung nicht mehr finanzieren und wird weniger investieren. Das wiederum hat negative Auswirkungen auf die europäischen Zulieferer. Sie werden weniger liefern können.»

Eine rasche Wiedererholung der USA ist diesmal wenig wahrscheinlich. Frühere Krisen konnten sie gut überleben, weil sie gesunde Strukturen hatten. Aber jetzt stellt sich die Lage ganz anders dar: Der Arbeitsmarkt ist in einer schlechten Verfassung, es gibt grosse Defizite im Bildungs- und Gesundheitswesen, und die Industrie liegt darnieder.

Europa habe zwar ebenfalls hohe Schulden, aber im Gegenzug funktionierende Infrastrukturen, sagt Urs Müller von BAK Basel. «Die USA hingegen haben ihr Geld verpulvert, aber sie haben nichts dafür. Die Strassen und Eisenbahnen sind ein Desaster, das öffentliche Bildungssystem und Gesundheitswesen eine mittlere Katastrophe.»

Noch schwerer wiegt, dass das ganze Land seit Jahrzehnten auf Pump lebt, um den Konsum anzuheizen. Die Folge ist ein massives Leistungsbilanzdefizit, das allen voran von China und Japan finanziert wird. Die beiden Länder sind die grössten Gläubiger der USA. Seit 20 Jahren kaufen sie schlecht verzinste US-Staatsanleihen.

Fragt sich nur, wann dieses Ungleichgewicht zusammenbricht. «Das weiss niemand», sagt Joachim Klement. «Sicher ist nur, dass es sich irgendwann auflösen muss.» Urs Müller warnt vor den gravierenden Folgen, wenn die Chinesen und Japaner den USA den Geldhahn zudrehen. «Wenn sie anfangen, Gelder zurückzuziehen, verschärft sich die Schieflage noch. Dann wird der Dollar weiter sinken, und die Zinsen werden ansteigen.»

Weil die USA dann als Absatzmarkt teilweise ausfallen würden, gäbe das weltweit eine starke Bremswirkung, sagt Martin Neff, Chefökonom der Credit Suisse. Dann gute Nacht, Weltwirtschaft.

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