SRG-Generaldirektor Roger de Weck und SRF-Direktor Rudolf Matter wollten zu Jahresbeginn dem Fernsehen neuen Schwung verleihen. 32 Prozent Marktanteil sollte das SF 2011 erreichen – doch sie haben ihr Ziel deutlich verfehlt. 2011 lag der Marktanteil der Sender SF 1, SF 2 und SF info mit 29,8 Prozent erstmals unter der 30-Prozent-Marke.

Dies zeigen offizielle Zahlen, die dem «Sonntag» vorliegen. Das ist der tiefste Wert, seitdem die Zuschauerzahlen erhoben werden. Nach einem passablen Start sanken die Quoten ab April regelmässig unter 30 Prozent. Einzig im Dezember kletterten die Zahlen wegen der Feiertage wieder nach oben.

Besonders SF 2 hat im Vergleich zu 2010 stark eingebüsst. Der Marktanteil fiel von 10 auf 7,2 Prozent. Das hat mehrere Gründe. Erstens fehlten 2011 die grossen Sportereignisse wie die Fussball-WM, die SF 2 im Juni 2010 Höchstquoten mit über 20 Prozent Marktanteil bescherten. Zweitens hatten die Verantwortlichen kein gutes Händchen bei den eingekauften US-Serien. «Die grossen Hits blieben 2011 aus», sagt Andrea Hemmi, Kommunikationschefin des SF.

Serien wie «Glee» und «Hung» überzeugten nicht. Vorbei sind die Zeiten, als Hits wie «Desperate Housewives» die Leute scharenweise vor den Bildschirm lockten. Doch auch eigene Produktionen enttäuschten. Das Kinderprogramm «Zambo» blieb klar unter den Erwartungen. Nur eines von zehn Kindern zwischen 6 und 13 Jahren schaute die Sendung auf SF 2. Das SF verliert bei den jungen Zuschauern. Der Altersschnitt des Publikums erhöhte sich 2011 auf 56,9 Jahre. 2000 lag er unter 53 Jahren.

Seit Jahren büssen auch die Flaggschiffe von SF 1 massiv an Zuschauern ein: Knapp 700 000 Leute schauten 2011 im Schnitt die Hauptausgabe der «Tagesschau». Vor einigen Jahren waren es noch rund eine Million. Im ähnlichen Ausmass verloren «10 vor 10», die «Rundschau» oder der «Kassensturz».

Der Negativtrend wurde nun aber vorerst gestoppt. Bis auf die «Arena» legten alle Informationssendungen 2011 ein wenig zu, was laut Hemmi auch mit dem «ereignisreichen News-Jahr 2011» zu tun hat. Am Wahlsonntag vom 23. Oktober übertraf die «Tagesschau» wieder die Millionenmarke. Dennoch bleibt, dass über die Jahre viele Zuschauer abwanderten, einige davon ins Internet. Dort können die Sendungen auch später angeschaut werden. 2011 stieg die Zahl der monatlichen User des sf.tv-Portals um über 300 000 auf 2,2 Millionen.

Nur damit lässt sich der sinkende Marktanteil aber nicht erklären. Dem SF macht vor allem das Digitalfernsehen zu schaffen. Bereits diesen September verfügten über eine Million Schweizer über Digital-TV mit rund 150 Sendern – und die Nachfrage «steigt enorm», wie es bei der Swisscom und der Cablecom auf Anfrage heisst. In einigen Jahren würden alle Schweizer ein Abo haben.

Diese Fragmentierung des TV-Marktes werde 2012 noch stärker zunehmen, sagt Mike Gut, Geschäftsführer von Sat.1 Schweiz. «Das merkt der Branchenführer als Erster.» Zwar haben die vielen Spartensender einzeln betrachtet keine hohe Einschaltquote, zusammen beanspruchen sie aber ein gutes Stück vom TV-Kuchen. Mike Gut rechnet damit, dass auch 2012 die Castingshows gut ankommen werden, «obwohl sie schon einige Male totgesagt wurden». Das SF hatte 2011 mit diesem Format ebenfalls Erfolg. «Die grössten Schweizer Talente» war mit einem Marktanteil von 46,8 Prozent die Top-Unterhaltungssendung 2011.

Einfacher wird es für das SF im neuen Jahr aber nicht. Weil die Werbetarife stark von der Reichweite abhängen, werden diese nun sinken. Auch deshalb streiten Verleger und SRG um die Werbung auf Online-Portalen. Bis heute darf die öffentlich-rechtliche SRG auf ihren Seiten im Netz keine Werbung schalten. Ausserdem wird die Diskussion um die Gebührenlegitimation bald einen neuen Höhepunkt erreichen, wenn der Marktanteil weiter unter 30 Prozent bleibt.

Grosse Hoffnung auf einen Aufwärtstrend macht sich SRF-Direktor Rudolf Matter offenbar nicht. Im Herbst mahnte er bereits, es sei unausweichlich, dass alle grossen Sender Marktanteile verlieren. «Man soll diese 30 Prozent nicht zum Fetisch machen.» Das SF-Jahresziel 2012 wird in den kommenden Wochen bekannt gegeben.

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