VON PETER BURKHARDT

Wien, im noblen 1.Bezirk. Mohammed El Baradei empfängt den «Sonntag» in seiner Wohnung. Hier lebt er mit seiner Frau, wenn er nicht im Zweitwohnsitz in Kairo, im Ferienhaus in Frankreich oder auf Reisen ist. Auf dem Büchergestell steht die Friedensnobelpreis-Urkunde.

Herr El Baradei, Nordkorea hat diese Woche Südkorea angegriffen. Steht die Welt vor einem neuen Krieg?
Das glaube ich nicht. Die Nordkoreaner benutzen ihre Kriegsmaschinerie, um die Welt auf ihre schreckliche wirtschaftliche Lage und ihre politische Isolation aufmerksam zu machen. Aber sie wissen genau, dass sie einen Krieg nicht gewinnen können.

Was will das Regime dann erreichen?
Es braucht wirtschaftliche Hilfe. Und es will von den USA die Zusicherung, dass sie Nordkorea nicht attackieren. Die Nordkoreaner haben eine Obsession, dass die USA einen Regimewechsel anstreben. Sie haben guten Grund dafür, vor allem, seit George W. Bush Nordkorea zu einem Teil der «Achse des Bösen» erklärt hat.

Also ist das Regime nicht eine Bande von Verrückten, sondern rational?
Genau. Es will wie jedes andere Regime auch sein Überleben sichern. Mit seiner Ideologie und seiner Menschenrechtspolitik ist kaum jemand einverstanden, und das Regime ist oft skrupellos. Aber irrational ist es nicht.

Wie gross ist die Gefahr, dass Nordkorea Atomwaffen einsetzt –wenn nicht in dieser Krise, dann in der nächsten?
Ich wäre sehr überrascht, wenn irgendein Land Atomwaffen einsetzen würde. Jede Regierung weiss, dass ihr Land sofort durch einen atomaren Gegenangriff komplett zerstört würde. Denn die heutigen Atombomben sind 500-mal stärker als jene von Hiroshima. Es brauchte also einen Verrückten, um einen Nuklearkrieg anzuzetteln.

Hat Nordkorea die Atombombe?
Es hat sicher Atomwaffen getestet, aber die Sprengkraft war nicht sehr eindrücklich. Doch auch wenn Nordkorea nur rudimentäre Atomwaffen hat, ist das für Südkorea keine gemütliche Vorstellung. Immerhin ist Seoul nur 40 Kilometer von der Landesgrenze entfernt.

Verniedlichen Sie nicht? Das US-Verteidigungsministerium schätzt, dass Nordkorea schon vor fünf Jahren
12 bis 15 Atombomben gebaut hatte.

Diese Zahl bezweifle ich. Die Atomenergieorganisation schätzt, dass die Nordkoreaner genug Plutonium haben, um zwei bis sechs Bomben zu bauen.

Sie waren zwölf Jahre Direktor der Atomenergieorganisation. Ist die Gefahr eines Atomkriegs heute grösser oder kleiner als bei Ihrem Amtsantritt?
Das Risiko, dass Staaten Atomwaffen einsetzen, ist seit dem Ende des Kalten Kriegs viel kleiner. Aber wir haben nun eine gänzlich neue Gefahr, nämlich, dass extremistische Gruppen in den Besitz von Atomwaffen kommen.

Wie stark alarmiert Sie das?
Sehr. Seit der Kubakrise war die Gefahr, dass eine Atombombe wirklich eingesetzt wird, nie mehr so gross wie heute. Zwischen Staaten funktionierte immer die gegenseitige Abschreckung. Extremistische Gruppen hingegen sind bereit, für ihre Ideologie ihr Leben zu opfern. Das ändert die Lage komplett. Die Menschheit ist daran, sich zu zerstören.

Jetzt übertreiben Sie.
Nein. Es ist eine Art Supermarkt verbotener Waffen entstanden: Das Wissen, wie man eine Atomwaffe baut, ist viel breiter gestreut als früher. Wir wissen, dass das Atomschmuggel-Netzwerk des Pakistaners Abdul Qadir Khan in 30 Ländern arbeitete – auch in der Schweiz, mit der Ingenieursfamilie Tinner. Das Resultat ist: Wenn eine extremistische Gruppe Atomwaffen will, dann ist das nicht mehr so schwierig wie früher.

Halten Sie es für möglich, dass Terrorgruppen wie al-Kaida oder Hamas schon im Besitz der Atombombe sind?
Das ist sehr unwahrscheinlich. Wir haben keine Anhaltspunkte, dass sie eine Bombe entwickelt haben oder durch Diebstahl an Atomwaffen herangekommen sind. Wahrscheinlicher ist, dass Terroristen fähig sind, eine so genannt «schmutzige Bombe» zu entwickeln, also einen konventionellen Sprengsatz, der radioaktives Material verstreut und ebenfalls viele Menschen töten kann.

Sind terroristische Gruppen die grössere Bedrohung für die Weltsicherheit als Nordkorea, Pakistan oder Iran?
Das glaube ich, ja. Iran hat zwar Urananreicherungsanlagen und kann in wenigen Monaten Atomwaffen entwickeln. Wir haben aber keine Beweise, dass Iran dies bereits getan hat. Nordkorea hat die volle Kontrolle über seine Waffen und wird sie nicht einsetzen. Pakistan ebenfalls. Das Land ist aber unstabil. Es besteht die Gefahr, dass Terroristen das Waffenarsenal der Armee übernehmen.

Welche Konsequenzen hätte dies?
Wenn extremistische Gruppen Atomwaffen haben, dann werden wir alle untergehen. Terroristen sind gefährlicher als Nordkorea.

Wie würden Sie das Problem lösen?
Die Urananreicherung aller Länder – ob demokratisch oder nicht – muss unter internationale Kontrolle kommen. Eine unabhängige Agentur sollte pro Kontinent eine Anlage betreiben. So hätten alle Länder, die für ihre Stromproduktion angereichertes Uran benötigen, Zugriff zum Material. Sie könnten damit aber keine Bomben bauen. Das ist in meinen Augen der beste Weg, um die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren.

In Ihrer Amtszeit wurde Nordkorea zur Atommacht, Libyen und Iran entwickelten hinter Ihrem Rücken Geheimprogramme, und der Schwarzmarkt florierte. Haben Sie versagt?
Überhaupt nicht. Der Schmuggel von Nukleartechnologie nach Libyen und Iran war ein Versagen der Geheimdienste und der Exportkontrolle. Und es war ein Versagen der Diplomatie, dass der Dialog mit Nordkorea während der Ära Bush gestoppt wurde. Deswegen ist Nordkorea aus dem Atomwaffensperrvertrag ausgetreten, und wir konnten keine Inspektoren mehr entsenden.

Jetzt wiegeln Sie ab. Tatsache ist, dass Sie wenig erreicht haben.
Sie verkennen, dass die Macht der Atomenergieorganisation sehr beschränkt ist. Wir sind wie eine Polizei ohne Durchsuchungsbefehl. Wir dürfen nicht in ein Land gehen und fragen: Was produziert ihr und zu welchem Zweck? Wir können nur kontrollieren, ob die Staaten auf nukleare Rüstung verzichten.

Wie hat Ihnen der Friedensnobelpreis bei Ihrer Arbeit geholfen?
Er kam zu einer Zeit, wo wir unter Beschuss der Amerikaner standen – von einer Regierung, die total von einer Ideologie dominiert wurde.

Sie sprechen den Streit mit der Bush-Regierung an, die Sie attackierte, weil Sie der Behauptung widersprachen, im Irak würden Atomwaffen gelagert.
Ja, der Preis verschaffte uns Glaubwürdigkeit: Wir wurden darin bestärkt, die Welt so zu sehen, wie sie ist, und nicht, wie Ideologen sie sehen wollten. Und er befreite mich vom Verdacht, ich sei parteiisch.

Im Atomstreit mit Iran gibt es keinen Fortschritt. Sind Sie frustriert?
Ja, ich bin sehr frustriert, weil wir das Problem mit Iran schon vor sechs Jahren hätten lösen können. Die USA haben die Situation blockiert: Sie beharren darauf, dass Iran sein ganzes Atomprogramm aufgibt, bevor sie überhaupt verhandeln wollen. Das ist nicht nur unrealistisch, sondern arrogant. Die USA haben die Iraner praktisch dazu getrieben, ihre Atomanlagen im Untergrund weiterzubauen. Und die Sanktionen haben dazu geführt, dass Iran sein Waffenarsenal noch vergrössert hat. George W. Bush hat das nie verstanden: Kein Land will Zugeständnisse machen, wenn es keinen vertrauensbildenden Dialog gibt.

Aber wie kann man einem Regime vertrauen, das laufend Versprechen bricht und die Regeln missachtet?
Ich sehe das anders. Solange die restliche Welt Iran als «Achse des Bösen» dämonisiert und Sanktionen unterwirft, wird sich nichts ändern. Wie kann man Vertrauen bilden, wenn der US-Kongress 75 Millionen Dollar bereitstellt, um den Regimewechsel in Iran voranzubringen? Wenn Sie Iraner wären, würden Sie dann den Amerikanern vertrauen?

Trotzdem: Ist nicht die Zeit für eine härtere Gangart gekommen?
Das würde nur die Hardliner und Extremisten stärken. Sie sehen ja das Resultat der harten Politik des Westens in Irak und Afghanistan. Es gäbe einen nationalen Zusammenschluss, Opposition wäre noch weniger möglich. Und der Einfluss Irans im Nahen Osten würde gestärkt.

Aus einer Art Solidarität heraus?
Ja. Die Leute im Nahen Osten fühlen sich gedemütigt. Sie erleben täglich am Fernsehen, wie ihre Länder überfallen und Muslime getötet werden. In dieser Lage ist es sehr einfach, den Leuten ins Ohr zu setzen, es gebe eine Verschwörung gegen die Muslime. Kommt hinzu, dass die meisten arm sind und von der eigenen Regierung unterdrückt werden. Das führt zur Radikalisierung. Sie sehen ja, wer die populärsten Politiker im Nahen Osten sind: Es sind Leute wie der iranische Präsident Achmadineschad und Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah.

Der libysche Machthaber Muammar Gaddafi fordert Atomwaffen für alle arabischen Staaten, weil Israel auch welche hat. Verstehen Sie das?
Ich bin damit einverstanden, dass die Sicherheitslage im Nahen Osten unstabil ist, weil Israel als einziges Land der Region Atomwaffen besitzt. Die Araber haben keine einzige. Das erzeugt beiihnen ein ungeheures Gefühl der Erniedrigung. Die Lösung kann nur sein, dass der gesamte Nahe Osten frei ist von atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen.

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