VON JÖRG ALLMEROTH AUS MADRID

Herr Federer, Sie haben jahrelang das Welttennis beherrscht, waren die Nummer 1, der Dominator. Jetzt sind Sie die Nummer 2 – und wenn über Sie berichtet wird, fällt auf einmal dauernd das Wort Krise . . .
Roger Federer: Ich habe halt diesen gewaltigen Anspruch selbst geschaffen. Wenn du jahrelang der Topmann warst und ganze fünf-, sechsmal in der Saison verloren hast, wird halt bei mehr Niederlagen gleich Alarm geschlagen. Auf mich wird eben mehr geschaut als auf andere. Aber ich bin in keiner Krise. Ich spiele Halbfinals, Finals, gewinne auch noch Grand Slams wie letztes Jahr bei den US Open.

Aber Sie sind doch selbst nicht zufrieden mit dem letzten Dreivierteljahr?
Natürlich nicht. Aber ich weiss besser, warum es Niederlagen gab. Das Pfeiffersche Drüsenfieber hatte mich Anfang 2008 ganz schön zurückgeworfen. Mehr als ich eigentlich wahrgenommen habe. Ich musste wahnsinnig hart zwischen den Turnieren trainieren, und im Rückblick betrachtet war ich immer auf einer Aufholjagd, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Und wo sehen Sie sich jetzt, vor den grossen Turnieren in Paris und Wimbledon?
Ich spüre, dass ich jeden Tag besser werde. Nicht nur auf Sand, sondern im ganzen Spiel. Ich bin überzeugt davon, dass ich nach einem harten Jahr 2008 wieder auf dem richtigen Weg bin. Das hat auch damit zu tun, dass ich mich viel frischer und fitter fühle. Ich habe bisher nur wenige Turniere gespielt in der laufenden Saison, mir wirklich Schwerpunkte gesetzt.

Alle Welt spricht vom ewigen Grand-Slam-Rekord, den Sie knacken können. 14 Titel von Sampras sind zu übertreffen.
Vor ein paar Jahren hab ich gesagt: Lasst mich erst mal zehn Titel gewinnen, dann reden wir drüber. Nun bin ich verdammt nahe dran und würde es auch gerne schaffen. Aber ich verfolge das nicht mit krankhaftem Ehrgeiz. Das wird mir zwar gerne unterstellt, ist aber nicht so. Ich lese: Federer scheitert in Wimbledon, in Australien, weil er den Sampras-Rekord vor Augen hat. Das ist albern. Ich habe gegen einen Besseren an diesem Tag verloren, das ist die ganze Wahrheit. Für mich ist es schön, dass ich in relativ jungen Jahren schon dicht an solchen Rekorden bin.

Wer Sie jetzt sprechen hört, hat nicht den Eindruck: Da ist ein Mann, der des Tennis’ überdrüssig ist, der müde ist.
Ich bin es auch nicht. Ich bin nicht verbittert, weil ich ein paar Niederlagen kassiert habe. Ich liebe diesen Sport unheimlich. Es gibt vielleicht mal einen Tag im Jahr, wo ich denke: Jetzt wäre es aber schön, daheim zu bleiben. Als Junior hatte ich schon diese Null-Bock-Tage, da habe ich auch nicht in voller Konsequenz gesehen, dass hartes Training die unbedingte Grundlage für erfolgreiches Spiel ist. Da habe ich mich einfach auf mein Talent verlassen.

Viele grosse Tennisspieler haben echte Sympathie erst gespürt, wenn Sie auch grosse Niederlagen einstecken mussten – wenn Sie anschliessend ein Comeback schafften.
Das war besonders nach Wimbledon so, im letzten Jahr. Die Menschen haben mehr mit mir gelitten als sich mit Nadal gefreut. Ich fand das fast bitter für ihn. Viele sahen plötzlich: Es ist nicht selbstverständlich, dass der Federer da gewinnt. Und diese Welle ging dann weiter zu den US Open und den Australian Open. Es macht einen halt menschlicher, wenn man manchmal verliert.

Sie haben vor ein paar Wochen geheiratet, Sie werden bald zum ersten Mal Vater. Wie sehr wird das Ihre Karriere beeinflussen, Ihre Motivation?
Natürlich wird sich mein Leben verändern. Aber ich hab nicht das Gefühl, dass mich das lustlos machen könnte. Eher im Gegenteil: Das wird mir einen Schub geben. Unser gemeinsamer Traum war immer, dass unsere Kinder auf die Welt kommen, wenn ich noch Tennis spiele. Und jetzt ist das erste Kind unterwegs, und ich spüre schon eine grosse Vorfreude. Ausserdem ist ja jetzt klar, dass ich noch ein paar Jahre dabei bleiben muss, damit unser Kind mich auch wirklich bewusst spielen sehen kann (lacht).

Wird Ihre Frau dann noch so regelmässig zu den Turnieren mitreisen?
Das möchte sie sehr gerne. Und wir haben auch die Möglichkeiten, natürlich viel besser als andere, das finanziell zu regeln und praktisch zu organisieren. Wir werden schon eine Tennisfamilie auf Reisen sein. Jetzt war auch der richtige Zeitpunkt gekommen für uns beide – mit Hochzeit, mit Kind. Wir haben schon seit drei Jahren immer wieder darüber gesprochen. Aber da war immer so wenig Zeit, letztes Jahr dann noch Olympia, es gab keinen Freiraum für die Hochzeit. Da haben wir gesagt: Warten wir ab, was 2009 so passiert.

. . . und dann ist es ja auch passiert.
Perfekt, oder. Ich fühle mich wirklich sehr glücklich. Und dieses Glück, diese Zufriedenheit in meinem Leben, die inspirieren mich auch. Ich kann nur davon abraten, den Ehemann und Vater Federer abzuschreiben.

Haben Sie sich schon mal bei anderen Tennisvätern erkundigt, wie sich die Geburt eines Kindes bei denen ausgewirkt hat?
Nein, noch nicht. Eigentlich wünsche ich mir jetzt nur, dass unser Kind gesund ist, dass alles gut abläuft. Am Anfang denkt man: «Wird es ein Junge, ein Mädchen? Und was wünschst du dir eigentlich?» Und dann ist da nur noch der Gedanke, dass es keine Komplikationen gibt. Die Einstellung ändert sich rasend schnell. Mirka geht es aber super. Bis auf einen kleinen Schnupfen gabs keine Schwierigkeiten. Das ist schon eine Riesenerleichterung.

Der Geburtstermin ist im Sommer. Etwa in Wimbledon oder vorher in Halle?
(lacht) Da ist nichts aus uns herauszubekommen. Das bleibt unser Geheimnis. Und das ist auch gut so.

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