VON BENJAMIN WEINMANN

«Ab dem 2. Quartal 2011 kann man die Notausgangssitze für einen Aufpreis vor der Reise buchen», sagte diese Woche eine Mitarbeiterin im Swiss-Servicecenter am Telefon dem «Sonntag». Dabei verwies sie auf eine aktuelle interne Information. Heute kann man erst beim Check-in frühestens 24 Stunden vor Abflug nach den beliebten Notausgangssitzen mit mehr Beinfreiheit fragen – und erhält sie, falls noch vorhanden, ohne Aufpreis.

Offiziell will die Swiss von solchen fixen Plänen noch nichts wissen: «Dies ist zurzeit nicht in Planung, wir schliessen es in Zukunft aber nicht aus», sagt Sprecherin Sonja Ptassek. «Wir schauen verschiedene einzelne Servicemodelle an, die in Zukunft angeboten werden könnten.» Zudem prüfe man die Einführung der sitzplatzgenauen Reservierung im Internet für Langstreckenflüge. «Wie diese aussieht, lässt sich noch nicht sagen.»

Fakt ist: Mit der Einführung einer solchen Preisdifferenzierung stünde die Swiss nicht alleine da. In letzter Zeit haben verschiedene Fluggesellschaften einen Aufpreis für die Notausgangssitze eingeführt – von der amerikanischen Continental über die australische Qantas bis hin zu Singapore Airlines und Air France. Je nach Strecke beträgt der Aufschlag 10 bis 100 Franken.

Laut Singapore-Airlines-Sprecherin Louise Kaben hätten immer mehr Passagiere explizit diese Sitze reservieren wollen. Wer dort sitzt, muss mindestens 15 Jahre alt sein, Englisch sprechen und bestätigen, dass er oder sie psychisch und physisch in guter Verfassung ist, um bei einem Notfall die Türe öffnen zu können.

Eine lukrative Massnahme wäre es für die Swiss alleweil. 2009 führte sie 68833 Flüge durch. Bei mindestens vier Notausgangssitzen pro Maschine und einer Gebühr von 50 Franken kommt man schnell einmal auf Mehreinnahmen von 15 Millionen Franken. Dieses Geld würde die Swiss gerne nehmen, sagte doch Airline-Chef Harry Hohmeister diese Woche an einer Veranstaltung in Zürich, dass die aktuelle Frankenstärke das Jahresergebnis um einen zweistelligen Millionenbetrag drücken dürfte.

Eine neue Studie der Beratungsfirma A. T. Kearney, die dem «Sonntag» vorliegt, widmet sich solchen und anderen Mehrverdienst-Ideen: 46 Milliarden Euro an Mehreinnahmen könnte die europäischen Flugindustrie bis 2020 generieren, falls sie mehr Serviceangebote kreiert – an Bord, aber auch am Boden. Hohmeister sieht dies ähnlich: «Wir müssen unsere Geschwindigkeit am Boden wiederfinden, und die höhere Geschwindigkeit kann man sich dann vom Kunden auch bezahlen lassen», liess er sich kürzlich in der deutschen «Welt» zitieren.

«Heute ist das Fliegen wie Busfahren», sagt Studienautorin Tanja Wielgoss. «Die Airlines müssen fühlbare Mehrwerte schaffen. Reisen sollte wieder ein Erlebnis werden, das mit der Flugbuchung beginnt und erst dann aufhört, wenn der Schlüssel wieder im Schloss zur eigenen Wohnung steckt.» Allein für die Schweizer Airlines und Flughäfen schätzt Wielgoss das Potenzial auf 3 bis 4 Milliarden Euro.

Einige Vorschläge: Streckenabos, Flughafentransfer, Massagen an Bord, vorab bestellbare Filme, Kauf von Musikdateien, Kurzkurse vor dem Abflug zum Thema «Fit bleiben beim Fliegen» sowie Restaurant- und Museumsgutscheine für das Reiseziel.

Zudem empfiehlt die Studie den Airlines, stärker mit den Flughäfen zusammenzuarbeiten: «Denkbar ist zum Beispiel ein schneller, kostenpflichtiger Transport im Caddy von Gate zu Gate», sagt Wielgoss. Bei Austrian Airlines ist dies zum Teil schon Realität: Die Bordkarte bietet vergünstigte Museumseintritte, Shoppingangebote sowie Reduktionen in ausgewählten Restaurants.


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