Stirbt ein Patient, ist die klinische Autopsie die letzte ärztliche Tätigkeit. Drei Körperhöhlen öffnet der Pathologe dafür: Schädel-, Brust- und Bauchhöhle und untersucht sämtliche Organe. Einig sind sich sowohl Pathologen als auch die Vereinigung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH): Klinische Autopsien sind ein enorm wichtiges Instrument. Sie ermöglichen ein besseres Verständnis von Krankheiten, wodurch neue Behandlungsmethoden und Medikamente entwickelt werden können. Gleichzeitig lässt sich durch Autopsien deren Wirkung besser nachvollziehen. Für die Aus-, Weiter- und Fortbildung der Ärzte ist sie unverzichtbar. Und doch: Die Zahl der Autopsien in den Schweizer Spitälern ist so tief wie noch nie. Am Universitätsspital Basel wurden 2012 gerade mal 270 klinische Autopsien durchgeführt. Vor 20 Jahren waren es noch bis zu 1800. Am Universitätsspital Zürich reduzierte sich die Zahl von 627 im Jahr 2000 auf 372 im Jahr 2011.

Als «ziemlich dramatisch» bezeichnet die Lage Mathias Gugger, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Pathologie und leitender Arzt am Institut für Pathologie der Universität Bern: «Längerfristig ist die Qualität der Ausbildung von Medizinstudenten gefährdet.» Diese müssten an individuellen Beispielen lernen können, wie sich Krankheiten auswirken. «Um Ärzten und Medizinstudenten überhaupt einen repräsentativen Einblick in das Spektrum der Krankheiten, die zum Tod führen können, zu verschaffen, wären gut doppelt bis dreimal so viele Autopsien nötig», betont Pathologe Mathias Gugger. Er schätzt, dass die Zahl der klinischen Autopsien in den letzten 20 Jahren auf einen Fünftel eingebrochen ist.

An den Instituten für Pathologie sieht man in erster Linie die kantonale Gesetzgebung als Ursache für den Einbruch der Zahlen. In den letzten 15 Jahren wechselten viele Kantone von der Widerspruchslösung zur Zustimmungslösung. Will heissen: In Kantonen mit Zustimmungslösung müssen entweder die Patienten oder deren Angehörige in die klinische Autopsie einwilligen. Bei der Widerspruchslösung müssen Patienten oder Angehörige die Autopsie untersagen, ansonsten ist die Leiche zur Autopsie freigegeben.

Weil der behandelnde Arzt mit den Angehörigen lange Gespräche führen muss, um eine Autopsie zu erwirken, entsteht nicht nur eine emotional heikle Situation, auch der Zeitaufwand des Arztes erhöht sich, weshalb viele Ärzte das Gespräch ganz bleiben lassen.
Die einzigen Gründe sind dies bei weitem nicht. Rechtswissenschafterin Brigitte Tag führte 2010 an den pathologischen, anatomischen und rechtsmedizinischen Instituten der Schweiz eine Studie zu deren Obduktionsraten durch. Bei den klinischen Obduktionsraten gingen die Zahlen um 41 Prozent zwischen 2000 und 2009 zurück. Auffällig war, dass die Resultate unabhängig von der kantonalen Regelung gleich tief waren. «Alleine an der Zustimmungslösung liegt es nicht. Wir haben in Deutschland Studien durchgeführt, die zeigten, dass seitens der Bevölkerung eine grosse Akzeptanz vorhanden wäre, würde man mit den Betroffenen rechtzeitig das Gespräch suchen», sagt Tag. Sie ist überzeugt, die Resultate lassen sich auf die Schweiz übertragen.

Holger Moch, Direktor des Instituts für Pathologie am Universitätsspital Zürich, erweitert den Rahmen der Begründungen: «Heute sehen wir Seele und Körper als Einheit.» Die Angehörigen willigen oft nicht ein, weil sie der Ansicht sind, der Verstorbene habe schon genug gelitten und er solle jetzt ruhen können. «Heute sehen viele keinen Sinn mehr in einer Autopsie, weil das Vertrauen in die Medizin und ihre vermeintliche Unfehlbarkeit viel höher ist als noch vor 20 oder 30 Jahren», vermutet Holger Moch.

Je nach vorhandener Infrastruktur, Personal- und Zeitaufwand kostet eine klinische Autopsie 1000 bis 2000 Franken. Solche Autopsien sind im Einzelleistungstarif Tarmed aufgeführt und damit Gegenstand der Krankenversicherung. Diese ist jedoch gesetzlich nicht verpflichtet, nach dem Tod des Patienten entstandene Kosten zu tragen. Deshalb springen die Spitäler häufig gemäss kantonalen Regelungen in diese Lücke. Damit wird ein Spitalbudget aber zusätzlich belastet. «Die Kosten sollten jedoch nicht Grund dafür sein, dass man eine Autopsie unterlässt», sagt Gugger. «Wir haben deshalb in verschiedenen Spitälern Vorträge gehalten, um über den Sinn und Zweck der Autopsien zu informieren und Fälle von lehrreichen Autopsien vorgestellt.»

Der Aufwand lohnt sich: Am Institut für Pathologie in Bern ist die Zahl der Autopsien 2012 erstmals wieder von 171 auf 191 gestiegen. Was aber im Vergleich zu 1990 mit 1007 klinischen Autopsien immer noch sehr wenig ist.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!