VON CLAUDIA MARINKA

Es ist nunmehr ein Jahr vergangen, seit die 4-jährige Anyuta nach einer Konsultation in der Notfallstation der Kinderklinik des Kantonsspitals Aarau (KSA) zu Hause verstorben ist. Was sich in der Nacht auf den 27. Dezember genau zugetragen hat, ist noch nicht geklärt. Nebst anderem sind hauptsächlich folgende Punkte vom Spital nach dem Vorfall anders dargestellt worden, als es aus Sicht der Eltern tatsächlich war, und sind somit Gegenstand der Untersuchung:

Höhe des Fiebers bei Eintritt ins Spital.

Anweisungen und Aussagen des untersuchenden Arztes gegenüber den Eltern.

Anweisungen der Pflegefachfrau an die Eltern, als diese nach dem Besuch im Spital morgens um 6 Uhr wieder im Spital angerufen haben und geschildert haben, dass Anyuta sehr stark und unterbrochen huste und nicht schlafe.

Doch die längst erwartete Untersuchung und die Befragung der Spitalmitarbeiter haben bislang noch gar nicht stattgefunden. Die Behörden lassen sich Zeit. «Die Strafuntersuchung hat sich insofern verzögert, als wir noch weitere Fälle haben, die wir behandeln müssen. Wir wollten sie mit der nötigen Sorgfalt behandeln, deshalb verzögerte sie sich ein wenig», sagt der Aarauer Bezirksamtmann Dieter Gautschi und fügt an: «Die ersten beiden Angeschuldigten werden wir im Januar einvernehmen können.»

Insgesamt gegen vier Spitalangestellte ist ein Strafverfahren eröffnet worden. «Im September wollte man die vier beschuldigten Ärzte und Pflegepersonen vorladen. Es haben sich jedoch die Anwälte gemeldet. Sie wollten Akteneinsicht, die sie nun bekommen haben.» Die Rechtsvertreterin der Familie, Susanne Schaffner-Hess, wurde indes am 7. Dezember von der zuständigen Polizistin orientiert, dass die Anwälte der Ärzte und der Pflegefachfrau sich weigern, vor Januar 2010 überhaupt mögliche Einvernahmetermine anzugeben, nachdem man schon seit Monaten auf diese Einvernahmen gewartet hat.

Noch immer warten die Eltern auf eine angemessene Strafuntersuchung. Sie äussern sich erstmals öffentlich, weil nicht wie üblich innert nützlicher Frist zu den Einvernahmen vorgeladen worden ist und die Beschuldigten keine Anstalten machten, an Befragungen teilzunehmen. «Wir fordern eine transparente, rasche und effiziente Abklärung», sagt Krishna Reddy, Vater der verstorbenen Anyuta. Genau dies ist aber nach Ansicht der Eltern bislang nicht geschehen.

Der Informatiker sagt: «Wir wollen Gerechtigkeit. Es ist nicht einzusehen, dass noch keine Einvernahmen der an der Untersuchung beteiligten Personen durchgeführt wurden. Das Resultat ihrer Fahrlässigkeit oder der vielleicht ungenügenden Ausbildung in Bezug auf den Assistenzarzt hat zu einem Todesfall geführt, wofür bislang keiner die Verantwortung übernommen hat.»

Der Fall, den der «Sonntag» publik machte, hatte die ganze Schweiz bewegt: Die Eltern hatten am 30. Januar Strafanzeige eingereicht. Doch die Staatsanwaltschaft Solothurn hatte keine Strafuntersuchung eröffnet, weil ihr ein «genügender Anfangsverdacht auf eine strafbare Handlung, um eine Strafuntersuchung einzuleiten», fehlte. Doch dem widersprach im März das Obergericht und verfügte die unverzügliche Eröffnung einer Strafuntersuchung. Die Staatsanwaltschaft hat den Fall den Aargauer Behörden übergeben, da der allfällige Tatort Aarau sei.

Für die leidgeprüften Eltern ein schwacher Trost. «Die Behörden nehmen sich zu viel Zeit. Eine rasche Abklärung würde allen helfen: den Eltern, Kindern und auch den Ärzten. Dann kann sich ein derartiger Fehler nicht mehr wiederholen», sagt Vater Krishna Reddy.

Der Informatikfachmann ergreift die Hand seiner Frau, diese kämpft mit den Tränen. «Wissen Sie, Anyuta war unser Sonnenschein. Sie war immer fröhlich, brachte jeden zum Lachen. Jeder, der in Kontakt mit Anyuta kam, verliebte sich in sie», sagt Mutter Geeta Chhabra. Besonders gefreut habe sie sich auf die jährlichen Ferien bei den Grosseltern und der grossen Familie in Indien. Zu ihrem Grossvater hatte sie eine sehr enge Bindung. Seit dem Tod seiner Enkelin sei dieser untröstlich. Auch die Mutter erwartet Antworten darauf, warum ihr Kind auf so eine tragische Weise sterben musste.

Doch das Kantonsspital Aarau weist jegliche Schuld von sich. Pressesprecherin Helen Winkler: «Zum Stand der strafrechtlichen Untersuchung liegen uns keine neuen Angaben vor. Wir haben keine Hinweise darauf, dass der tragische Todesfall auf eine ärztliche Fehlbehandlung oder Unterlassung im Spital zurückzuführen ist.»

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