Als die Schlacht vorbei war, setzte das Wutgeheul ein. In den späten Stunden des Neujahrstags beendete der US-Kongress, von Präsident Barack Obama unter Druck gesetzt, mit einem Kompromiss den Streit um den Staatshaushalt. Zum ersten Mal seit fast 30 Jahren erhöhten die Abgeordneten die Steuern für Gutverdienende. Seither toben die Republikaner.

Die Anklage lautet auf Denkmalsturz. Seit Obamas Zeit als junger Sozialarbeiter in Chicago, schreibt das «Wall Street Journal», habe der Demokrat ein grosses Ziel gehabt: das Vermächtnis Ronald Reagans zu zerstören. Gemeint ist das, wofür Konservative in Amerika und überall auf der Welt den früheren US-Präsidenten bis heute verehren: tiefe Steuern. Tiefe Steuern nicht nur für Unternehmen, sondern auch für die Reichen.

Nicht nur in den USA sollen jetzt Vermögende stärker besteuert werden. Mehrere andere Staaten, darunter Spanien, Frankreich und Portugal, haben die Steuern für Spitzeneinkommen bereits 2012 erhöht. In Österreich werden Gutverdienende seit Anfang dieses Jahres ebenfalls stärker zur Kasse gebeten. Andere Regierungen überlegen sich angesichts grosser Defizite dasselbe.

Besonders der Umgang Amerikas mit seinen Reichen hat Signalwirkung. Von 35 auf knapp 40 Prozent steigt der Spitzensteuersatz auf Einkommen ab 400 000 Dollar in diesem Jahr. Es ist der erste Anstieg seit der Amtszeit Reagans. Doch um eine historische Anomalie handelt es sich nicht – vielmehr um eine Rückkehr zu einer früheren Politik.

Bis in die 1980er-Jahre wurden hohe Einkommen in den meisten industrialisierten Staaten stark besteuert – besonders in den USA. Als die Einkommenssteuer in Amerika vor 100 Jahren zum ersten Mal erhoben wurde, betrug der Spitzensteuersatz 65 Prozent. Er stieg auf bis zu konfiskatorische 94 Prozent im Jahr 1944, blieb aber auch während des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit hoch. Das war zwar schmerzhaft, doch die Reichen nahmen es in Kauf, dass mit ihren Steuern der Sozialstaat ausgebaut wurde. Noch 1981 betrug der Spitzensatz 70 Prozent.

Dann kam Reagan. Er strich die Steuersätze auf bis zu 28 Prozent zusammen. In Grossbritannien tat Premierministerin Margaret Thatcher dasselbe. Die Tiefsteuerpolitik fand Nachahmer in der ganzen Welt: Zwischen 1981 und 2010 sanken die Spitzensteuersätze in den OECD-Staaten massiv.

Was dies in Amerika bewirkte, hat die Wirtschaftsjournalistin Chrystia Freeland in ihrem neuen Buch «Plutocrats» so zusammengefasst: «Die Einkommen der Mittelschicht stagnierten, während die Leute an der Spitze anfingen, sich immer weiter von allen anderen zu entfernen.» Zuvor hatten sich die Einkommen der Amerikaner während Jahrzehnten zunehmend angeglichen. Mit Reagan endete die Ära, die Ökonomen wie Paul Krugman die Grosse Kompression nennen.

Stattdessen wurden die reichsten Amerikaner noch reicher. In den 1970ern gingen laut Freeland noch rund 10 Prozent des nationalen Einkommens an das oberste Prozent der Verdiener. 2005 war es bereits ein Drittel. Zwei der reichsten Amerikaner, Microsoft-Gründer Bill Gates und Investorenlegende Warren Buffet, kamen 2005 auf ein gemeinsames Vermögen von 90 Milliarden Dollar – und damit auf fast so viel wie die 120 Millionen ärmsten Amerikaner zusammen.

Die Kluft wächst weiter. Von 2009 bis 2010, als sich die wichtigste Volkswirtschaft der Welt von der Finanzkrise zu erholen begann, stiegen die Gesamteinkommen der Amerikaner um 2,3 Prozent. «Das ist ein laues Wachstum», schreibt Freeland. «Aber es ist doch viel stärker, als man es angesichts der düsteren Stimmung hätte annehmen können.» Die grosse Mehrheit bekam von dieser Erholung jedoch nichts mit. Die Einkommen von 99 Prozent der Amerikaner stiegen gerade mal um 0,2 Prozent. Profitiert hat das oberste Prozent der Amerikaner: Ihr Einkommen vergrösserte sich um 11,6 Prozent .

Inzwischen ist die Elite Amerikas reicher als selbst ihre Vorbilder aus den Jahren, die Mark Twain als «Vergoldetes Zeitalter» bezeichnete. Um die Wende des 19. Jahrhunderts hatten Industriemagnaten wie Andrew Carnegie, John D. Rockefeller und J. P. Morgan gewaltige Vermögen angehäuft. Für die heutigen Plutokraten – die Banker der Wall Street und Nerds des Silicon Valley – sei ein neues «Vergoldetes Zeitalter» angebrochen, schreibt Freeland.

Noch immer stellen Amerikaner die grösste Gruppe innerhalb der Reichen dieser Welt. Die Credit Suisse zählt in ihrem aktuellen Global Wealth Report weltweit 84 700 Personen, die ein Vermögen von mehr als 50 Millionen Dollar haben. 35 400 davon leben in Amerika.

Doch profitiert haben die Reichen weltweit. Der mexikanische Unternehmer Carlos Slim ist nicht nur der aktuell reichste Mann der Welt, sondern auch die reichste Person der Geschichte. Zu diesem Schluss kommt der Weltbankökonom Branko Milanovic. Gemessen am Durchschnittseinkommen seiner Landsleute verdient Slim (Vermögen: 69 Milliarden Dollar) gleich viel wie 400 000 Mexikaner zusammen. Damit schlägt Slim nicht nur Tycoons wie Rockefeller, der 1937 gleich viel verdiente wie 116 000 Amerikaner. Er übertrifft auch Marcus Crassus, der im 1. Jahrhundert vor Christus als reichster Mann Roms galt.

Platz zwei auf der ewigen Liste der Superreichen gehört laut Ökonom Milanovic dem russischen Oligarchen Michail Chodorkowski, der inzwischen im Gefängnis sitzt. Slim wie Chodorkowski profitierten davon, dass die Wirtschaftspolitik Reagans in die ganze Welt exportiert wurde: tiefe Steuern, Deregulierung, Privatisierungen. Slim machte sein Vermögen, als er die staatliche Telefongesellschaft Mexikos übernahm. Chodorkowski wurde reich durch die Übernahme staatlicher Rohstofffirmen.

Nun scheint es so, als wäre in den USA ein Damm gebrochen. Nach der Abstimmung im Kongress machte Obama klar, dass die durchgebrachte Steuererhöhung nicht die Letzte sein werde. Zukünftige Sparmassnahmen beim Staat werde es nur geben, wenn im Gegenzug auch die Vermögenden mehr bezahlten.

Werden die Einkommensunterschiede kleiner, wenn in Amerika und anderswo die Steuern für Reiche wieder ansteigen? Unter Ökonomen ist das umstritten. Gestiegen sind die Unterschiede aber auch in der Schweiz, wo die Steuern stets tief waren – sie liegen heute nur 2 bis 3 Prozent höher als 1981. Zugleich wuchsen die Vermögen der 300 Reichsten gemäss «Bilanz» von 86 Milliarden im Jahr 1989 auf 489 Milliarden Franken im Jahr 2011.

Der Soziologe Ueli Mäder, der den Reichtum in der Schweiz untersucht, sieht einen klaren Zusammenhang zwischen tiefer Steuerprogression und wachsender Ungleichverteilung. «Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich die soziale Kluft sowohl bei den Vermögen als auch bei den verfügbaren Einkommen nochmals erhöht», sagt Mäder.

Einiges deutet darauf hin, dass auch für Reiche in der Schweiz härtere Zeiten anbrechen. Die Volksinitiative für eine nationale Erbschaftssteuer kommt zustande, wie Heiner Studer, Präsident des Initiativkomitees, bestätigt. Am 15. Februar soll sie eingereicht werden.

Seit 2009 haben zudem fünf Kantone die Pauschalbesteuerung abgeschafft. Und ausgerechnet in Schwyz, einem der erfolgreichsten Kantone im Wettbewerb um potente Steuerzahler, stimmten jüngst viele Gemeinden Steuererhöhungen zu. «Das Ende von immer noch tieferen Steuern dürfte damit im Kanton Schwyz erreicht sein», sagte Regierungsrat Othmar Reichmuth kürzlich.

Behält er recht, beginnt der Kampf um die Steuern der Reichen bald auch in der Schweiz.

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