VON PATRIK MÜLLER

Herr Schwab, man reibt sich ungläubig die Augen angesichts der schlimms-ten Wirtschaftskrise seit den Dreissigerjahren. Was ist da genau geschehen?
Die Hauptursache war ein Ungleichgewicht in der Welt-wirtschaft: In den letzten zehn Jahren haben die Amerikaner viel mehr konsumiert, als sie erschaffen haben. Der Unterschied beträgt insgesamt 6000 Milliarden Dollar. In dieser Höhe haben sich die Amerikaner verschuldet. Das war nur möglich, indem sie ihr Kreditwesen aufgebläht hatten ...

. . . bis es platzte.
Es wurden mehr und mehr Kreditinstrumente erfunden, wie etwa die Subprimes, das heisst zweitklassige Hypothekar-darlehen. Aber dahinter standen keine realen Werte mehr. Nun fehlen im internationalen Finanzsystem rund 6000 Milliarden Dollar, welche die Staaten bereitzustellen ver-suchen, um einen Kollaps zu ver-hindern. Das Ausmass der jetzigen Krise ist umso grösser, als zur Verschuldung noch zwei weitere, verstärkende Faktoren hinzukamen.

Welche denn?
Es wäre auch ohne die Kreditkrise in den USA zu einer Abkühlung der Konjunktur gekommen. Zugleich lief eine der wichtigsten Innovationsphasen aus: die der Internet- und Kommunikations-revolution. Die Gleichzeitigkeit von Verschuldung, Konjunkturabkühlung und Innovationsauslauf multiplizierte die Krise. Sie ist viel tiefer als die Ölkrise Anfang der Siebzigerjahre oder das Platzen der Internetblase Anfang 2000.

Weltweit pumpen die Nationalbanken jetzt Milliarden von flüssigem Geld in die Wirtschaft und senken die Zinsen. Gemäss allen Wirtschaftstheorien gibt das später riesige Inflation.
Die Staaten haben nur vier Möglichkeiten, um das Schulden-problem zu lösen: Erstens können sie Inflation machen, also Geldentwertung. Zweitens können sie ihre Ausgaben kürzen. Drittens die Steuern erhöhen. Viertens in den Staatsbankrott gehen.

Nichts davon ist angenehm.
Die Steuern kann kein Staat so stark erhöhen, wie es eigentlich nötig wäre. Die Ausgaben senken ebenso wenig – das wäre schlecht für die Konjunktur. Inflation scheint das kleinste Übel zu sein. Im Moment haben wir keine Teuerung, sogar leichte De-flation, weil die Produktionskapazitäten nicht ausgelastet sind. Aber ich bin überzeugt: Wir werden in eine inflationäre Phase hineinkommen.

Wie hoch wird die Teuerung in den Industrieländern sein?
Die erwähnten 6000 Milliarden Dollar Schulden kann man in Relation zum weltweiten Bruttosozialprodukt von 60 Milliarden setzen. Das heisst, mit 10 Prozent Inflation lassen sich diese Schulden wegbringen. Die Frage ist, über wie viele Jahre verteilt sich diese Inflation.

Ihre Antwort?
Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Die USA, Gross-britannien, Irland, Holland und auch die Schweiz haben be-sonders viel Geld bereitgestellt, um ihre Banken am Leben zu halten. Sie werden überdurchschnittlich von der Inflation be-troffen sein. Dabei muss von der gesamten Staatsver-schuldung ausgegangen werden. Beträgt diese zum Beispiel 100 Prozent des Bruttosozialprodukts und muss diese auf ein gerade noch akzeptables Mass von 60 Prozent reduziert werden, sprechen wir theoretisch von einer Inflationsfalle von 40 Prozent auf ein Jahr bezogen.

Trauen Sie der Politik zu, diese gigantischen Probleme zu lösen, die ihr die Wirtschaft überlässt?
Nur globale Lösungen können helfen, die einzelnen Staaten haben nicht genügend Kraft. Ich setze Hoffnungen auf US-Präsident Barack Obama und stelle fest, dass bei Staatschefs generell der Wille gewachsen ist, gemeinsame Lösungen zu finden. Es ist der Zeitpunkt da, von einer nationalen zu einer globalen Wirtschaftsordnung überzugehen. So wie wir Mitte des 19. Jahrhunderts von einer kantonalen zu einer nationalen Ordnung übergegangen sind. Damals war die Eisenbahn der Auslöser, heute sind es das Internet und die Verbilligung der Transporte.

Wer soll den Ordnungsrahmen für die globale Wirtschaft schaffen?
Die Länder der G-20 sind daran, dies für die Finanzwirtschaft zu versuchen. Im Grunde genommen sollten aber alle Länder integriert sein, nicht nur die wirtschaftsstarken. Die UNO hat deshalb die bessere Legitimation.

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