Der Direktor des Flughafens in der nordjapanischen Stadt Sendai, Junichi Ishimori, beklagt sich wortreich über die «negativen Gerüchte um Fukushima». Diese seien schuld, dass weniger ausländische Touristen nach Japan reisten als vor der Katastrophe vom 11. März 2011. Doch die Frage, wie hoch die Radioaktivität in Sendai sei, kann Ishimori nicht beantworten. Auch hat er keine Ahnung, wo sich die Touristen über die Strahlung informieren können.

Die Szene ist symptomatisch für Japans Umgang mit Fukushima. Statt offen zu informieren, wird verschleiert und schöngeredet. Und statt einer klaren energiepolitischen Strategie herrscht ein konfuses Hin und Her.

Auf einer Pressereise des japanischen Aussenministeriums von Mitte Januar, die zeigen soll, «dass Japan sicher und zuverlässig ist», treten etliche Ungereimtheiten zutage. Und zwar auf höchster Regierungsebene: So versichert der Sprecher von Premierminister Noda, Noriyuki Shikata, die Regierung wolle «mit aller Kraft die Abhängigkeit vom Atomstrom verringern». Deshalb habe sie eine Laufzeitbegrenzung von 40 Jahren eingeführt. Dies würde bedeuten, dass 17 der 54 Reaktoren in wenigen Jahren abgeschaltet würden, in 15 Jahren wäre die Hälfte der Atomkraftwerke stillgelegt.

Doch nur einen Tag später macht die Regierung plötzlich kehrt: Nun beschliesst sie, die Laufzeit «unter bestimmten Bedingungen» auf 60 Jahre zu verlängern, weil sie Engpässe in der Stromversorgung befürchtet.

Diese Sorge ist nicht unbegründet. Vor Fukushima erzeugten die Atomkraftwerke 30 Prozent des japanischen Stroms. Momentan laufen aber nur zwei der 54Reaktoren. Die anderen sind wegen Stresstests und Wartungsarbeiten abgeschaltet. Bis April müssen auch die zwei letzten Reaktoren vom Netz.

«Wir machen uns Sorgen über die Stromknappheit», sagt Shikata. «Zehn Prozent des benötigten Stroms fehlen.» Vor allem im Sommer rechnet die Regierung mit Engpässen. In den japanischen Grossstädten laufen dann Zehntausende Klimaanlagen, ohne die es in den Wohnungen und Büros unerträglich heiss würde. Der Atomkraftwerkbetreiber Tepco, die Betreibergesellschaft der havarierten Reaktoren von Fukushima, hat inzwischen angekündigt, die Strompreise für Unternehmen und Grosskunden in Tokio um 17 Prozent zu erhöhen.

Nun rächt es sich, dass Japan die Entwicklung erneuerbarer Energien verschlafen hat. Sie liefern heute nur ein Prozent des Stroms. Kritiker machen dafür die einflussreiche Atomlobby verantwortlich, vor der bisher alle Regierungen gekuscht haben. «Die erneuerbaren Energien wurden vernachlässigt, obwohl Japan hier gute Chancen hätte», räumt selbst Regierungssprecher Shikata ein. «Wir müssen neue Energieressourcen finden und die Energieeffizienz erhöhen.»

Doch vom neuen Energiemix, den Shikata verspricht, ist bis jetzt in Japan wenig zu sehen. Fünfzehn Monate nach Fukushima hat die Regierung noch immer keinen Plan aufgelegt, welche Alternativenergien sie fördern will. Vage ist von Sonne, Wind und Geothermie die Rede. Hinter vorgehaltener Hand räumen hohe Beamte aber der Nutzung der Geothermie wenig Chancen ein, weil sich die Besitzer der 40000 heissen Quellen dagegen sträuben. Sie befürchten, dass die so genannten Onsen, in denen die Japaner leidenschaftlich gerne baden, austrocknen würden.

Premierminister Noda nimmt sich bis zum Sommer Zeit, um seine neue Energiepolitik bekannt zu geben. Europäische Länder wie Deutschland oder die Schweiz waren da schneller. Nun ist Japan gezwungen, den Import von Flüssiggas und Erdöl aus Russland, Katar und Oman zu forcieren, wie Noriyuki Shikata einräumt.

Die zögerliche Reaktion auf die Katastrophe von Fukushima ist umso verwunderlicher, wenn man gleichzeitig sieht, mit welchem Elan die Regierung und die Bevölkerung den Wiederaufbau im Tsunami-Gebiet an die Hand genommen haben. Die öffentliche Infrastruktur im Nordosten Japans ist weitgehend wiederhergestellt, und alle Evakuierten haben ein festes Dach über dem Kopf (siehe «Der Sonntag» vom 5. Februar).

Doch in der Energiepolitik ist Japan zutiefst gespalten. Das Establishment wehrt sich gegen den Atomausstieg, den laut Umfragen drei Viertel der Bevölkerung wünschen. Auch der Bürgermeister der Millionenmetropole Osaka hat sich dieser Forderung jüngst angeschlossen, und mehrere Grossstädte haben die Stromkonzerne aufgefordert, ihre Abhängigkeit von der Atomenergie rasch zu vermindern. Hohe Ministerialbeamte in Tokio machen jedoch im Gespräch deutlich, dass der Atomausstieg noch längst nicht besiegelte Sache ist. Im Gegenteil: Sie glauben, dass die Atomenergie ein Revival erleben wird, sobald die Liberaldemokratische Partei wieder an die Macht kommt. Diese ist traditionell eng mit den Stromkonzernen verbunden, während sich die Demokratische Partei von Premierminister Noda gegenüber neuen Energieformen zumindest etwas aufgeschlossener gibt.

Die Industrie stemmt sich ebenfalls mit aller Macht gegen einen Atomausstieg. So sagt Yorihiko Kojima, der Chef der Mitsubishi Corporation, gegenüber dem «Sonntag», die japanische Wirtschaft könne ohne Atomenergie nicht überleben. Regierungskritische Kreise sehen es gerade andersherum: Sie erhoffen sich von Milliardeninvestitionen in die erneuerbaren Energien eine Belebung der Wirtschaft.

Auch mit Stromsparen macht Japan nicht wirklich ernst. Die vorübergehenden Verbrauchsbeschränkungen sind längst wieder aufgehoben, und die Regierung hat bis heute keinen konkreten Plan zur Erhöhung der Energieeffizienz. Ein hoher Beamter des Aussenministeriums meint sogar, das Einsparpotenzial sei in Japan gering. Das ist verwunderlich in einem Land, in dem geheizte WC-Brillen zum Standard gehören.

Die japanische Regierung und die AKW-Betreiberfirma Tepco versuchen derweil, die verunsicherte Bevölkerung mit der Behauptung zu beruhigen, sie habe die Lage in Fukushima im Griff. So sagt Regierungssprecher Shikata: «Wir glauben nicht, dass in Fukushima weitere Risiken bestehen.» Er verweist auf die angebliche kalte Abschaltung, die Mitte Dezember erreicht worden sein soll. Doch Mitte Februar wurde bekannt, dass die Temperatur in einem der zerstörten Reaktoren plötzlich wieder auf bedrohliche 94Grad anstieg.

Seltsam hilflos erscheint die Regierung auch, wenn sie auf die Angst vor kontaminierten Lebensmitteln angesprochen wird, die in Japan und im Ausland weitverbreitet ist. «Wir werden die Massnahmen verstärken, damit nur sichere Lebensmittel auf den Markt kommen», verspricht Yoshikazu Kojima, der Verantwortliche fürs Exportmarketing im Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei. Was das konkret heisst, verrät er aber selbst nach mehrmaligem Nachfragen nicht. Er will auch nicht sagen, ob die Regierung lückenlose Tests für Nahrungsmittel einführen wird, um die Konsumenten zu beruhigen.

Unter dieser diffusen Informationspolitik leiden die Bauern und Fischer. Unmittelbar nach Fukushima sanken die Nahrungsmittelexporte um einen Fünftel. Laut Kojima sind sie auch heute noch geringer als zuvor.

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