Freitag, 12.05 Uhr. Ich sitze in meinem Home Office und recherchiere Zahlen für diesen Artikel. Es klopft an der Tür. Meine Frau, Esther, streckt den Kopf herein und sagt: «Essen ist fertig.» Als ich an den Esstisch trete, sitzen die beiden Kinder schon auf ihren Hochstühlen. Die Söhne sind knapp fünf und zweieinhalb Jahre alt.

Am vergangenen Montag und Dienstag wurde im Nationalrat die Familieninitiative der SVP behandelt. Weil die Initiative einen Steuerabzug für Familien fordert, in der die Kinder nicht in ausserfamiliären Einrichtungen betreut werden, entstand eine hitzige Debatte über Familienmodelle.

40 Nationalrätinnen und Nationalräte hielten mit Bildern, Beispielen und Zitaten reich ausgeschmückte Reden. «Zu Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland», zitierte etwa die SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler Jeremias Gotthelf. Nach sechsstündiger Debatte wurde die Initiative mit 109 zu 74 Stimmen abgelehnt. Gotthelf, der Pfarrer und Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert, konnte es nicht richten.

Im Jahr 2008, über 150 Jahre nach Gotthelfs Tod, wählten Esther und ich das traditionelle Ernährer- und Eigenbetreuer-Modell. Wir erwarteten unser erstes Kind. Esther, damals 30, arbeitete als Tourismusfachfrau seit mehreren Jahren Vollzeit in Event-Agenturen und Tourismus-Betrieben. Ich, damals 26, hatte erst im Vorjahr die Fachhochschule abgeschlossen und arbeitete seit ein paar Monaten Vollzeit in meiner ersten Anstellung als Journalist.

Die Wahl des Finanzierungs- und Betreuungsmodells war das Resultat eines längeren Prozesses, in dem wir ausführlich diskutierten und verschiedenste Faktoren abwogen. Wir taten das als gleichberechtigte Partner.

Esther konnte sich gut vorstellen, eine Weile lang ganz auf eine Erwerbstätigkeit zu verzichten. «Nach mehreren Jahren Berufstätigkeit spürte ich eine gewisse Leere. Mir fehlte ein tieferer Sinn in der täglichen Büroarbeit», sagte sie.

Im Gegensatz dazu war ich als Berufseinsteiger sehr motiviert, im Job meinen Weg zu finden. Es hätte mir Mühe bereitet, schon nach wenigen Arbeitsmonaten mein Pensum markant zu reduzieren. Die sich ergänzenden Bedürfnisse führten dazu, dass wir es mit dem traditionellen Familienmodell versuchen wollten. Dass wir uns aus freien Stücken für das Modell entschieden, fühlte sich modern an.

Vor, während und nach der Nationalratsdebatte zur Familieninitiative bekam man nun als Vertreter des Ernährer- und Eigenbetreuer-Modells wieder einmal das Gefühl, von vorgestern zu sein. Darum besorgt waren sowohl die Gegner als auch die Befürworter der Initiative:

Die SP-Frauen bezeichneten in einem Communiqué von vergangener Woche den in der Initiative geforderten Eigenbetreuungsabzug als «Herdprämie für Mütter». Das sei ein Steilpass für die Forderung «Frauen zurück an den Herd». Ähnliches erklärte FDP-Nationalrat Ruedi Noser in der Ratsdebatte. SP-Nationalrätin Yvonne Feri sagte: «Die Initiative weckt nur die Sehnsucht nach den vermeintlich guten alten Zeiten, als der Pater familias sich noch ausschliesslich der Erwerbsarbeit widmete und die Mutter und Hausfrau, zusammen mit den für diesen Moment herausgeputzten Kindern, abends mit den Pantoffeln in der Hand auf seine Rückkehr wartete.»

Der CVP-Nationalrat und Initiativ-Befürworter Alois Gmür wiederum gab gegenüber «20 Minuten» an: «Wir CVP-Männer hängen halt noch der Vergangenheit und der traditionellen Rollenteilung nach. Wir schätzen es, wenn Frauen auf ihren Beruf und Karriere verzichten, dafür zu Hause bleiben und zu den Kindern schauen.» Das traditionelle Familienmodell: ein Modell, zu welchem niemand zurück will, der bei Verstand ist.

Selbst wenn sich alle für die freie Wahl des Familienmodells aussprechen: So geführte Debatten prägen. Esther erzählt von einem Druck, den sie spüre, wenn andere Mütter von ihren, 20-, 40-, 60-Prozent-Jobs berichten – und betonen, sich nicht vorstellen zu können, «nur» Hausfrau und Mutter zu sein. «Obwohl das Modell für mich stimmt, habe ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen», sagt sie. Sie tue das, indem sie etwa betone, es als Privileg zu betrachten, die Kinder in den ersten prägenden Jahren eng begleiten zu dürfen.

Als «Ernährer» spüre ich eher Anerkennung als Druck. Umso mehr, als ich seit einigen Jahren keine Vollzeit-Anstellung mehr habe, sondern als Freelancer arbeite. Das sei mutig und ich könne stolz darauf sein, es so zu schaffen, heisst es dann. Ein Mann gratulierte einmal explizit zur Wahl unseres Familienmodells und klopfte mir dabei zünftig auf die Schulter. Obwohl ich in der Männerwelt Anerkennung erfahre, fühlt es sich manchmal seltsam an, wenn mich jemand nach dem Job meiner Frau fragt. Ich gebe Antwort und frage mich: Werde ich jetzt als Patriarch wahrgenommen? Als Exot, der es nicht in die Moderne geschafft hat?

Dabei kann von einem Exoten-Dasein nicht die Rede sein. Gemäss Bundesamt für Statistik waren im Jahr 2011 insgesamt 23 Prozent der Mütter in der Schweiz nicht erwerbstätig. Demgegenüber arbeiteten 87,6 Prozent der Väter Vollzeit. Weit mehr als die Hälfte aller Haushalte mit mindestens einem Kind unter 15 Jahren nutzen zudem keine familienergänzende Betreuung: 64,5 Prozent waren es bei der letzten Erhebung.

Bei der Erwerbstätigkeit haben sich die Anteile in den vergangenen Jahren massiv verschoben. Wurde im Jahr 1990 noch in knapp 60 Prozent der Paarhaushalte mit Kindern unter 7 Jahren das traditionelle Modell gelebt, halbierte sich der Anteil bis ins Jahr 2011 auf 30,8 Prozent. Trotzdem: Das Modell ist nach wie vor weitverbreitete Realität.

Warum halten wir an dem Modell fest? Es ermöglicht uns in Kombination mit meiner Selbstständigkeit hohe Flexibilität. Ich organisiere meine Arbeitstage weitgehend selbstbestimmt, so wie es Esther auch mit ihren Tagen als Hausfrau und Mutter tut. Wir sprechen uns laufend ab, helfen uns gegenseitig aus, wenn Termine sich verschieben oder kurzfristig auftauchen.

Zusätzlich sind Grosseltern da, die gerne unsere Kinder hüten und wenn nötig spontan einspringen. Das Resultat: viel gemeinsame Zeit und relativ wenig koordinativer Stress. Dass sich Esther seit einiger Zeit nebenher damit beschäftigt, eine eigene Praxis für Energiearbeit auf die Beine zu stellen, stellt unsere Konstellation nicht infrage. Es hilft mit, dass wir als Familie unser Leben auf weiterhin so selbstbestimmt wie möglich gestalten können.

Im Sommer startet unser älterer Sohn mit dem Kindergarten. Es stehen Veränderungen bevor. Voraussichtlich wird sich in den nächsten Jahren auch unser Lebensmodell ändern. Das spielt keine Rolle, denn wir haben es nicht um des Modells willen gewählt. Vermutlich werden wir später gerne zurückdenken an die Zeit, als wir das altbackene traditionelle Familienmodell lebten.

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