VON NADJA PASTEGA UND CLAUDIA MARINKA

Frau Rickli, fühlen Sie sich sicher, wenn Sie abends in den Ausgang gehen?
Als Frau ist es heute praktisch nicht mehr möglich, nach dem Ausgang allein nach Hause zu gehen. Da geht es allen Frauen gleich. Das darf nicht sein. Sicherheit ist eine zentrale Aufgabe des Staates.

Der «Tages-Anzeiger» hat Sie als «die Fahnen-trägerin der ahnungslosen Scharfmacher» bezeich-net. Ärgert Sie das?
Ich habe diesem Journalisten ein E-Mail geschickt und ihm geschrieben, dass die ahnungslose Scharfmacherin den ahnungslosen Journalisten korrigieren möchte. In seinem Artikel hatte er erklärt, dass die SVP dem neuen Strafgesetz mit 41 Stimmen zugestimmt habe. Er hat offenbar den Buchstaben «S» im Protokoll zur Schlussabstimmung nicht verstanden: S steht nicht für SVP, sondern für SP. Die SVP hat das neue Strafrecht mit 28 zu 11 Stimmen abgelehnt. Wenn falsche Fakten verbreitet werden, ist das ärgerlich. Sonstige Anfeindungen prallen an mir ab.

Mussten Sie sich auch schon Gröberes anhören, zum Beispiel Blondinenwitze?
Von Blondinenwitzen bin ich bisher verschont geblieben. Aber natürlich erhalte ich nicht nur freundliche Mails. Als Politikerin muss man eine dicke Haut haben.

Laut «Blick» sind Sie das «Politik-Playboy-Bunny».
Darüber rege ich mich schon gar nicht mehr auf.

Durch Ihre öffentlichen Auftritte zum Thema Vergewaltigungen sind Sie für viele Opfer zu einer Anlaufstelle geworden. Wie gehen Sie damit um?
Nach der «Rundschau» und der «Arena» von letzter Woche habe ich etwa 120 E-Mails bekommen und etliche Facebook-Nachrichten. Darunter sind Zuschriften von Eltern, die sich bedanken. Es melden sich aber auch Menschen, die selber Opfer eines Übergriffs geworden sind, auch Ver-gewaltigungsopfer und solche, deren Angehörige umge-bracht wurden. Einerseits ist es schön für mich zu wissen, dass ich mich offenbar für die richtige Sache einsetze. Andererseits machen mich diese Schicksale betroffen. Ich schreibe allen zurück.

Sie fordern schärfere Strafen für Sexual- und Gewalttäter. Ist das Strafrecht zu lasch?
Ja, bei schweren Delikten wie Vergewaltigungen und anderen Straftaten gegen Leib und Leben ist es zu lasch. Vor allem werden Ersttäter milder bestraft. Vergewaltiger müssen bei der ersten Tat praktisch nicht mehr ins Gefängnis. Seit der Einführung des neuen Strafrechts steht der Täter noch stärker im Mittelpunkt als früher. Man will den Täter heilen, ihn resozialisieren und schnellstmöglich wieder in die Gesellschaft eingliedern. Das Opfer geht dabei völlig vergessen. Es bekommt immer lebenslänglich.

Gehört ein Vergewaltiger in jedem Fall hinter Gitter?
Ja. Jeder Vergewaltiger gehört ins Gefängnis, und zwar für mindestens zwei Jahre. Die Grenze für unbedingte Strafen muss man wieder auf 18 Monate senken. Teilbedingte Strafen gehören abgeschafft. Auch beim Jugendstrafrecht muss man korrigieren: Bei schweren Delikten wie Vergewaltigung oder Mord soll bereits ab 16 Jahren das Erwachsenenstrafrecht gelten.

Im Fall Schmitten muss von den sechs minderjährigen Tätern aus dem Balkan nur einer für die Mehrfachvergewaltigung einer 17-Jährigen ins Gefängnis – aber nur für zwei Monate. Und nur über Nacht.
Solche Urteile sind unverständlich für die Opfer, ihre Familien und für die Öffentlichkeit. Die Bevölkerung hat zweimal klargemacht, in welche Richtung es gehen soll, mit der Verwahrungsinitiative und mit der Unverjährbarkeits-initiative – sie will ein härteres Vorgehen.

Freiheitsstrafen seien kontraproduktiv, sagen Strafrechtler. Täter würden eher rückfällig, wenn man sie aus ihrem Leben reisse.
Wenn es so einfach wäre, müssten wir keine Gefängnisse bauen. Ersttäter wird es immer geben, das ist leider so. Politik und Justiz sind verantwortlich, dass es möglichst keine Wiederholungstäter gibt. Wir müssen das Risiko minimieren.

Konkret?
Daniel Hofmann hätte man schon beim ersten Mal verwahren können. Heute heisst es: Wenn bei einem Täter eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass er rückfallgefährdet ist, kann man ihn verwahren. Das müsste man umkehren: Nur wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass er nicht rückfällig wird, lässt man ihn raus. Entlassene Täter müssen anschliessend kontrolliert werden. Heute ist es so, dass niemand weiss, wo sie sind. Sie müssen sich nirgends melden. Ein weiterer Missstand: Alle Strafen werden nach einer gewissen Zeit aus dem Strafregister gelöscht. Bei bedingten Strafen nach Ablauf der Probezeit. Das heisst: Wenn einer erneut zuschlägt, weiss man nicht, dass dieser Täter schon mal eine Frau vergewaltigt hat.

Bei Gewalttaten gegen Frauen sind immer wieder Armeewaffen im Spiel. Soll das Sturmgewehr im Zeughaus aufbewahrt werden?
Ich habe dafür gestimmt, dass die Waffe zu Hause bleibt. Der Mensch ist der Täter und nicht die Waffe. Meine Familie und meine Freundinnen sehen das anders, ich habe ein gewisses Verständnis dafür. Sie sind für die Aufbewahrung der Waffe im Zeughaus.

Wenn daheim im Schrank keine Waffe stehen würde, liessen sich viele Tötungsdelikte verhindern.
Wenn jemand wirklich einen Mensch umbringen will, findet er immer einen Weg. Die meisten Morde werden mit illegalen Waffen begangen. In der Schweiz ist es Tradition, dass man den Bürgern und damit unseren Soldaten in der Milizarmee vertraut.

Sie engagieren sich stark für das Thema Kriminalität und Vergewaltigung. Spielen hier persönliche Erlebnisse eine Rolle, zum Beispiel Erlebnisse in Ihrem Umfeld?
Sicherheit und Kriminalität gehörten schon immer zu meinen Kernthemen. Ich habe einen starken Gerechtigkeitssinn und möchte mich für die Schwachen einsetzen. Hinzu kommen Erlebnisse aus meinem Umfeld, die mich betroffen machen. Und die täglichen Schicksale, die Opfer erleiden müssen, schockieren mich.

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Foto: Julia Brütsch