VON NADJA PASTEGA

Die Stadt Waldshut ehrte die «neuen Deutschen» Anfang November mit einer Einbürgerungsfeier im Landratsamt. 258 Zuwanderer, die 2010 den deutschen Pass erwarben, waren geladen. Die meisten stammen aus Kosovo und der Türkei. Aber auf Rang drei, meldete die Zeitung «Südkurier» verdutzt, liegen «die Neubürger aus Polen und Rumänien – und aus der Schweiz!» Mit zehn eingebürgerten Eidgenossen ist die Zahl zwar bescheiden – doch so viele waren es noch nie.

Während die Schweiz über die Masseneinwanderung von Deutschen debattiert, vollzieht sich unbemerkt ein gegenläufiger Trend: Immer mehr Schweizer werden Deutsche. 320 Schweizer hätten sich im letzten Jahr in Deutschland einbürgern lassen, sagt Nicole Stampp vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Das sind jede Woche sechs Einbürgerungen. Rekordjahr war 2008 mit 422 eingebürgerten Schweizern. Die Zahl hat sich gegenüber den Vorjahren verzehnfacht: Von 2000 bis 2006 wollten jährlich nur 18 bis 39 Eidgenossen Deutsche werden.

Der Grund für den Run auf den deutschen Pass: Ende August 2007 änderte Deutschland das Gesetz, neu ist die doppelte Staatsbürgerschaft anerkannt – wer sich einbürgern lässt, verliert seinen bisherigen Pass nicht mehr. Das ermuntert viele Eidgenossen, die deutsche Nationalität anzunehmen. «Die Einbürgerungen haben aufgrund der Gesetzesänderung deutlich zugenommen», sagt Michael Swientek vom Landratsamt in Waldshut. «In den Jahren zuvor gab es nur sehr wenige Schweizer, die Interesse an einer Einbürgerung hatten.» Inzwischen haben 1466 Schweizer den deutschen Pass.

Und die Zahl der eingebürgerten Schweizer dürfte weiter steigen: Laut Nicole Stampp vom Statistischen Bundesamt lebten Ende letzten Jahres 36800 Eidgenossen in Deutschland. Allein 2009 sind 2190 Schweizer in den «grossen Kanton» ausgewandert. «Die meisten Schweizer ziehen wegen der Liebe nach Deutschland», sagt Wili Utzinger, Präsident der Organisation für Auslandschweizer in Darmstadt. «Andere kommen wegen der beruflichen Möglichkeiten oder des Studiums hierher.»

Die Schweizer im deutschen Exil erfahren das, was den Deutschen in der Schweiz oft verweigert wird: grenzenloses Wohlwollen. «Als Schweizer hat man einen Bonus», sagt Alex Hauenstein vom Auslandschweizer-Verein in Aachen. «Wir haben ein gutes Image. Es herrscht die Meinung: Ein Schweizer ist besser.» Die grössten Schweizer Kolonien sind die Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern. Auch hier sind die Einbürgerungen deutlich angestiegen: «In den letzten beiden Jahren haben sich 210 Schweizer einbürgern lassen», sagt Kim Dunklau-Fox vom Innenministerium Baden-Württemberg.

«2007 waren es 23.» Schweizer, die Deutsche werden wollen, müssen zum Einbürgerungstest antraben. Dort prüfen die Deutschen-Macher, ob die künftigen Mitbürger die Grundzüge der deutschen Rechtsordnung kennen. Keine Chance auf Einbürgerung hat, wer vorbestraft ist, Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld bezieht.

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