VON NADJA PASTEGA

Der Bund will bei Senioren einen Gang höher schalten: Für Autofahrer ab 70 soll es den Führerausweis künftig nur noch auf zwei Jahre befristet geben – ohne Ärzteattest und Fahrtauglichkeitstest ist das Billett weg («Sonntag» vom 13. Juni). Damit soll die Verkehrssicherheit erhöht werden. Bereits Ende Jahr will das Bundesamt für Strassen (Astra) die neue Gesetzesvorlage dem Parlament unterbreite.

Jetzt kündigen Seniorenverbände massiven Widerstand an: Mit Protest- und Lobbyingaktionen wollen die Rentner das Astra ausbremsen – und notfalls eine Volksabstimmung erzwingen. «Wir prüfen, das Referendum zu ergreifen», sagt Arthur Scherler, Präsident des Seniorenverbandes Nordwestschweiz (SVNW), mit 20000 Mitgliedern einer der grössten Seniorenverbände der Schweiz. Die Sonderregelung für Senioren sei «diskriminierend»: «Da wird willkürlich eine Altersgrenze festgelegt. Diese Bevormundung lassen wir uns nicht bieten!» Kommt das Referendum zustande, wird das Volk darüber abstimmen, ob Senioren nur noch einen befristeten Führerausweis erhalten.

Das gab es noch nie: Landesweit machen die Senioren mobil. Nachdem der «Sonntag» letzte Woche die geplanten Massnahmen des Astra publik machte, verschickte die «Terzstiftung» – eine Thurgauer Seniorenorganisation mit über 1000 Gönnern – eine Pressemitteilung an die Redaktionen. Darin werden die verschärften Regeln als übertrieben kritisiert: «Die Mehrheit der über 70-jährigen Lenker ist in der Lage, ihr Auto weiter zu lenken», schreibt die Seniorenorganisation. Sie will sich an den Aktionen gegen das Astra beteiligen: «Einen Protestbrief an die Parlamentarier in Bern werden wir mitunterschreiben», sagt Thomas Meyer, wissenschaftlicher Leiter bei der Terzstiftung.

Zum ersten Paukenschlagkommt es am 28. Juni in Zürich. Dann treffen sich die Chefs der rund 40 regionalen Seniorenverbände. Der befristete Führerausweis ist traktandiert. Am Senioren-Gipfel wird ein Vertreter des Astra Red und Antwort stehen. Anschliessend wollen die regionalen Verbände über weitere Aktionen entscheiden.

Bereits ist klar: Die Rentner schrecken auch vor Lobbying-Aktionen nicht zurück. Sie wollen Stände- und Nationalräte aufmunitionieren: «Wenn es nötig ist, werden wir Politiker instrumentalisieren», sagt Viktor Würgler, Präsident des Aargauischen Senioren- und Rentnerverbands (ASRV): «Das Astra ist drauf und dran, mit dem Zweihänder gegen die älteren Verkehrsteilnehmer vorzugehen. Das grenzt an Schikane.»

Für Verkehrsmediziner Rolf Seeger vom Rechtsmedizinischen Institut (IRM) der Universität Zürich ist indes klar: Autolenker über 70 sind längst nicht immer harmlos: «Die Fahreignung ist oft fraglich oder nicht mehr gegeben.» Oft zeigten sich die Senioren «krankheitsuneinsichtig» und würden ihre Einschränkungen nicht erkennen: «Diese Automobilisten verhalten sich auch bei Fahrten im eigenen Quartier gefährlich», sagt Seeger: «Sie nehmen keine Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer oder sie missachten den Rechtsvortritt.»

Autofahrer über 70 – notorische Crash-Rentner? Dagegen wehrt sich Hansueli Bleiker, Frontmann bei den Grauen Panthern im Kanton Schwyz und ehemaliger Fahrlehrer. Bleiker hat 4000 Ärzte in der ganzen Schweiz angeschrieben und stellt sich für Seniorentestfahrten zur Verfügung: «Wenn Hausärzte Zweifel an der Fahrtauglichkeit haben, können sie mir die Zweifelsfälle für eine Kontrollfahrt übergeben. Ich führe dann eine Testfahrt mit ihnen durch», sagt der 81-Jährige. Der Schweizer Fahrlehrerverband habe inzwischen 150 «Fahrberater» ausgebildet. Bleiker will sich in der Verkehrskommission des Stände- und Nationalrats für sein Modell einsetzen – und die Massnahmen des Astra aus dem Verkehr ziehen.

Politische Unterstützung ist den Senioren bereits gewiss: Diese Woche hat der Aargauer SVP-Ständerat Maximilian Reimann im Parlament einen Vorstoss gegen den befristeten Führerausweis eingereicht. «Das verstösst gegen die Bundesverfassung», sagt Reimann: «Dort ist Diskriminierung aufgrund des Alters verboten.»

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