VON SANDRO BROTZ

Im Zuge der mutmasslichen Organhandel-Affäre in Kosovo wird jetzt bekannt, dass gegen Hashim Thaçi (42) in den 90er-Jahren eine Einreisesperre in die Schweiz bestand. FDP-Ständerat Dick Marty und der grüne Nationalrat Geri Müller bestätigen entsprechende Informationen des «Sonntags». Die für Einreisesperren zuständigen Behörden – das Bundesamt für Polizei (Fedpol) und das Bundesamt für Migration – wollten sich aus Datenschutzgründen nicht dazu äussern.

Die paramilitärische UCK von Thaçi (Kampfname: «Schlange») galt ab ihrer Gründung 1994 zunächst als Terrororganisation und kriminelle Vereinigung. «Der Name Thaçi taucht in vielen polizeilichen und geheimdienstlichen Berichten auf», sagt Marty. Als ehemaliger Präsident der Aussenpolitischen Kommission (APK) ergänzt Müller: «Er war bekannt, dass an den Vorwürfen gegen die UCK etwas dran war.» So steht in einem geheimen Dokument des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) aus dem Jahr 2005 über Thaçi: «Er hat ein im gesamten Kosovo aktives kriminelles Netzwerk.»

Diese Einschätzung galt auch noch, als Thaçi 1999 zu einem Nato-Verbündeten wurde. «Mit Stand 2001 sollen direkte Kontakte zur tschechischen und albanischen Mafia bestanden haben», heisst es in dem BND-Papier, das von Mafia-Experte und Buchautor Jürgen Roth publik gemacht wurde. Im Oktober 2003 soll Thaçi laut BND «im Zusammenhang mit umfangreichen Drogen- und Waffenhandelsgeschäften in engem Kontakt» zu einem Clan gestanden haben, dem Geldwäsche und Erpressung vorgeworfen werden.

Der offiziellen Schweiz müssen diese Informationen bekannt gewesen sein, da der hiesige Geheimdienst eng mit den deutschen Kollegen zusammenarbeitet. Trotzdem war die Schweiz eines der ersten Länder, die Kosovo nach der Unabhängigkeitserklärung 2008 anerkannt haben. Thaçi, der bei den jüngsten Wahlen eine empfindliche Niederlage erlitt, wird von der internationalen Politik hofiert. 1995 erhielt er in der Schweiz politisches Asyl. An der Universität Zürich studierte er osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaft.

Die Schweiz war in den 90er-Jahren als Drehscheibe für die Aktivitäten der UCK bekannt. Von hier aus wurden Waffen verschoben, Gelder gesammelt und Kämpfer rekrutiert.

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