Drei Monate vor der Abstimmung zur Abzocker-Initiative zeigen sich die Unternehmer aus der Politik grosszügig: Sie gewähren ihren Mitarbeitern trotz Nullteuerung eine Lohnerhöhung. Profitieren sollen dabei die Angestellten im unteren Lohnsegment. «Die Diskussionen um die Abzocker-Initiative haben uns für das Thema Lohngerechtigkeit sensibilisiert», sagt der Unternehmer und SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner (AG). «Die Lohnschere darf sich nicht weiter öffnen. Wir müssen Gegensteuer geben.»

Giezendanner setzt die Devise in seinem Transportunternehmen mit 110 Mitarbeitern bei der Lohnrunde um: «Erhöhungen gibt es nur für die unteren Lohnklassen.» Sie hätten mehr zu kämpfen mit steigenden Mieten und Preisen. «Die Kader verdienen gut.» Er sei nicht der Einzige, der so handle, ergänzt Giezendanner. «Ich höre das auch von anderen Unternehmern.»

Der grosszügigste Patron im Parlament ist BDP-Nationalrat Hans Grunder. Er erhöht die Lohnsumme für seine rund 130 Mitarbeiter im Kanton Bern um 3,5 Prozent. «Das Geschäft läuft gut, die Erträge stimmen. Dann sollen die Mitarbeiter auch profitieren», sagt der Eigentümer einer Ingenieurunternehmung. Die Lohnerhöhungen würden individuell verteilt. Doch auch bei ihm geht die oberste Stufe leer aus: «Die Geschäftsleitung erhält keine Erhöhung.»

SVP-Nationalrat Hansruedi Wandfluh (BE) gibt den gut 300 Mitarbeitern seines Hydraulikunternehmens in Frutigen «eine generelle Lohnerhöhung von 1 Prozent oder von mindestens 50 Franken». Das heisst: Auch hier werden die unteren Saläre stärker angehoben. Denn alle mit einem Lohn von unter 5000 Franken profitieren überproportional.

Anders das Vorgehen bei Wandfluhs Frutiger Nationalratskollege Jürg Grossen. Der Grünliberale verteilt die Lohnerhöhungen in seiner Elektroberatungsfirma mit 30 Mitarbeitern nach Leistung. Im Schnitt steigen die Löhne um 2,4 Prozent. Individuelle Lohnerhöhungen nimmt auch der Zürcher FDP-Nationalrat und IT-Unternehmer Ruedi Noser vor. «Wir haben wenig Angestellte mit tiefen Löhnen.» Die Lohnsumme für seine rund 500 Mitarbeiter steigt um 1 bis 2 Prozent. Ebenfalls überdurchschnittlich ist der Zustupf in der Brauerei des CVP-Nationalrats Alois Gmür (SZ). Er hebt die Lohnsumme für die 22 Mitarbeiter um 2 Prozent an. «Bei uns liegen die Löhne schon heute alle sehr nah beieinander.»

SVP-Nationalrat und Zugbauer Peter Spuhler (TG) erhöht die Löhne um 0,5 Prozent für alle. Zudem erhalten alle Mitarbeiter ein Weihnachtsgeld von 800 Franken – und im Frühjahr einen Bonus. In den vergangenen Jahren betrug dieser zwischen 2000 und 3500 Franken. «Wegen des starken Frankens ist unsere Gewinnmarge geschrumpft. Deshalb wird der Bonus 2013 eher am unteren Rand sein», sagt Spuhler. «Aber wir wollen diese Währungskrise nicht auf dem Buckel der Mitarbeiter austragen.»

Eine Nullrunde gibt es ausgerechnet bei der sozialdemokratischen Nationalrätin und Unternehmerin Jacqueline Badran (ZH): «Die Margen im Informatik- und Webgeschäft sind extrem unter Druck und haben sich in den letzten Jahren halbiert.» Vor allem Grossfirmen würden den Kostendruck 1:1 weitergeben. «Aufträge werden mit der Forderung nach 25 Prozent tieferen Kosten vergeben. Sonst werden die Webentwickler aus London oder Berlin eingeflogen.» Beim prognostizierten Ertrag 2013 würden keine Lohnerhöhungen für die 25 Mitarbeiter drinliegen. Doch Badran verspricht: «Sollte es wider Erwarten besser laufen, werden die Gewinne Ende Jahr wie immer an die Mitarbeiter verteilt.»

Die Auflagen der 1:12-Inititiave hält Badran übrigens ein. Die Lohnschere wieder schliessen will auch der oberste Patron im Land, der Arbeitgeber-Präsident und Unternehmer Valentin Vogt. Doch er hält nichts davon, die unteren Löhne an die oberen anzupassen, sondern verfolgt den umgekehrten Ansatz: «Wir müssen die Exzesse bei den sehr hohen Löhnen unterbinden.» Bei den Banken gebe es erste Anzeichen zur Besserung. «In anderen Branchen ist diese Einsicht noch nicht eingekehrt und die Toplöhne sind immer noch zu hoch.»

Nur ein Politiker wollte auf Anfrage des «Sonntags» keine Auskunft geben zur Lohnrunde 2013 in seinem Unternehmen: der Ständerat Thomas Minder (SH), der Vater der Abzocker-Initiative.

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