Wenn im Jahr 2016 der Gotthard-Basistunnel aufgeht, brechen auch für die Bergstrecke am Gotthard neue Zeiten an. Das genaue Betriebskonzept für die alte Strecke wird derzeit durch das Bundesamt für Verkehr erarbeitet. Bereits abgerungen haben die Anrainerkantone den SBB das Versprechen auf einen stündlichen Zug pro Richtung über die dann langsamere Strecke über den Gotthard. Wie die «Schweiz am Sonntag» weiss, droht den SBB nun Konkurrenz von unerwarteter Seite.

Die Schweizerische Südostbahn (SOB), eine eigenständige Eisenbahngesellschaft im Besitz des Bundes und der Kantone St. Gallen, Schwyz und Zürich mit Sitz in St. Gallen, will ihren Paradezug «Voralpen-Express» künftig über den Gotthard in das Tessin führen. Dieser Zug verkehrt derzeit zwischen Romanshorn über Rapperswil bis Luzern. «Wir prüfen unter anderem die Option Gotthard», bestätigt Ursel Kälin, SOB-Mediensprecherin, eine entsprechende Anfrage.

Eine Machbarkeitsstudie wurde bereits durchgeführt, das Konzept dem Bund vorgelegt. «Der Ball liegt nun beim Bundesamt für Verkehr», sagt Kälin. Dieses will schnell entscheiden: Zurzeit werde abgeklärt, ob der Zug in die Fahrplanlage am Gotthard passen würde und ob eine solche Verbindung wirtschaftlich betrieben werden könnte, sagt Sprecherin Olivia Ebinger. Entscheiden will das BAV bereits im Spätherbst dieses Jahres. Fällt ein positiver Entscheid, könnte die umsteigefreie Verbindung zwischen der Ost- und der Südschweiz schon in wenigen Jahren Realität werden.

Die SOB, welche zurzeit grosse Teile des Regionalverkehrs in den Kantonen Schwyz und St. Gallen betreibt, würde damit neue Gebiete erschliessen und in Stammlande der SBB vorstossen. Seit fast 100 Jahren gehört die Gotthard-Bergstrecke zu deren Streckennetz, im Personenverkehr befahren die Staatsbahnen die Strecke bisher ohne Konkurrenz. Entsprechend reserviert kommentieren die SBB das Projekt. «Wir nehmen die Pläne zur Kenntnis», richten sie aus.

Bei den Anrainerkantonen Uri und Tessin sorgt die Nachricht für frohe Gesichter: «Sollte die Südostbahn ihrem Namen tatsächlich gerecht werden und den Süden der Schweiz künftig mit dem Osten verbinden, wäre dies eine erfreuliche Nachricht», sagt Omar Gisler, Kommunikationschef von Ticino Turismo.

Er schwärmt von den Marketingmöglichkeiten: «Werden die Pläne realisiert, könnten beispielsweise die Stiftskirche St. Gallen und die Burgen von Bellinzona direkt miteinander verbunden werden.» Gleich zwei Unesco-Weltkulturerben würden damit an einer Strecke liegen. Nicht zuletzt könne auch die Ostschweiz profitieren: «Sie hätte direkten Zugang zu veritablen Wanderparadiesen am Gotthard und im Tessin.» Auch Urban Camenzind, Urner Regierungsrat, signalisiert Interesse: Es gebe noch offene Fragen, etwa zur Abgeltung. Der Kanton sei aber offen für eine «kostengünstige und kundenfreundliche Lösung».


Veloverlad am Gotthard: SBB rangieren Velowagen aus

Neu verkehren die Interregio-Züge zwischen Zürich/Basel und Locarno ohne die beliebten Velowagen. Ersetzt wurden diese durch Reisewagen mit Multifunktionsabteil. Diese bieten Platz für 25 Velos. Zudem sind neu mehr Velohaken in den Wagen vorhanden. «Die neue Zugsbildung bringt nur Vorteile», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. Auf dem meist belasteten Zug sei der Platz für Velos sogar verdoppelt worden. Dort sei nach wie vor ein Velowagen eingereiht. Bei den anderen Zügen sei die Kapazität mit 41 Plätzen fast gleich. Daran zweifeln Experten. Zum einen habe die Kapazität bisher auf allen Zügen fast 80 Velos betragen, da auch der normalerweise abgeschlossene Teil der Velowagen genutzt worden sei. Zum anderen werde der Platz in den Multifunktionsabteilen mit Kinderwagen und Gepäck geteilt. Gemäss Schärli werden auch in Zukunft vier Velowagen als Reserve für Spitzentage vorbehalten. Damit kann aber nur jeder zweite Zug bestückt werden. Die restlichen fünf Wagen werden mittelfristig ausrangiert, Experten sprechen von spätestens dem Jahr 2016. (STE)


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