VON CHRISTOF MOSER

Frau Calmy-Rey, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie die ersten Bilder aus Haiti gesehen haben?
Das Leid der Menschen – die absolute Hilflosigkeit. Die Leichen in den Strassen, die notdürftig zugedeckt sind. Die verzweifelten Gesichter von Frauen, Männern und Kindern. Solche Bilder sind kaum zu ertragen. Und das alles im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre.


Fühlen Sie sich als handelnde Bundesrätin angesichts solcher Katastrophen auch ohnmächtig?
Ja. Aber damit ist niemandem geholfen. Wir müssen deshalb alles versuchen und dort helfen, wo man helfen kann. Das sind wir den Betroffenen vor Ort schuldig.


Sind Sie zufrieden mit der angelaufenen Hilfe aus der Schweiz?
Trotz grössten Schwierigkeiten haben unsere Fachleute der Humanitären Hilfe mehrere Teams mit Spezialisten sowie über 30 Tonnen Hilfsgüter ins Katastrophengebiet entsendet. Unser Vorausdetachement gehörte mit den Amerikanern und den Franzosen zu den ersten ausländischen Einsatzkräften, die nach dem Erdbeben Port-au-Prince erreicht haben. Dort haben unsere Spezialisten inzwischen auch ein Spital mit 600 Betten und zwei Operationssälen identifiziert, in dem die Ärzte der Humanitären Hilfe und lokales Personal sehr bald die medizinische Notversorgung starten können. Insgesamt sind momentan 41 Personen der Humanitären Hilfe und des Krisenpools vor Ort im Einsatz, die gemeinsam mit unseren Vertretungen in Haiti und Santo Domingo Tag und Nacht arbeiten. Unsere Einsatzteams konnten zudem zehn Schweizerinnen und Schweizer nach Santo Domingo evakuieren. Ich bin ihnen sehr dankbar und habe grossen Respekt für alle diese Leistungen.


Was ist für die Helfer vor Ort momentan die grösste Herausforderung?
Nach Einschätzung unserer Einsatzteams gibt es derzeit vier grosse Herausforderungen zu bewältigen: Die Logistik, die Kommunikation, die Koordination und die Sicherheit.


Wie kann sich die Schweiz über die Soforthilfe hinaus engagieren?
Die Entwicklungszusammenarbeit und speziell die Humanitäre Hilfe des Bundes engagiert sich schon seit 2005 in Haiti. Natürlich konzentrieren wir unsere Anstrengungen momentan auf die Nothilfe. Doch unsere Spezialisten planen bereits die weiteren Schritte für ein mittelfristiges Engagement im Bereich Wiederaufbau. Hier soll die Schweiz einen starken Akzent setzen. Neben dem Bau von Spitälern und Schulen sind auch Massnahmen im Rahmen des so genannten Naturgefahrenmanagements vorgesehen, damit das krisengeschüttelte Land besser auf künftige Naturkatastrophen reagieren kann.

Wie wichtig ist neben der staatlichen Hilfe die Hilfe der Schweizer Bevölkerung, beispielsweise via Glückskette?
Bei einer solchen schweren Katastrophe ist jede Hilfe willkommen. Zentral ist aber auch die Koordination der Hilfe, das wird oft unterschätzt. Nach der Nothilfe unmittelbar nach der Katastrophe wird es in Haiti darum gehen, den Wiederaufbau zu organisieren und zu finanzieren. Und da sind gerade die beträchtlichen Mittel, welche die Glückskette dank der Solidarität unserer Bevölkerung zusammentragen kann, sehr willkommen.

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