Dicke Post für Übergewichtige: Die SBB stellen keine fettleibigen Lokführer an. Auch beim übrigen Zugpersonal ist Normalfigur Pflicht: Job-Anwärter mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 35 und mehr werden abgelehnt.

«Bei Bewerbern für das Lokpersonal, Rangier- und Zugpersonal sollte der BMI unter 35 liegen», bestätigt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. «Das ist eine Vorschrift unserer Aufsichtsbehörde, des Bundesamts für Verkehr.»

Die Richtlinie sei am 1. April 2010 in Kraft getreten, sagt Andreas Windlinger, Sprecher beim Bundesamt für Verkehr (BAV). «Ein BMI von über 35 ist einer von 17 medizinischen Gründen, welche gegen die Anstellung eines Bewerbers als Lokführer, Zug- oder Rangierbegleiter sprechen.» Das BAV macht Sicherheitsgründe geltend. «Ein BMI von über 35 ist sehr oft mit Tagesschläfrigkeit verbunden», sagt Windlinger. Die Vorschrift gelte nur für Bewerber. Das bestehende Personal müsse aber ebenfalls periodische medizinische Checks durchlaufen, bei denen Übergewicht «ein Thema» sei. Insgesamt müssen bei den SBB 2563 Lokführer, 2051 Billettkontrolleure und 1568 Rangiermitarbeiter regelmässig auf die Waage.

«Das ist ja nicht normal», sagt der Waadtländer PdA-Nationalrat Josef Zisyadis. Der Body-Mass-Index als Anstellungskriterium sei «diskriminierend». «Es ist besonders gravierend, dass ein staatlicher Betrieb das macht», kritisiert Zisyadis. «Das passt zu einer Gesellschaft, in der Übergewichtige irgendwann keine Arbeit mehr finden.»

«Die SBB müssen diese Vorschrift des Bundesamts für Verkehr respektieren und einhalten», sagt Giorgio Tuti von der Eisenbahnergewerkschaft SEV. Zudem gelte der BMI-Grenzwert nur bei neuen Anstellungen. Doch auch der SEV ist besorgt: «Das kann den Druck auf die bisherigen Mitarbeiter erhöhen.»

Noch mehr abspecken müssen Jobanwärter bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ). Das öffentliche Verkehrsunternehmen hat den staatlich verordneten BMI bei Neuanstellungen auf 30 gedrückt. Wer darüber liegt, scheidet aus dem Auswahlverfahren aus. «Den Unternehmen steht es frei, den Grenzwert herunterzusetzen», sagt VBZ-Sprecherin Daniela Tobler.

Das Massband wird nicht nur bei den Tram- und Bus-Chauffeuren angelegt, sondern auch bei den Kundenberatern. «Sie leisten ebenfalls regelmässig Fahrdienste in Tram und Bus», so Tobler. Für Mitarbeiter, die bereits bei den VBZ arbeiten und seit ihrer Anstellung zu viele Kilos angesetzt haben, werden verschiedene Massnahmen angeboten, darunter Coaching oder Ernährungsberatung, «allenfalls mit ärztlicher Unterstützung».

Die Schlankheits-Vorschrift der VBZ bedeutet: Bei über 550 000 Schweizerinnen und Schweizer würde es eng für einen Job im Führerstand bei den Zürcher Verkehrsbetrieben – so viele Erwachsene haben laut Bundesamt für Gesundheit hierzulande einen BMI von 30 oder mehr.

Duri Beer vom Verband des Personals Öffentlicher Dienste (VPOD) kritisiert die rigide Regelung der Transportbetriebe. Übergewichtige würden im Bewerbungsverfahren benachteiligt. «Zudem kann für Übergewichtige ein Zwang entstehen, der zu weit geht, weil der Arbeitgeber in das Privatleben eingreift.»

Liberal ist dagegen die Post «Wir haben für Postauto-Chauffeure keine Vorschrift wie einen Body-Mass-Index», sagt Post-Sprecher Mariano Masserini: «Man muss einfach in der Lage sein, einen Bus zu fahren.»

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