Es war eine heikle Mission, die Philipp Stähelin vor sich hatte. Der Thurgauer CVP-Ständerat sollte Michael Lauber sehr persönliche Fragen stellen. Zum Beispiel: Stimmt es, dass Sie in psychologischer Behandlung waren? Das war noch vor der Anhörung durch die Gerichtskommission am Mittwoch. «Ich kann bestätigen, dass ich von der Subkommission den Auftrag hatte, Abklärungen zu treffen», sagt Stähelin zu Recherchen des «Sonntags».

Im Fokus der Abklärungen stand der schnelle und überraschende Abgang von Lauber 1999 als Chef der Sektion Analyse im Bundesamt für Polizei (heute Fedpol). Schon damals wurde kolportiert, Lauber habe nach einem internen Machtkampf einen Zusammenbruch erlitten. Seine Sektion war von einer deutschen Beratungsfirma im Rahmen einer Neuorganisation für überflüssig angesehen worden.

Laut der offiziellen Version hat Lauber daraufhin enttäuscht gekündigt. Andere Quellen sprechen davon, er habe sich krankschreiben lassen und sich in eine psychologische Behandlung begeben. Stähelin will sich dazu nicht äussern und sagt nur: «Die Gerüchte sind von mir als unbegründet abgeklärt worden, und damit war die Sache erledigt.»

Doch allein, dass die Subkommission den Hinweisen nachging, zeigt, dass nach dem Debakel mit den Bundesanwälten Valentin Roschacher und dessen Nachfolger Erwin Beyeler kein Risiko mehr eingegangen werden sollte. Auch die Affäre um Armeechef Roland Nef war den Kommissionsmitgliedern offensichtlich eine Lehre. «Es wurden alle Kandidaten gefragt, ob es im privaten Bereich etwas gibt, das auf sie oder uns zukommen könnte», sagt Stähelin.

Der Mann, der bald den exponiertesten Job in der Schweizer Strafverfolgung haben dürfte, dementiert die Gerüchte nun erstmals öffentlich: «Ich war damals weder beim Arzt noch krank und auch nicht krankgeschrieben», sagt Lauber in einer schriftlichen Stellungnahme über eine Kommunikationsagentur.

«Ich bin noch nie in psychologischer Behandlung gewesen», heisst es darin. Er könne sich nicht erinnern, «dass eine solche Vermutung damals überhaupt ein Thema gewesen sein soll». Doch das ist es nach der Wahlempfehlung durch die Gerichtskommission erneut, wie Quellen in der Bundesverwaltung bestätigen. Der Tenor: «Er hielt den Druck damals nicht aus.» Und mit dem neuen Job tue er sich «selber keinen Gefallen».

Für Lauber, der in den Medien bisher nur Vorschusslorbeeren erhielt, wirft sich ein ehemaliger Mitarbeiter in die Bresche. «Er hat den Job damals nicht einfach hingeschmissen, sondern es war ein bewusster und konsequenter Entscheid», sagt Daniel Thelesklaf. Er war Analyst in Laubers Truppe und baute danach die Meldestelle für Geldwäscherei auf. «Lauber ist mit Abstand der beste Kandidat», so Thelesklaf.

Beim offiziellen Hearing im Nachgang zu Stähelins Abklärungen ist Lauber auf seinen Abgang angesprochen worden. «Er hat die Gründe genannt, wie es zur Entzweiung gekommen ist», sagt der Zürcher Nationalrat der Grünen, Daniel Vischer. Laubers Auftritt überzeugte die Parlamentarier. Der eloquente Leiter der liechtensteinischen Finanzmarkt-Aufsicht und frühere Hauptmann der Panzerstabskompanie 27 verwies auf einen Machtkampf bei der Integration der Bundespolizei in das Bundesamt für Polizei. Doch gelitten hat Lauber nach übereinstimmenden Berichten vor allem unter Stephan Gussmann als Chef der kriminalpolizeilichen Zentralstellen.

Wie geht Lauber mit Druck um? Diese Frage wird an seinem voraussichtlich neuen Arbeitsort an der Taubenstrasse 16 bei der Bundesanwaltschaft diskutiert. Ein Ankläger sagt: «Er kommt mir wie ein Schönwetter-Kapitän vor, bei dem nicht klar ist: Wie reagiert er bei Sturm?» Solche Stürme haben in der Vergangenheit alle Bundesanwälte erleben müssen – viele scheiterten oder gaben den Druck intern weiter. Grosse Skepsis herrscht mit Blick auf seine fehlende Anklageerfahrung. «Es ist, wie wenn man einen Nichtschwimmer zum Bademeister gemacht hat», sagt ein Staatsanwalt.

Auf seine beiden Stellvertreter kann sich Lauber verlassen – zumindest offiziell. «Ich werde meine Fähigkeiten und mein Wissen auch dem neuen Bundesanwalt loyal zur Verfügung stellen und freue mich auf die künftige Zusammenarbeit», sagt Ruedi Montanari. Die ebenfalls unterlegene Maria-Antonella Bino erklärt: «Ich werde dem neuen Bundesanwalt meine Erfahrung zur Verfügung stellen und gleichzeitig von seiner Erfahrung profitieren.»

Lauber wird der erste Bundesanwalt sein, der offen mit seiner Homosexualität umgeht. Im Bewerbungsdossier hat er seine eingetragene Partnerschaft mit einem Mann erwähnt. «Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit», so Lauber. Sein Partner arbeitet bei den SBB im Verkauf. Die Dachorganisation der Schweizer Schwulen, Pink Cross, ist hoch erfreut darüber, «dass er als offen lebender Schwuler einstimmig für ein so wichtiges Amt vorgeschlagen wird», wie Präsident Pierre André Rosselet sagt. Er attestiert ihm «Mut und Charakterstärke».

Derweil kämpft Laubers nicht wiedergewählter Vorgänger Erwin Beyeler weiter um eine Abgangsentschädigung. Um einen Gerichtsfall zu umgehen, hat ihm die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft ein halbes Jahresgehalt angeboten, wie Recherchen zeigen. Das sind Steuergelder in der Höhe von mehr als 140000 Franken. Ob Beyeler darauf eingeht, ist unklar. Er spricht nicht mehr mit Journalisten.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!