VON CHRISTOF MOSER

Mit 13 Jahren verfasste Cédric Wermuth seinen ersten Leserbrief (gegen die «verharmlosenden Berichte» über die Rechtsextremen in seiner damaligen Wohngemeinde Boswil), mit 14, im September 2000, tauchte er erstmals im redaktionellen Teil einer Zeitung auf: «Drei junge Leute gründen Juso Freiamt», schrieb die «Aargauer Zeitung» damals.

Es sollte der Auftakt einer beispiellosen (Medien-)Karriere sein. Jetzt, genau zehn Jahre später, setzt Cédric Wermuth, 24, zum nächsten Karrieresprung an. Gestern Samstag kündigte er an der Delegiertenversammlung der Jungsozialisten in Bern seinen Rücktritt als Juso-Präsident auf 2011 an. «Ich habe meine Ziele bei der Juso erreicht. Wir haben unseren Mitgliederbestand mehr als verdoppelt, sind die bekannteste aller Jungparteien und beweisen derzeit mit unserer 1:12-Initiative, dass wir initiativfähig sind», sagt Wermuth.

Gleichzeitig bestätigt er dem «Sonntag» seine Ambitionen auf ein Nationalratsmandat: «Wenn alles gut geht, werde ich am 23.September von der SP Bezirk Baden als Kandidat nominiert.» Am 20.November soll dann die Kür durch die Kantonalpartei erfolgen.

Seinen rasanten Aufstieg verdankt Wermuth weniger der Überwindung des inneren Schweinehunds als vielmehr der mediengerechten Umwandlung desselben zur Rampensau.
Der italienisch-schweizerische Doppelbürger, dessen südländische Wurzeln sich nicht zuletzt darin manifestieren, dass er die obersten drei Hemdknöpfe offen trägt, ist kein Kleinkram-Kümmerer. Administrative Arbeiten erledigen bei den Jungsozialisten andere für ihn.

Dafür tut er kaum etwas, ohne dass die Medien davon erfahren. Gestern Samstag stieg er in die 16 Grad kalte Aare, um für ein Nein zur ALV-Revision zu werben – natürlich im Beisein von Keystone-Fotografen. «Ich bin und war die PR-Abteilung der Juso», gibt Cédric Wermuth denn auch unumwunden zu.

Das trug ihm viel Kritik ein, vor allem von denjenigen, die er in den Schatten stellte. Doch der Erfolg, nicht zuletzt sein eigener, gibt ihm recht.

Kaum ein halbes Jahr nach der Juso-Gründung im Freiamt wird Wermuth als erst 15-Jähriger in den Parteivorstand der SP Bezirk Muri gewählt. Damals besucht er noch die Kantonsschule und organisiert auch dort zahlreiche medienwirksame Aktionen. Zwei Jahre später, 2003, wird er Co-Präsident der Juso Aargau und 2005 Juso-Zentralsekretär, was ihm seine erste SDA-Meldung einträgt.

Er beginnt an der Uni Zürich ein Politologie-Studium, arbeitet als persönlicher Mitarbeiter des früheren SP-Nationalrats und heutigen Aargauer Regierungsrats Urs Hofmann und lässt sich im Juni 2008 in einer Kampfwahl zum Juso-Chef küren. Kurz darauf zündet er an einer SP-Delegiertenversammlung hinter dem Rednerpult einen Joint an, um für die Hanflegalisierung zu werben. Das büsst er zwar mit 180 Franken Verfahrenskosten, es bringt ihn aber selbst in den USA in die Medien und macht ihn hierzulande definitiv zu einer nationalen Figur.

Es folgen grosse Interviews, noch grössere Porträts und Homestorys, die Wahl zum SP-Vizepräsidenten – und ein Tiefschlag: Im Januar 2009 organisiert Wermuth in Baden eine Hausbesetzer-Party in einem leer stehenden Hotel, um auf das Problem der teuren Mieten aufmerksam zu machen. Dabei kommt es zu Sachbeschädigungen und schliesslich zu einer Strafanzeige. Die Affäre kostet ihn den Einzug in den Grossrat. Vorbei, vergessen: Bereits ein paar Wochen nach diesem Dämpfer kannte Wermuth wieder nur eine Richtung: nach oben, auf dem schnellsten Weg.

Dafür riskiert er gerne eine dicke Lippe, auch gegen seine Partei. Warum ist die SP so erfolglos, Herr Wermuth? «Weil sie in der neoliberalen Revolution der letzten 15 Jahre zum Teil des Problems geworden ist.» Was hat überrascht auf dem Weg nach oben? «Wie korrumpiert die Politik ist. Ich hätte nie gedacht, dass tatsächlich zwei Drittel des Parlaments von den Banken gekauft sind.» Wetten, dass hier der Nachnachfolger von SP-Chef Christian Levrat spricht?

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