VON KATIA MURMANN

Hacker-Alarm in der Schweiz: «Die illegale Informationsbeschaffung hat massiv zugenommen», sagt Pascal Lamia, Informatik-Sicherheitsbeauftragter des Bundes. «Täglich gibt es in der Schweiz mehrere Hackerangriffe auf Unternehmen und die Bundesverwaltung.»

Auf die Gefahren der Internet-Spionage weist das Bundesamt für Polizei in seinem Jahresbericht hin, der diese Woche erschienen ist. Fedpol-Direktor Jean-Luc Vez sagt: «Hackerangriffe auf Firmen und Behörden grossen Stils sind immer und jederzeit möglich. Dieser Bedrohung entgegenzutreten, ist in den nächsten Jahren die grösste Herausforderung der entwickelten Länder, auch für die Schweiz».

Hinter den Hacker-Attacken stecken weniger Einzelpersonen, sondern hochrentable Strukturen, fremde Geheimdienste, etwa aus Russland oder China, die Mafia oder auch Terror-Gruppen. Die Hacker arbeiten mit viel Personal, um an ihr Ziel zu gelangen – notfalls über Jahre hinweg. Pascal Lamia, der auch Leiter der Melde- und Analysestelle Melani ist, sagt: «Beim Bund ist man sehr gut geschützt, aber wenn jemand unbedingt will, schafft er es, in das System einzudringen. Es gibt keinen absoluten Schutz.» Das musste das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten im letzten Oktober erfahren.

Schweizweit gingen im vergangenen Jahr 107 Anzeigen wegen Internet-Spionage ein – das zeigen die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Allein im Kanton Zürich waren es 2009 25 – mehr als doppelt so viele wie 2008 (11). Im Aargau hat sich die Zahl der Anzeigen wegen Hackern von 4 (2008) auf 11 (2009) sogar fast verdreifacht. Enorm zugenommen hat auch der Betrug über das Internet: Die Polizei verzeichnete 2009 1026 Anzeigen.

Die Täter können nur in den seltensten Fällen ermittelt werden. Sie sitzen oft im Ausland und verwischen geschickt alle Spuren. «Der Cyber-Space hat keine Grenzen, man kann dort fast alles tun, ohne ernsthaft zu riskieren, erwischt zu werden», sagt Mark Saxer, Co-Leiter des Schweizer Polizei Informatik Kongresses. «Das gefährdet letztlich die Sicherheit der Schweiz.»

Der Bund rüstet sich jetzt für den Internet-Krieg – nachdem Parlamentarier über Jahre auf das Problem aufmerksam gemacht haben. Bis Ende Jahr sollen die Grossprojekte abgeschlossen sein.

Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) erarbeitet bis Ende Jahr ein Konzept zur Bekämpfung der Internet-Kriminalität.

Bis Ende 2010 legt der Sicherheitsausschuss des Bundesrates einen interdepartementalen Vorsorgeplan zum Thema Cyber-Attacke vor.

Im Fedpol wird eine neue Kontaktstelle für internationale Zusammenarbeit geschaffen. Sie wird an sieben Tagen 24 Stunden lang besetzt sein. «Ziel der Stelle ist es, rund um die Uhr Meldungen entgegenzunehmen und Kontakte herzustellen, wenn es eilt, zum Beispiel, wenn unverzüglich Daten gesichert werden müssen», sagt Ernst Gnägi, Leiter Fachbereich internationales Strafrecht beim Bundesamt für Justiz. Dafür werden zwei neue Stellen geschaffen. Die Kontaktstelle soll im nächsten Jahr ihre Arbeit aufnehmen.

Mehr Personal hat das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement auch für die Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internet-Kriminalität beantragt. Der Bundesrat wird darüber in den kommenden Wochen beraten. Und auch Pascal Lamia von Melani hat einen Antrag für mehr Personal gestellt. Derzeit arbeiten acht Personen in seiner Stelle. «Ich hätte gern das Zehnfache», sagt Lamia.

Um die Internet-Kriminalität besser bekämpfen zu können, hat der Bund in der Strafprozessordnung einen neuen Artikel eingefügt, der es den Strafbehörden erlaubt, bei Delikten im Ausland erste Ermittlungen aufzunehmen. Das neue Gesetz tritt Anfang 2011 in Kraft.

Doch nicht alle Bereiche des Bundes sind für Hacker-Angriffe gerüstet: Ausgerechnet bei der Armee hapert es. «Generell ist die Armee heute nicht in der Lage, einen gezielten, professionellen Hacker-Angriff auf der eigenen Infrastruktur zu detektieren und eine adäquate, zeitgerechte Reaktion darauf auszulösen», schreibt der Bundesrat im Mai 2009. Auf Anfrage bestätigt das VBS: «Gegenüber dieser Situation hat sich heute nicht viel geändert.»

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