Gott segnet Amerika, ob er es will oder nicht. Die Aufforderung an den obersten Boss darf aus keiner politischen Rede fehlen: «God bless America». Das weiss Obama, das weiss Romney, das wissen alle. Ob der US-Amerikaner so grosszügig ist, diesen Segen auch mit dem Kanadier, dem Mexikaner oder dem Indio aus Bolivien – Amerikaner auch sie – zu teilen, darf bezweifelt werden. Den göttlichen Schutzschild beansprucht er ganz für sich allein. Gott ist gross, das amerikanische Ego ist nicht wesentlich kleiner. Gott reitet auf US-Drohnen über Afghanistan, begleitet die US-Truppen auf ihren Kriegspfaden und ebenso die US-Multis. Gott fährt einen Ford und greift sich ans Herz, wenn die Hymne gesungen wird. Das tun sie alle, als ob sie sich vergewissern wollten, dass es noch schlägt, dieses alte, pathetische, amerikanische Herz.

Zugegeben: Vor einigen Jahren konnte Gott New Orleans nicht vor dem Sturm Katrina schützen oder vorletzte Woche New York vor «Sandy». Gott kann die amerikanischen Armen – inzwischen auch die Mittelklasse – nicht vor Armut schützen, er kann jene US-Städte nicht retten, die pleite sind. Er kann die Hoffnungs- und Trostlosigkeit nicht zum Verschwinden bringen, die sich über viele Landstriche ausbreiten. Jenen Kranken helfen, die sterben, weil sie sich keine Therapie leisten können. Gott hätte alle Hände voll zu tun in Amerika, wenn er die Ärmel wirklich hochkrempeln wollte.

Aber dieses Jahr hat der alte Mann für einen besonderen Segen gesorgt: Gesegnet seien deine Schwarzen und Hispanos, deine Asiaten! Gesegnet seien deine Jungen und deine Frauen, Amerika! Denn sie haben das Wunder vollbracht: Obama wurde wiedergewählt. Zum ersten Mal sind diese gesellschaftlichen Gruppen so deutlich als politische Akteure aufgetreten. Gesegnet seist du, neues Amerika!

Es war eine überlange Show mit einem spannenden Showdown, doch am Schluss blieb alles beim Alten. Niemand ist glücklicher darüber als wir Europäer. Aus sicherer Distanz bejubeln wir diesen geschmeidigen, feinen Mann. Würden wir ihn aber auch wählen? Ein schwarzer Bundesrat, eine schwarze Angela Merkel, ein muslimischer französischer Präsident? Wir brauchen keine Feindbilder aufzuweichen, keine Klischees oder unser Selbstverständnis zu revidieren. Wir brauchen nur zu klatschen.

Das neue Amerika macht uns vor – nicht ohne Widersprüche und Geburtswehen –, wie es auch gehen könnte. Und ich gönne den weissen, gottesfürchtigen, betonköpfigen Republikanern, die vier Jahre lang (auch aus rassistischen Gründen) Obama verteufelten, die langen Gesichter. Das neue Amerika ist nicht mehr nur ihres. Und doch ist zu hoffen, dass Gott auch sie segnen wird.

Ich liebte einst Amerika mit jener abenteuerlichen Freude, mit der ich Winnetou durch die Prärie folgte oder Tom Sawyer auf dem Mississippi. Die Ausserirdischen, für die ich als Kind grosses Interesse hatte, landeten immer in Amerika. Bis auch mein Vater und ich – aus der kommunistischen Diktatur fliehend – 1976 in New York ankamen und uns sehr ausserirdisch fühlten. Später liebte ich Amerika im Rhythmus des Saxofons von John Coltrane oder der Trompete von Miles Davis. Arm in Arm mit Humphrey Bogart schritt ich am Ende von «Casablanca» einer langen Freundschaft entgegen und ich verteidigte Blanche vor dem wild gewordenen Marlon Brando in «Endstation Sehnsucht». Ich liebte Amerika wegen Kerouacs «On the Road» und Faulkners «Licht im August». Romane, die in meinem eigenen Schreiben Spuren hinterlassen haben. Ich liebte es wegen Joplins Stimme und Hendrix’ Gitarre und weil es auch für uns seine Söhne in zwei Weltkriegen geopfert hat. Aber das alles ist Geschichte, es ist ein vergangenes Amerika, jenes der Vierziger- bis Siebzigerjahre, der Beat-Generation bis zu den Hippies. Was hat uns das aktuelle Amerika zu bieten? Und was den Amerikanern?

Diese junge, dynamische Nation, als welche sie sich gerne sieht, ist oft eine humpelnde, kranke alte Dame. Reist man durch das Land, fällt auf, wie dreckig, rostig, vergessen und verlassen vieles wirkt. Man will weinen. Und was dort der Mensch unter Freiheit versteht, ist oft eine Bretterbude gleich neben der Autobahn, das Auto davor, als ob er jede Zeit vor seinem eigenen Leben flüchten wollte. Die nächste Bretterbude ist einige hundert Meter entfernt. Welche Isolation, welche Tristesse für einen Europäer wie mich, der gerne durch belebte Städte spazieren möchte. Der nur in kleinen Wohnungen gelebt hat und den Nachbarn nicht scheut. Ich würde dort meine Seele ins Unglück stürzen.

Aber Amerika wäre nicht Amerika, wenn es nicht widersprüchlich wäre. Gerade an solchen Orten gibt es einen starken Gemeinschaftssinn. Man muss sich gegenseitig helfen, wenn sonst niemand hilft, am wenigsten der Staat. Die Kirche ist immer nur einige Fahrminuten entfernt, Gott muss herhalten für all die Ausweglosigkeit. Womit wir wieder bei Ihm und seinen Segnungen wären.

Aber man braucht New York – wo ich dieses Jahr für ein paar Monate lebte – gar nicht zu verlassen, um eine öde Stadtwüste anzutreffen. Man braucht nur von Manhattan nach Brooklyn zu fahren. Brooklyn: ein Abstellraum, ein Rückzugsgebiet für alle jene, die die horrenden Mieten in Manhattan nicht mehr bezahlen können. Sie arbeiten nur dort, zwölf und mehr Stunden am Tag, ohne Arbeitsverträge oder Sozialversicherungen, und überlassen abends den Stadtteil denjenigen, die sich ihn noch leisten können: Finanzjongleuren, Künstlerschickeria, Uniprofessoren und Touristen.

Und doch wirkt dieser amerikanische Traum in Reinformat noch, New York ist ein Magnet für viele. Solange die Müdigkeit und die Existenzangst nicht den letzten Gedankensplitter auslöschen, dass man doch einmal ein Gewinner sein wird, wird man sich fügen und sich anstrengen. In diesem Sinn ist der amerikanische Traum vollkommen repressiv: Halt den Mund und streng dich an. Wenn du es nicht schaffst, dann nur, weil du dich nicht genug angestrengt hast. Das alles wird sich auch im neuen Amerika nicht ändern. Obama ist – bei allem sozialen Gewissen, das er hat – nur die schwarze Variante dieser Illusion.

Auch wenn manchmal ein neuer Donald Trump auftaucht, um zu zeigen, dass man es schaffen kann, vor allem wenn man weiss ist. Oder ein Steve Jobs, ein Mann mit der erstaunlichsten Karriere für einen Spielzeugverkäufer. Wir aber tragen Amerika längst in den Taschen, wir sind nur einige Gedanken vom nächsten googeln entfernt und als Erstes am Morgen schalten wir unseren Apple ein. In diesem Sinn sind wir alle Amerikaner.

Ich ringe um Amerika, gerade wenn es mich befremdet. Vor kurzem wurde ich vor einer Lesung an einer Schule in der Schweiz, die auch Amerikaner besuchen, gebeten, keine Ausschnitte vorzulesen, die sexuelle Bezüge haben. Es könnte die amerikanischen Schüler und ihre prüden Eltern verstören. An solchen Beispielen zeigt es sich, dass viele Amerikaner kulturell eher entfernten Cousins gleichen. Und dass andere Menschen, die wir für fremd halten, uns vielleicht näher stehen. Für mich war es eine Lektion in kultureller Fremdheit und Ähnlichkeit.

Ich ringe um Amerika, wenn es mich enttäuscht, weil es einen Kapitalismus propagiert, der in der Welt und im eigenen Land tiefe Wunden hinterlässt. Der Schmelztiegel der Kulturen, für den man das Land hält, ist nur dort einer, wo sie alle, fast hypnotisch, wie ein religiöses Mantra, dieselbe Ideologie des Geldmachens umarmen. Ansonsten aber leben die Kulturen oft nebeneinander her in getrennten Vierteln und der Schmelztiegel ist ein weiterer Mythos. Überhaupt hat Amerika – Hollywood! – es geschafft, einen zähen, einfachen und konsistenten Mythos in die Welt zu setzen: jener des rechtschaffenen, kämpferischen Menschen – meist ein weisser Mann –, der trotz Widrigkeiten Schmied seines Schicksals ist und das Böse besiegt. Nur die Schweiz mit ihrem eigenen Mythos des freien, unbeugsamen Eidgenossen, der sich keinen fremden Mächten unterstellt, kann da mithalten.

Ich hoffe, dass Obama Amerika voranbringt, dort, wo diese gespaltene, arme wie reiche, rückständige wie visionäre Nation es überhaupt zulassen kann. Ich habe diese tiefe Spaltung Anfang Jahr in New York erlebt. Ich sass im Restaurant mit europäischen Freunden. Ich hatte auch Donovan eingeladen, den Mann, der mich zum nächsten Roman inspiriert hat. Er ist ein Kind der Fünfziger- und Sechzigerjahre, geboren in der weissen Mittelschicht, in einem hübschen Haus an der hübschen Peripherie einer amerikanischen Kleinstadt. Rundherum dieselbe weisse Mittelschicht, dieselben Häuser. Donovan, heute 60 Jahre alt, hat ein grosses, kindliches amerikanisches Herz. In seinem Optimismus, seinem Glauben, es doch noch ganz nach oben zu schaffen, ist er unerschütterlich. Seine Niederlagen und die Wahrscheinlichkeit, dass nicht mehr viel kommen wird, blendet er aus. Er ist der Prototyp des Amerikaners, der durch sein Vorwärtspreschen unzerstörbar ist. Unzerstörbar, aber blind. Er hörte uns zu, als wir mit Sympathie über Obama sprachen. Dann aber verzerrte sich sein Gesicht und voller Hass schrie er: «I would kill Obama!» Für wenige Sekunden blickten wir hinter die Maske und sahen seine verletzte, verunsicherte, wütende Seele.

Donovans Amerika ist am Verschwinden, und was kommen wird, wissen wir nicht. Obama macht den ersten Schritt. Ich hoffe, dass er in vier Jahren ein sozialeres, ökologischeres, entspannteres Land zurücklässt. Dann wird Gott hinschauen und mögen, was er sieht. Und er wird Amerika ganz von allein segnen, ohne dazu dauernd genötigt zu werden.

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