In den letzten 50 Jahren hat sich der Güterverkehr in der Schweiz fast verzehnfacht. Da auch der private Personenverkehr in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, stossen Strassen und Schienen an ihre Kapazitätsgrenzen. Für Verkehrsexperten ist klar: So kann es nicht mehr weitergehen, sonst droht der Verkehrskollaps. Neue Infrastrukturen für den Güterverkehr sollen nun die Schweiz entlasten. Wie Recherchen zeigen, befinden sich derzeit zwei spektakuläre Projekte in Arbeit. Das Projekt «Güter unter die Erde» verfolgt das Ziel, eine komplett getrennte Infrastruktur für Personen und Güter zu realisieren.

Die Idee ist, zwei grosse Tunnels von Ost nach West und von Nord nach Süd zu bauen mit verschiedenen Zugangspunkten für den Verlad. Container sollen auf den unterirdischen Verbindungsstrecken unbemannt in «geringer, gleichbleibender Geschwindigkeit» verschoben werden, wie es in einem vertraulichen Arbeitspapier heisst.

Für den reinen Güterverkehr braucht es geringere Sicherheitsanforderungen als beim Personentransport. Deshalb gehen die Planer davon aus, dass sich diese Tunnels zu deutlich tieferen Kosten realisieren lassen. Bei einem ähnlichen Projekt in Tirol wurde die Einsparung auf 42 Prozent beziffert.

Die Vorteile eines unterirdisch geführten Güterverkehrs wären zahlreich, schreiben die Initianten. Es wird erwähnt, dass sich mit diesen beiden Riesentunnnels enorme Kapazitätssteigerungen erzielen lassen. Dabei sollen die Betriebskosten «erheblich reduziert werden». Aktuell liegen die Kosten für eine transportierte Tonne pro Kilometer bei 25 Rappen.

Das Projekt wurde von Robert Vogel, der auch bei der Zürcher Firma CargoTube engagiert ist, und von FDP-Nationalrat und Unternehmer Otto Ineichen vorangetrieben. Laut Ineichen sind viele Firmen bereit, eine Machbarkeitsstudie mitzufinanzieren. Die gesuchten rund 5 Millionen Franken sind zur Hälfte gesprochen. Das Bundesamt für Verkehr habe jedoch leider Nein gesagt, so Ineichen. Trotzdem sei das Interesse auch in Bundesbern gross. Ein Förderer soll auch SVP-Nationalrat und Bahnunternehmer Peter Spuhler sein.

Die Machbarkeit soll in den nächsten eineinhalb Jahren abgeklärt werden. Nach einer Planungsphase von zwei Jahren soll der Bau der Tunnels in drei bis sechs Jahren verwirklicht werden. Insgesamt könnten die Tunnel also in weniger als zehn Jahren realisiert sein. Laut den Initianten soll der Gotthard-Basistunnel mitgenutzt werden. Auch SBB-Chef Andreas Meier zeigt Interesse am Projekt.

Das Projekt «Güter unter die Erde» sei die «Alternative zu Verkehrsinfarkt und Landverschleiss», heisst es im vertraulichen Arbeitspapier: «Die Thematik hat in den vergangenen Monaten und Wochen in erstaunlichem Masse an Aktualität gewonnen. Einer der Hauptgründe dürfte die Erkenntnis sein, dass die Optimierungsmöglichkeiten bei den bestehenden Infrastrukturen Schiene und Strasse geringfügiger sind, als dies erwartet wurde. Die Zeit ist reif für neue Lösungen.»

Spektakulär ist auch das Projekt CargoTube von Professor Martin Klöti von der Fachhochschule Nordwestschweiz. Zusammen mit Thomas Ernst von der Schweizerischen Post plant er in der Schweiz ein Tunnelringsystem, das bei Fertigstellung insgesamt eine Länge von 535 Kilometern umfassen würde.

Geplant sind vier Tunnelringe, welche die wichtigsten Ballungsgebiete der Deutschschweiz erschliessen. Durch rund zwei Meter breite Röhren lassen sich Gitterpaletten unbemannt in kleinen Transportern (so genannten Caps) von Biel bis Frauenfeld verschieben. Ein zentraler Knotenpunkt dürfte dabei Härkingen SO sein. Zusammengehängt werden die Ringe durch unterirdische, vollautomatische Rangierbahnhöfe. Das technische Konzept von CargoTube kommt von der Universität Bochum, wo eine Modell im Massstab 1:2 lauffähig ist.

Laut Martin Klöti belaufen sich die Kosten für den Bau der Tunnel auf 2,5 bis 3 Milliarden Franken. Die Fahrrohrleitungen des unterirdischen Transportsystems sollen ohne Herstellung eines Grabens im Rohrvortriebsverfahren verlegt werden. Das Rollmaterial schätzt Klöti auf 15 Millionen Franken. Ein einzelnes Cap soll 60000 Franken kosten. Die Anschlusskosten an die Postinfrastruktur schätzt er auf rund 1 Million Franken. Damit belaufen sich die Gesamtkosten für das riesige System auf weniger als ein Drittel des Gotthardbasistunnels. Klöti hält fest, dass es sich dabei um eine grobe Schätzung handelt. Die Post würde rund 10 Prozent der Gesamttransportkapazität benötigen.

Ein Postsprecher bestätigt das Interesse: «Die Logistik ist ein Kerngeschäft der Post. Deshalb beobachten wir das Projekt von CargoTube aufmerksam, wie andere Projekte auch», sagt PostSprecher Mariano Masserini. Für ein solches Untertunnelungs-Projekt sei man auf Spezialisten angewiesen. «Darum gibt es eine punktuelle Zusammenarbeit und Kontakte zwischen Logistik-Spezialisten der Post und den Vertretern von CargoTube.» Die Post ist am Projekt aber nicht finanziell beteiligt.

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