Rund vier Monate vor Beginn des neuen Schuljahres sind an Schweizer Schulen über 1800 Lehrerstellen offen. Das zeigen eine Kantons-Umfrage des «Sonntags» und eine Auswertung des schweizweiten Lehrer-Jobportals Educa. Die Zahl der neu zu besetzenden Stellen wird sich in den kommenden Wochen weiter erhöhen. «Ende April ist der zweite Kündigungstermin», so Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Schweizerischen Lehrerverbands LCH: «Es wird mit Sicherheit noch mehr offene Stellen geben.»

Nach dem akuten Lehrermangel im letzten Jahr zeichnet sich bereits ab: In der Schweiz herrscht weiterhin Lehrerknappheit. «Die Situation ist vergleichbar mit dem letzten Jahr», sagt Lehrerpräsident Zemp: «Und 2010 war die Lage dramatisch.»

Beispiel Kanton Genf: «Auf der Sekundarstufe I fehlen uns derzeit noch mindestens 150 Lehrer», sagt Harry Koumrouyan, Personalchef für die Oberstufe, «einen Mangel gibt es vor allem in den Fächern Französisch, Mathematik und Deutsch.» Für das kommende Schuljahr habe man Lehrer aus dem EU-Raum engagiert, vor allem aus Frankreich, um die Lücken zu füllen, so Koumrouyan. Zudem würden einige offene Stellen mit Studenten besetzt, die kurz vor dem Studienabschluss stünden.

Deutschschweizer, die in Genf ihre Muttersprache unterrichten wollten, sollen sich bei ihm melden, sagt Koumrouyan; «Es wird eine grosse Herausforderung sein, alle offene Stellen zu besetzen.»

Einige Kantone melden sogar mehr Vakanzen als vor einem Jahr: Bern hat 227 Lehrerstellen ausgeschrieben – Ende März 2010 waren es 209. Die meisten Vakanzen gibt es aktuell auf der Primar- und der Sekundarstufe I», sagt der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver. An den Gymnasien suche man Lehrpersonen für die Fächer Geschichte und Mathematik.

Eine «leichte Zunahme» der offenen Stellen melden auch Solothurn und Luzern. «Aktuell sind 95 Stellen an den Luzerner Volksschulen frei, davon sind knapp 60 Klassenlehrerstellen», sagt Charles Vincent, Leiter des Volksschulamts im Kanton Luzern. Die Rekrutierung von neuen Lehrern sei «etwa gleich schwierig wie letztes Jahr», so Vincent: Studenten der Pädagogischen Hochschulen sollen mit Teilzeitpensen zum Einsatz kommen. «Wir haben eine Begleitgruppe von Schulleitungen eingesetzt, welche die Situation beobachtet und bei Bedarf Massnahmen vorschlägt.»

Prekär ist die Situation im Kanton Zürich, wo 410 Lehrer gesucht werden. «Auf der Sekundarstufe I ist der Lehrermangel nach wie vor ausgeprägt», sagt Martin Wendelspiess, Chef des Zürcher Volksschulamts. «Heilpädagoginnen sind auch im nächsten Schuljahr knapp. Die Stellen in der Handarbeit und Hauswirtschaft dürften nur mit Mühe besetzt werden können.» Grund für den Lehrermangel: Die Schülerzahlen haben deutlich zugenommen, starke Lehrerjahrgänge gehen in Pension – und die zunehmende Teilzeitarbeit an den Schulen erhöht den Lehrerbedarf.

Um Personallücken in den Sekundarschulen zu schliessen, unterrichten an den Schulen immer mehr Lehrer auf einer Stufe, für die sie gar nicht ausgebildet sind. «Rund 18 Prozent aller Vollzeitstellen sind durch Lehrpersonen besetzt, die zwar über eine pädagogisch-didaktische Ausbildung verfügen, aber auf einer anderen Schulstufe unterrichten, als sie ausgebildet sind», sagt der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver. Im Kanton Solothurn ist fast jeder dritte Sekundarschullehrer nicht für diese Stufe ausgebildet. «Wir machen uns Sorgen um die Qualität auf der Sekundarstufe», sagt Marcel Blumenthal vom Volksschulamt des Kantons Wallis: «30 Lehrer verfügen bei uns nicht über ein Diplom, das für diese Schulstufe verlangt wäre.»

Die Schulen müssten jetzt «Notmassnahmen» ergreifen, fordert Lehrerpräsident Beat W. Zemp. Wegen des Lehrermangels würden sie im neuen Schuljahr «nicht darum herumkommen, pensionierte Lehrer und Studenten anzustellen».

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