Es braucht nicht viel und schon ist man ein «Partner» von Starbucks: grüne Schürze, Namensschild – und ein Lächeln auf den Lippen. Dazu etwas Halb-Wissen rund um die Kaffeebohne. Deshalb lädt Filialleiter – pardon Store-Manager – Pavol in der Filiale an der Zürcher Bahnhofstrasse zuerst einmal zum Einstiegs-Tasting ein und bietet ganz nach Starbucks-Manier das Du an. Schliesslich bin ich jetzt seine Partnerin, wenn auch nur für einen Morgen.

Vor mir steht je ein Tässchen mit Espresso Roast und Guatemala Antigua. «Du musst über der Tasse mit der Hand ein Häubchen formen», gibt er mir zu verstehen. «Riechen und nun schlürfen, damit Luft in den Gaumen kommt und sich die Aromen richtig entfalten können. Spürst du die Säure seitlich der Zunge?» Ja, tatsächlich. Und auch die Schoko- und Caramel-Noten. Ist das nun die Greencard ins Universum von Starbucks?

Das Universum Starbucks, 1984 mit drei kleinen Kaffeehäusern in Seattle gestartet, hat heute über 18 000 Filialen in 60 Ländern und über 150 000 Partner. 52 Coffee Houses gibt es allein in der Schweiz, fünf weitere sind in diesem Jahr geplant. Starbucks gehört damit in die Kategorie von Unternehmen wie Apple oder Nike, die die globale Popkultur wesentlich beeinflusst haben.

Längst drängt sich Starbucks auch ausserhalb der Coffee Houses in unseren Alltag. So stehen seit letztem Sommer Discoveries-Kaffees von Starbucks im Kühlregal der Migros. Selecta testet derzeit in Unternehmen sogenannte Office-Ecken mit Starbucks-Produkten. Im Spätherbst werden zwei SBB-Wagen mit einem Starbucks-Restaurant von Genf nach St. Gallen quer durch die Schweiz rollen. Und mit einem Kapsel-System macht Starbucks dem urschweizerischen Nespresso nun auch zu Hause Konkurrenz.

Selbst die grössten Verfechter von Starbucks sind sich einig: Die Kaffees sind völlig überteuert. Was ist die Magie von Starbucks, dass trotzdem täglich über 60 Millionen Menschen weltweit in einer der Filialen einn Latte oder Macchiato trinken oder mit auf den Weg nehmen?

«Für ein nettes Lächeln vom Barista am Morgen bin ich gerne bereit, mehr zu zahlen», gibt mir die Arbeitskollegin mit auf den Weg, als müsse sie sich rechtfertigen, dass sie zur Starbucks-Community gehört. «Die Kaffees sind einfach gut, und man findet in jeder Filiale den gleichen Standard – egal, ob in London, Peking oder Baden», erklärt ein anderer Kollege.

Pavol legt die Stoppuhr neben die French-Presses-Maschinen und drückt mir ein grünes Büchlein in die Hand. Ist das die Starbucks-Bibel? «Fast», lächelt er verschwörerisch. Nun, es sind vor allem Facts zur Optimierung der Arbeitsgänge. Zum Beispiel, wie man die Maschinen richtig bedient oder wie man welche Kaffeesorte zubereitet. Alles mit genauer Zeitangabe. Denn Zeit ist auch bei Starbucks Geld. Zumindest in qualitativer Hinsicht. «Nach 10 Sekunden ist ein Shot tot», erklärt Pavol. Was so viel heisst, dass der Kaffee nicht mehr verkauft werden darf.

Kein Wunder komme ich hinter der Theke ziemlich ins Rotieren. Zuerst die Milch aufschäumen (aber nur 2 Sekunden, sonst wird der Latte zum Cappuccino) und dabei fast gleichzeitig die Presse des Kaffees hinunterdrücken. Anschliessend wird die geschäumte Milch so in die schräg gehaltene Tasse gefüllt, dass es am Schluss die schöne Milchspur gibt, die manche Barista dafür benutzen, ihre künstlerische Ader mit dekorativen Blümchen oder Herzen auszuleben. Da friert mein Lächeln für einen Moment ein, während die Schlange vor der Theke immer länger wird. «Gut, gut», spornt Pavol geduldig an, auch wenn ich die vorgeschriebene Zeit längst überschritten habe. «Wenn du mal 100 Kaffees gemacht hast, wirst du dich ganz auf die Gäste konzentrieren können», beruhigt Pavol.
«Auch wenn wir viel zu tun haben, gehen wir auf unsere Gäste ein, lachen mit ihnen und verschönern ihnen den Tag», heisst es im Starbucks-Leitbild. Ein Lächeln, eine nette Bemerkung – und schon hat man sie im Sack. Gewusst wie, denn nicht jeder Gast will gleich bedient werden, lerne ich aus der grünen Bibel. Manchen reicht ein kurzes «En schöne Tag», andere wollen sich austauschen.

Es geht bei Starbucks längst nicht nur um die Tasse Kaffee. «Starbucks ist ein Raum, wo man sich trifft, arbeitet, sich zurückziehen kann», fliesst es Frank Wubben, der bis vor kurzem Chef – pardon Managing Director – von Starbucks Schweiz war und jetzt in die Amsterdamer Zentrale aufgestiegen ist, geschmeidig über die Lippen. «The Third Place», der dritte Ort – nach dem Zuhause und dem Arbeitsort. Starbucks hat zwar den Kaffee zum Mitnehmen erfunden, lädt aber zum Verweilen ein. Nicht nur für die Studentin, die schon seit ein paar Stunden in der Ecke sitzt und emsig in ihren Laptop hämmert. Auch das Rentnerpaar, das am Nebentisch seinen Tall Latte wortlos schlürft oder den Banker, der nur Zeit für ein «Hallo» hat und mit seinem Venti-Becher davoneilt. Starbucks ist mehrheitsfähig.

Vor allem aber befriedigt Starbucks eines der wichtigsten Grundbedürfnisse der Menschen: Aufmerksamkeit. Die Gäste haben ausgerechnet bei diesem Einheitskonzern einen Namen und sind keine Nummer, sie bekommen ein Lächeln und keine Abfertigung. Ein Lichtblick im Grau des Alltags, wo der Familienknatsch und Arbeitsärger mit einem süssen Chai Latte hinuntergespült werden können. Und alles ist wieder gut. Da geht der Preis schnell vergessen. In der Starbucks-Filiale holen sich die Gäste Lebensgefühl im Pappbecher ab. Dafür in der Schlange zu stehen, ist nicht lästig, sondern Selbstbestätigung.

Es ist eng hinter der Theke, man tritt sich fast auf den Füssen. Ich steige als Barista eine Stufe höher und versuche mich mit einem Matcha Green Tea Frappuccino. Sirup, Grünteepulver, Milch, Eiswürfel und Schlagrahm. Die Handgriffe klappen schon ganz gut. Nur das mit dem Schlagrahm will nicht so recht. Sofort muss alles abgespült, die Flecken beseitigt werden, damit der nächste Barista alles sauber vorfindet. Hier gibt es keine Hierarchien, alle sind gleich, alle machen alle Arbeiten – vom Abwaschen über die Tische abräumen bis hin zur Toilette reinigen.

Ecken und Kanten sind bei den Partnern nicht erwünscht. Tattoos und Piercing etwa dürfen nicht sichtbar sein, eine Punk-Frisur oder schrill gefärbte Haare sind ebenso tabu. Rock- und Hosenlänge sind genau vorgegeben. Uniformität und Gleichförmigkeit statt Individualität und Konturen.

Nicht nur das ist mittlerweile vielen ein Dorn im Auge. Im Internet haben sich bereits Starbucks-Gegner unter anderem unter www.ihatestarbucks.com formiert und fordern Starbucks-freie Städte. Die Kaffeebauern in der Dritten Welt fühlen sich vom amerikanischen Multi ausgebeutet. In Verruf geriet Starbucks unlängst wegen Steuertricks.

Obwohl Starbucks heute intensiv an seinem Image als Vorzeigefirma für soziale Gerechtigkeit bastelt, ist es heute für viele zu einem Symbol für Massenkonsum und Gleichförmigkeit geworden. Die prominente Globalisierungskritikerin Naomi Klein etwa nennt Starbucks eine der «Übermarken», die es zu bekämpfen gelte: als gierigen Vorreiter eines amerikanischen Kultur- und Wirtschaftsimperialismus.

Fühlt sich Pavol ob dieser Uniformität nicht eingeengt? «Nein, im Gegenteil», meint er mit einem Lächeln. «Ich habe dafür mehr Zeit für meine Gäste, weil ich mich um nichts anderes kümmern muss.» Ein Lächeln, ein nettes Wort – es sind Selbstverständlichkeiten, die anderswo fehlen. Und aus denen Starbucks ein Milliardengeschäft gemacht hat.

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