Es braucht eine Spur Verwegenheit und vielleicht das Mikrofon eines Reporters, dann kommt man tief hinein in die Geschichte des Max Frisch. Aufbruch: an einem Montag Anfang 2011. Ein paar Wochen bin ich unterwegs, in Zürich, Berlin und Berzona, in Göttingen und Leipzig.

Was mich erstaunt bei dieser Exkursion: Wie nahe man den Weggefährten kommt, Frischs Freunden und Frauen, wie die einen rasch Vertrauen zeigen und die anderen argwöhnisch bleiben, reserviert, als sei ein Gespräch über IHN schon Verrat. Verblüffung: dass Figuren aus seinem Werk plötzlich lebendig werden, die «Tochter» aus «Montauk» etwa (Ursula Priess). Oder «Marianne», Frischs Ehefrau, 1979 liessen sie sich scheiden. In Berlin will ich sie treffen, ein schwieriges Date, Marianne kommt, kommt nicht, kommt doch, kommt nicht... Verwunderung: dass man überhaupt noch etwas findet auf dem abgegrasten Feld dieser Biografie. Hier sind drei Fundstücke, drei Dinge, die mich überraschten.

Musik, nein, von Musik begreife er nichts, schrieb Max Frisch über sich, da sei er «banausisch». Was hörte der Mann? In Rom, mit Ingeborg Bachmann: die Callas. Im Alter: Klostergesang. Und zu anderer Zeit, im Berlin der Siebziger, was hörte er mit Marianne? Mal Klassik, mal Schnulzen, sagt Marianne Frisch. Haydn und Händel und plötzlich «Bella Ciao».

Und in New York, wo er häufig war, mit wechselnden Damen? Dort in Manhattan kann ich, sein Leser, mir diesen Autor nicht vorstellen: einen Herrn von langsamer Gangart, ein «Walross» (Frisch über Frisch). Der Zürcher Dichter unter Hippies und Rockern? Nein. Undenkbar.

Bis Marianne erzählt: Er war gern unter Hippies. Er mochte den Woodstock-Film. Mochte auch die Rockspektakel in einem Konzertschuppen an der Second Avenue. Fillmore East. Da haben sie alle gespielt, damals, um 1970: Jimi Hendrix, Neil Young, Led Zeppelin, die Grossen der Szene. «Hier waren wir zweimal pro Woche», berichtet Marianne. «Und Max war mit Abstand der Älteste.» Was hörten die beiden? The Who, sagt Marianne, Frank Zappa und – wie hiess die Gruppe doch gleich? – Pink Floyd!

Nachlese, im zweiten Tagebuch, eine Frisch-Notiz aus dem Jahr 71: «Im FILLMORE EAST, vor einem Jahr, wurde plötzlich eine psychedelische Lichtschau unterbrochen, ein Rocker trat an die Rampe...» Das hätte der jüngere Frisch nicht geglaubt, dieser Weltenbummler: dass ausgerechnet ein Bergdorf sein Bezugspunkt wird. Berzona TI. Ein Dorf am Hang mit grau geduckten Häusern. 1965 beziehen Max und Marianne hier ein Haus, das ausschaut wie ein Urzeittier, archaisch, schuppig, gepanzert. In dieses Bauernhaus kommt der Stadtmensch immer wieder. Ein Widerspruch.

Nein, kein Widerspruch, sagt der Schriftsteller Adolf Muschg. Er hat Frisch hier kennen gelernt: in Berzona. An einem sonnigen Nachmittag in den Sechzigern ist Muschg mit seinem Käfer das Tal hinaufgefahren, er wollte sehen, wo der verehrte Erzähler lebt, unruhig ging er durch das Dorf, bis eine junge Frau vor ihm stand: «Kann ich helfen?» – «Wissen Sie, wo der Frisch wohnt?» – «Kommen Sie mit. Ich bin Marianne.»

Was suchte Max Frisch in den Ber gen? Das Italienische als Atmosphäre, meint Muschg; die ersehnte Leichtigkeit des Lebens. «Berzona war auch das Paradox eines urbanen Rückzugsgebiets.» Soll heissen: Frisch führte in der Öde jenes Stadtleben, das er in der Stadt nicht wollte. Und für das Stadtgefühl, für Austausch und Nähe hatten die Freunde zu sorgen. «Man reiste da nicht einfach hin und wieder zurück», erinnert sich Adolf Muschg. «Man blieb, und das konnte wunderschön sein und sehr lästig. Ich hatte immer das Gefühl: Jede Stunde, die er mir widmet, geht dem Schreibtisch ab.»

Wie ging es weiter an jenem Nachmittag in den Sechzigern? Man sass im Garten und vergass die Zeit; der Meister grillte Steaks, die Männer wurden Freunde. An Frischs Granittisch haben sie gesessen, an jenem Tisch, an dem sie alle gesessen haben – Dürrenmatt und Grass und Johnson, sassen da und schauten in die Schlucht, man kann sich fürchten bei diesem Blick in die Tiefe. Fürchten? «Ach was!», meint Muschg. «Es war eine Art gewagter Behaglichkeit. Man spürte unten die Wasser rauschen, doch man rutschte nicht gleich hinunter.»

Vorsicht: Dichter! Menschen, die in seine Nähe kamen, fanden Eingang in Frischs Werk. Vor allem die Frauen. Manchmal scheint es, als hätte da einer Liebesschwüre und Ehekräche mitstenografiert, die ganze Story, für den nächsten Roman. Manche Gefährtin sah sich mit Klarnamen abgebildet und war erbost; die Ehe von Max und Marianne ist so zerbrochen.

Frischs Werk berichtet andererseits von Figuren, die ihren Lebensweg korrigieren, arrangieren, inszenieren. Man denke an «Biografie: Ein Spiel». Hat der Autor die eigene Lebensgeschichte ebenfalls ein wenig arrangiert? Hat er. Texte der Frühzeit, die er misslungen glaubte, übernahm er nicht in die Werkausgabe. Briefe intimen Charakters hingegen, Schreiben zwischen Frisch und Tochter Ursula etwa, finden sich heute im Zürcher Archiv. Und bis ins Detail plante Frisch die eigene Totenfeier.

Womöglich hat Max Frisch seine Biografie nicht nur geordnet, sondern zu Teilen sogar inszeniert – um sie später literarisch auszubeuten? Provozierte er Liebesdramen, weil derlei Dramen so trefflich zwischen Buchdeckel passen?

«Blödsinn.» Das sagt Roland Links, seit den Sechzigerjahren Frischs ostdeutscher Lektor, ein enger Freund. «Frisch hat in Beziehungen durchgehalten, solange es ging. Das war seine Ansicht. Es trieb ihn halt fort. Er liess sich nicht kaufen.»

Heinz Ludwig Arnold, ein Germanist aus Göttingen, einst auch mit Frisch befreundet: «Er war mit seinem Leben nicht glücklich. Und er versuchte, dieses Leben – in Literatur überhöht – besser in den Griff zu kriegen.» Literatur als Lebenshilfe: Lösungen, die im Alltag nicht gelangen, sollten wenigstens in der Kunst gelingen.

In jeder Biografie stecke etwas Inszenierung, aber eher von masochistischer Art. Das glaubt Adolf Muschg. «Man sucht Situationen auf, in denen das Scheitern absehbar ist. Und dann wiederholt man dieses Scheitern, zum Beispiel in der Ehe.» Das Leben, sagt Muschg, sei doch eine ständige Probe. Eine Bühnenprobe!

Auf Frischs Bühne wird es verlässlich weitere Überraschungen geben. Seit April sind die bislang verschlossenen Konvolute im Nachlass nicht mehr gesperrt, das «Berlin-Journal» und der Briefwechsel mit der Bachmann. Doch die grösste Überraschung erlebt, wer nach Jahrzehnten Frischs Romane wieder liest. Die Texte funkeln; sie funkeln wie damals.

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