VON OTHMAR VON MATT

Die Aussagen lassen aufhorchen. Vielleicht ziehe er sich nach den Wahlen 2011 aus der Politik zurück, sagte Parteistratege Christoph Blocher in «Le Matin». Gewinne die SVP, «ziehe ich mich zurück». Verliere sie, müsse er «noch lange» bleiben. «Das ist sogar ein Grund für die Linke, 2011 SVP zu wählen (Lachen)!» Das sei eine «ironische Bemerkung» gewesen, beteuert Blocher im Nachhinein. Er könne nirgendwo zurücktreten, «da ich ja gar kein politisches Amt bekleide».

Einen Rücktritt plant er auch gar nicht. Im Gegenteil. Die politische Zukunft der Schweiz werde «in den nächsten vier Jahren entschieden», glaubt Blocher. Es brauche eine Änderung der Denkweise. Blocher definiert dafür zwei Kernbotschaften, wie er im Gespräch sagt: «Die Schweiz bleibt souverän und gibt die Entscheidungsfreiheit nicht aus der Hand.

Und wir sind für die direkte Demokratie und es gibt keine anderen Schranken als das zwingende Völkerrecht.» Die Mitte-Parteien müssten sich entscheiden zwischen freiheitlichem und linkem Kurs. Schlössen sie sich der SVP an, «dann haben wir die gute bewährte bürgerliche Schweiz wieder».

Für diese «gute bewährte bürgerliche Schweiz» bleiben Sie in der Politik, Herr Blocher? «Ja, natürlich. Ich glaube nicht, dass ich am 23. Oktober politisch in den Schlaf versinken kann, weil ab dem 24. 10. 11 alles rund läuft.»

Die SVP will CVP und FDP auf Mitte-Rechts-Kurs bringen. Dazu ändert sie sogar ihren Stil. Humor und Selbstironie werden zur Verführung gezielt eingesetzt. An der Lichtmess der SVP Schwamendingen Ende Januar betonte Blocher, man müsse sich auch über sich selbst lustig machen können. Und gab mit einer – uminterpretierten – Strophe des «Schacher Seppli» gleich eine Kostprobe. Sie ist, mit knapp 20 000 Klicks, inzwischen ein Hit auf Youtube:

«I bi de Blocher Stöffeli,
im ganza Land bekannt.
Bi emol ir Regierig gsi –
jetz isch mi Stell vakant.
Ha immer schwarzi Schöfli zellt,
i jedere freie Stund.
Ha eifach nid realisiert,
dass Gfohr vom Steibock chunnt.»

Nicht nur Selbstironie gehört zu den Tugenden, über die sich die SVP neu definieren will. Auch «Ruhe, Bestimmtheit, Klarheit und Überlegenheit», wie es Nationalrat Christoph Mörgeli formuliert. Sie sollen Verbissenheit, Provokation und Aggressivität ersetzen, welche die SVP ab 1999 zunehmend geprägt hatten. «Die SVP musste so lange schrill sein, bis sie gehört wurde und ihre Lösungen zum Durchbruch brachte», sagt Mörgeli.

«In den letzten Jahren konnte die SVP ruhiger und staatsmännischer auftreten.» Mit wachsendem Wähleranteil trage sie mehr Verantwortung. Mörgeli: «Und sie will irgendwann 40 Prozent Wähleranteil gewinnen.» Dafür habe die SVP «viel neue Grundlagenarbeit» geleistet, greife «grundsätzlicher» an. Scharfmacher Mörgeli plötzlich nett und leise? «Ich selber bin auch ruhiger geworden. Weil ich uns näher am Ziel sehe als auch schon.» Erfolge wie bei Minarett- und Ausschaffungs-Initiative hätten ihn «zuversichtlicher» gemacht.

Mehrheitsfähigkeit heisst das neue SVP-Zauberwort. Deshalb will die SVP Ständerat und Städte erobern. «Saubere Städte, keine Kriminalität, keine Schmierereien, tiefere Steuern»: Mit diesem Profil (Mörgeli) will die SVP Städter gewinnen. «Zehn SVP-Sektionen um den Genfersee haben eine Städtecharta unterzeichnet», sagt Generalsekretär Martin Baltisser. In den Städten ortet er «noch Potenzial». Mit ein Grund, weshalb die SVP die überfüllte Schweiz und die Wohnungsnot zum Thema macht. Die SVP wolle es in ihrer ganzen Komplexität auf die kommende Legislatur hin angehen.

Mit Blocher, zweifellos. «Ich höre in der Politik auf, wenn die Politik endlich schweizfreundlich wird, also die Mitteparteien endlich keinen Linkskurs verfolgen», sagt er. Kandidiert er deswegen für National- oder Ständerat? Blocher: «Meine Frau sagt es so: Er schiebt solche Entscheide stets vor sich her.»

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