Vielleicht steht er ganz hinten im Konzertlokal. Etwas am Rand, mit einem Notizblock. Vielleicht schreibt er sich auf, wie lange ein Song dauerte. Oder was gerade gespielt wurde. Ganz unauffällig und ganz «privat».

Gelegentlich gehen Mitarbeiter der Suisa an Konzerte, um zu überprüfen, ob die Veranstalter danach korrekt abrechnen. Das bestätigt Suisa-Sprecher Martin Wüthrich. Denn die Copyright-Organisation zieht für jedes Konzert, das in der Schweiz aufgeführt wird, eine Gebühr ein, die an den Autor der Musik abgeliefert wird. Selbst dann, wenn der Autor selber auf der Bühne steht.

145,2 Millionen Franken hat die Suisa vergangenes Jahr zuhanden der Unterhaltungsbranche eingezogen. Ein grosser Teil davon kam von Radio- und Fernsehsendern, die über die Suisa Musik und Filme abrechnen, die sie ausstrahlen. 45,5 Millionen Franken aber – und damit der zweitgrösste Brocken – stammten aus «Aufführungsrechten». In den vergangenen drei Jahren haben diese Einnahmen um rund ein Viertel zugenommen. Grund dafür seien vor allem Grosskonzerte, sagt Wüthrich.

Die Suisa-Gebühr hat eine finanzielle Seite: 10 Prozent der Billetteinnahmen an einem Konzert müssen an die Suisa abgeliefert werden, wenn die Rechte der aufgeführten Musik von dieser vertreten werden. Gleichzeitig bedeutet die Abrechnung auch administrativen Aufwand. Mit einer Liste muss der Veranstalter melden, welche Lieder gespielt wurden und wie lange sie dauerten. Oft füllen die Bands selber diese Listen aus.

Hier wird nicht selten getrickst. «Ich kenne Bands, die auf ihren Listen zu viele eigene und zu wenig fremde Lieder aufschreiben», sagt Peter Schlager (Name geändert), der mit seiner eigenen Band regelmässig Konzerte gibt. «So erhalten sie mehr Tantiemen.» Selber habe er noch keine Suisa-Kontrolle erlebt, sagt er. «Einige meiner Kollegen aber schon.» Er kenne eine Cover-Band, die «eins zu eins» Originale spiele und damit gutes Geld verdiene, sagt Schlager. «Auf die Listen schreiben sie aber eigene Songs.»

Suisa-Sprecher Wüthrich bestätigt das Problem. «Wenn unseren Leuten beim Erfassen der Listen etwas auffällt, legen sie das schon mal beiseite, um es genauer abzuklären.» Auch er erwähnt das Beispiel der Cover-Band, die plötzlich viele Eigenkompositionen angibt. Oder einer Band, deren Eigenkompositionen viel länger dauern als die Lieder fremder Autoren. «Da gehen wir dann schon mal als Privatleute an Konzerte und schauen uns das genauer an.» Für allzu viele Kontrollen habe man jedoch nicht die Kapazitäten, beschwichtigt Wüthrich.

Nicht immer sind es die Bands, die tricksen. Manchmal schickten auch die Konzertveranstalter keine Set-Liste an die Suisa, um sich die Gebühren zu sparen, sagt Tobit Schäfer vom Rockförderverein (RFV), einer Basler MusikerVereinigung. «Schlaue Bands melden der Suisa daher Ende Jahr noch einmal, wann sie wo aufgetreten sind.»

Bei den Konzerten von Schäfers Vereinsmitgliedern geht es meistens nicht ums grosse Geld. Es gibt aber durchaus Veranstaltungen, wo die Suisa hohe Rechnungen verschickt. So streitet sich derzeit der Veranstalter des Basler Militärmusik-Festivals Basel Tattoo vor Gericht mit der Suisa. Er bezahlt pro Jahr nach eigenen Angaben etwa eine halbe Million für Musikrechte. Auch bei grossen Stadion-Konzerten kann ein einzelnes nicht gemeldetes Lied ins Geld gehen. «10 Prozent der Einnahmen sind da ein netter Betrag», sagt Wüthrich.

Neue Wege geht die Suisa bei der Erfassung der Musik in Diskotheken, die ebenfalls eine Gebühr für die gespielte Musik entrichten müssen. In einzelnen Clubs ist ein französisches System im Einsatz, das automatisch erfasst, welche Songs ein DJ auflegt. «Dann sind am Ende gar keine manuellen Listen mehr nötig», sagt Wüthrich. Für Livemusik tauge dieses System jedoch noch nicht, und so wird weiter von Hand abgerechnet.

Musiker Peter Schlager gibt zu, selbst auch schon «leicht verfälschte» Listen abgeliefert zu haben, obwohl seine Songs bei der Suisa gar nicht registriert seien. Sein Grund: «Einfach um nicht durch meinen Schweiss und meine Arbeit irgendeinen Millionenkonzern oder eine Stiftung zu unterstützen.»

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