In der Annonce beschreibt die Basler Versicherung, was und wen sie sich wünscht: einen Studenten, der eigenes Material und Daten des Bundesamtes für Statistik (BfS) zum Thema Einbruch im Rahmen einer Masterarbeit auswertet. Ziel solle sein, «die Hintergründe oder Konsequenzen eines Schadens besser zu verstehen».

Eine Masterarbeit auszuschreiben, ist für die Baloise eine neue Vorgehensweise, um mit Studenten in Kontakt zu kommen, wie Mediensprecherin Janine Hoppe erklärt. Zwar habe man bereits in der Vergangenheit mit Master-Studenten zusammengearbeitet, die ihre Arbeit im Rahmen eines Praktikums bei der Firma geschrieben hätten. Explizit für einen Auftrag jemanden anzuwerben, sei aber eine neue Idee. Um die Suche zu intensivieren, sind die Verantwortlichen direkt auf Professoren an verschiedenen Universitäten zugegangen.

Fündig wurde die Baloise an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern. Der Direktor des Soziologischen Institutes, Professor Ben Jann, vermittelte der Versicherung einen Studenten. Jann betreut die Arbeit nun von wissenschaftlicher Seite. Auch für den Soziologie-Professor ist eine derartige Vermittlung eine Premiere. Die Zusammenarbeit bezeichnet er als «eher ungewöhnlich». Er habe sich Gedanken gemacht, wie die wissenschaftliche Unabhängigkeit gewahrt werden könne. «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht politisch oder wirtschaftlich instrumentalisiert werden», sagt Jann.

In diesem Fall sei zu Beginn nicht klar gewesen, was die Baloise genau wolle. Schliesslich habe man entschieden, die Arbeit aufzuteilen, erklärt Jann. Der Student schreibt unabhängig vom Auftrag der Basler Versicherung eine Masterarbeit. Zusätzlich erarbeitet er ein Handbuch zum Thema Einbruch für die Baloise. Dafür erhält der Student einen Lohn. Wie viel das ist, möchte die Bâloise nicht sagen.

Das Beispiel zeigt: Eine solche Kooperation wirft im Zuge der Debatte um die Nähe der Privatwirtschaft zur Forschung kritische Fragen auf. Sie kann jedoch für beide Seiten, für Student und Unternehmen, auch Vorteile mitbringen. Der Student erhält die Möglichkeit, in einer Firma mitzuarbeiten und allenfalls eine Anstellung zu ergattern. Der Auftraggeber kann für wenig Geld Daten aufbereiten lassen. Auch wenn Wissenschaftler darauf hinweisen, dass eine Masterarbeit an der Uni der Lehre und nicht der Forschung angegliedert ist. Deswegen sei keine allzu hohe Qualität in Bezug auf die Ergebenisse zu erwarten.

Obwohl Anreize bestehen, eine Masterarbeit auf Bestellung zu schreiben, machen aber erst wenige Studenten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Das betonen die Universitäten Bern, Zürich, Luzern und Basel auf Anfrage. Ausserdem unterscheiden sich die Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit auf Master-Stufe mit externen Unternehmen, aber auch Non-Profit-Institutionen oder der Verwaltung an den einzelnen Universitäten und auch innerhalb der Hochschulen stark.

Der Rektor der Universität Basel, Antonio Loprieno, sagt, er würde Kooperationen zwischen Studenten und der Privatwirtschaft nicht als «gängig» bezeichnen. Wichtig sei, dass die wissenschaftliche Qualität der resultierenden Arbeit nicht vom Auftraggeber, sondern von den akademischen Instanzen beurteilt werde, sagt Loprieno. In der Praxis heisst das, alle Arbeiten werden von einem Professor an der Universität betreut und bewertet. In Basel kennt zum Beispiel das Biozentrum oder die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät Formen von Zusammenarbeit mit Externen.

Beim Biozentrum bedarf es einer Vorabklärung und der Zustimmung aller Professoren zum Projekt , damit ein Student eine Masterarbeit beispielsweise bei einer Pharmafirma wie Novartis oder Roche absolvieren darf. Bei Roche gab es im vergangenen Jahr in der Schweiz rund 300 Praktikumsplätze für Studenten. Rund drei Prozent seien direkt mit der Möglichkeit, eine Masterarbeit zu verfassen, ausgeschrieben worden, sagt Roche-Pressesprecher Štepán Krácala. Die Studenten würden «branchenüblich» entlöhnt.

Auch der Lohn ist ein Aspekt, der bisher ungeklärte Fragen aufwirft. Mehrere Unternehmen entlöhnen die Studierenden. Die Universitäten hingegen geben an, dass Entlöhnung eher «unüblich» sei. Dies wiederum bemängeln vor allem die Master-Studenten der naturwissenschaftlichen Fächer, die sich mit besonders zeitintensiven Arbeiten konfrontiert sehen, neben denen sie kaum einer Erwerbstätigkeit nachgehen können. Rolf Weder, Studiendekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (WWZ), sagt, grundsätzlich habe man kein Problem mit Entlöhnung.

Das Studiendekanat des WWZ rechnet damit, dass künftig mehr Studenten von externen Angeboten Gebrauch machen werden. Allerdings sieht auch Weder gewisse Schwierigkeiten. Oft seien Firmen mehr an Beschreibung denn an Analyse interessiert. Nur Letzeres sei aber wissenschaftlich und somit im Rahmen einer Masterarbeit behandelbar. Die Fakultät kommt den Firmen bei Bedarf aber auch entgegen: Für die Bearbeitung besonders heikler Daten werden Geheimhaltungsverträge abgeschlossen.

Noch werden die Kooperationen überwiegend positiv bewertet.

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