Es war ein kalter Märztag in diesem Jahr, die Allrussische Volksfront, diese Imitation russischer Demokratie, hatte ihrer Konferenz in Rostow am Don im Süden des Landes den Titel «Der Aufbau von Gerechtigkeit» verpasst und den Präsidenten eingeladen.

Wladimir Putin kam gern, er war es schliesslich, der den Anstoss dazu gab, die Partei für Nichtmitglieder zu öffnen. «Wir hatten in der Sowjetunion den Titel ‹Held der sozialistischen Arbeit›. Im Grossen und Ganzen hat sich das aus meiner Sicht bewährt», sagte er, kaum, dass er auftrat.

Die Mitglieder der «Volksfront» applaudieren. Auch sie träumen, dem Präsidenten gleich, von guten alten Zeiten, bedauern oft den Zerfall der Sowjetunion. Liegt da nicht das Hervorkramen «all des Guten» auf der Hand? Des vermeintlich «Gerechten»? Mag das in der heutigen Zeit – gerade in einem Land, das den Raubtierkapitalismus so gut kennt wie kaum ein anderes – noch so lächerlich und so rückwärtsgewandt erscheinen. Neue Helden braucht das Land also, eine helle Zukunft. Eine Wiedergeburt gar?

Wenige Stunden später war der Ukas unterschrieben, und seit dem 1. Mai hat Russland, erstmals seit dem Zerfall der Sowjetunion – Putin hatte ihn einst als «die grösste Katastrophe des 20. Jahrhunderts» genannt – fünf neue Helden. Stramme Männer, die dem Land und dem Präsidenten dienen, seit Jahren schon. Da ist der Stardirigent Waleri Gergijew, der im Herbst 2015 zu den Münchner Philharmonikern wechselt, da ist der Neurochirurg Alexander Konowalow wie auch der sibirische Kohlearbeiter Wladimir Melnik, der Mechaniker Juri Konow, der 38 Jahre lang Dienst in einer Fabrik tat, und Konstantin Tschumanow, ein Drechsler vom Ural. Die Werktätigen von heute.

Die geschwellte Brust schmückt ein fünfzackiger goldener Stern, 15,25 Gramm schwer, eine Urkunde gibt es dazu und die Möglichkeit, in der Heimatstadt eine eigene Büste aufstellen zu lassen. Ehre auf Russisch. «Wiederbelebung unserer Traditionen», nennt es Putin. «Der Geist der UdSSR wird nun endgültig materiell greifbar», kommentiert die russische Zeitschrift «The New Times».

Doch wofür das alles, mehr als 20 Jahre nach dem Niedergang, mit all den gebrechlichen Heroen, den ausgezeichneten Melkerinnen, Kosmonauten, mehrfachen Müttern und Vertretern von Minivölkern, den goldenen Sternen, den bronzenen Denkmälern, der Ehrerbietung, gemessen in Kilogramm von Metall? Wozu die Mühe in einem Land, in dem das Dröhnen schwerer Werkmaschinen längst dem Klappern der Bürotastaturen gewichen ist? «Putin gefällt die Rückkehr von guten Dingen, die es in der Sowjetunion gab», sagt der Politologe Alexej Muchin. Der Präsident sei vor allem auf die Wähler fixiert, die eine Nostalgie auf vergangene Zeiten verspürten und die die Stabilität dieser Epoche für einen grossen Segen hielten.

Eine zweite Sowjetunion will Putin freilich nicht wieder errichten. Doch da der schwerfällige Staat dem Volk kaum etwas Neues anzubieten hat, bedient sich dieser Staat gerne alter Symbole und Werte, die Putin nicht umsonst «bewährt» nennt. Das Formen der Gesellschaft nach kollektivem Muster hat sich in die Gehirne der Menschen so tief eingebrannt, dass oft, vor allem auf dem Land, zu hören ist: «Wir hatten das schliesslich auch, das wird unseren Kindern bestimmt nicht schlecht tun.»

Die Beispiele häufen sich: So versammeln sich die Menschen an mehreren Samstagen im Jahr zum gemeinsamen Müllsammeln. Die «freiwilligen» Subbotniks (vom russischen «Samstag») waren in der Sowjetunion Pflicht. Pionierorganisationen in der Provinz gewinnen – mangels anderer Freizeitbeschäftigung – an Zulauf von Kindern. Die Schuluniform soll genauso wiederkommen wie der Wehrunterricht. Patriotismus schreibt der Präsident gross. Putin war es auch, der die Nationalhymne, die unter dem Diktator Josef Stalin gespielt wurde, nach dem Tod von Boris Jelzin wieder einführte, wenn auch mit neuem Text.

Für viele Russen bleibt der «Held» eine «mythische Auszeichnung». Sie fordern lieber komfortablere Arbeitsbedingungen. Andere machen sich über den Unsinn lustig. «Der Präsident sehnt sich immer mehr nach seiner Jugend», schreibt der Radiojournalist Anton Orech und fragt zugleich, ob denn auch Millionäre und Unternehmer eines Heldendaseins würdig seien.

Weitere Beobachter gehen davon aus, dass Putin den Handwerkerjobs Glanz verleihen, der Jugend die Fabriken schmackhaft machen wolle. Denn sie, die mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion kaum etwas mit dieser Sowjetunion anfangen kann, wendet sich lieber Bürojobs zu. Oder verlässt gleich das Land. Es sind schwere Zeiten für Helden.

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