VON CHRISTOF MOSER

Unter dem Eindruck der nuklearen Notlage im japanischen Atomkraftwerk Fukushima geraten auch die Schweizer Atomkraftbefürworter ins Grübeln. «Ich habe ein solches Ereignis nicht für möglich gehalten», sagt FDP-Ständerat und Leibstadt-Verwaltungsrat Rolf Büttiker gegenüber dem «Sonntag».

Er sei «geschockt» über die Ereignisse in Japan, die Katastrophe stelle eine «völlig neue Dimension» dar und müsse auch in der Schweiz zu einer «Neubeurteilung der Risiken» führen. Es sei falsch, zu sagen, so was könne in der Schweiz nicht passieren: «In Tschernobyl hat die Technik versagt, in Fukushima führten äussere Einflüsse zur Katastrophe.»

Vor äusseren Einflüssen sei kein Atomkraftwerk der Welt sicher, zumal weltweit eine Zunahme von Naturkatastrophen festgestellt werden müsse. Es sei nun die Aufgabe der Politik, «unangenehme Fragen zu stellen, die auch zu unangenehmen Antworten führen können», so Büttiker weiter: «Was in Japan geschehen ist, hat den Schweizer Kernkraftplänen nicht geholfen. Wir können jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wenn wir zum Schluss kommen sollten, dass die Risiken der Kernkraft zu gross geworden sind, müssen wir auf den Neubau eines Schweizer Werks verzichten.»

Auch CVP-Nationalrat und Gösgen-Verwaltungsrat Pirmin Bischof spricht angesichts der Katastrophe in Japan von einem «schweren Einschnitt in die Energiedebatte», die zu «grundsätzlichen Fragen» Anlass gebe. Japan könnte jedoch nicht mit der Schweiz verglichen werden: «Bei uns drohen keine Tsunamis.» Er hält den Bau einer modernen Atomenergieanlage nach wie vor für sinnvoller als den deutschen Weg einer Laufzeitverlängerung für alte Atommeiler: «Solchen Plänen, die hinter den Kulissen auch in der Schweiz diskutiert werden, muss nach den Ereignissen in Japan eine klare Absage erteilt werden.»

Zur politischen Atom-Lobby gehört auch die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala. Sie verwahrt sich dagegen, «den Schicksalsschlag einer Nation für den Abstimmungskampf über ein Schweizer Kernkraftwerk zu missbrauchen», sagt aber: «Der Unfall ist im Hinblick auf die bevorstehende Volksabstimmung über einen AKW-Neubau im Jahr 2013 ein schwerer Rückschlag.»

Fiala fordert ein «besseres Risikomanagement», nicht nur bei der Atomenergie: «Es ist ein grosses Manko, dass Worst-Case-Szenarien in Risikobeurteilungen oft ausgeblendet werden.» Für Heinz Karrer, Chef des Stromriesen Axpo, ist es zu früh für eine Beurteilung der Situation. In den kommenden Wochen werde es darum gehen, «die Erkenntnisse über das Ereignis in Japan auszuwerten und zu prüfen, welche Auswirkungen die Geschehnisse auf die bestehenden Werke haben und wie sie die Debatte um den Bau eines neuen Werkes beeinflussen werden», so Karrer.

Auch Moritz LEuenberger, der frühere Energieminister, äussert sich gegenüber dem «Sonntag»: «In der Atomkraft-Debatte wird immer wieder argumentiert, ein GAU geschehe nur einmal in x-Tausend Jahren. Statistisch mag diese Argumentation stimmen. Aber es wird ausgeblendet, dass die Katastrophe jederzeit passieren kann, in 3000 Jahren, in drei Jahren, aber eben auch heute. Das statistische Risiko kann jederzeit Realität werden. Selbst wenn eine Kernschmelze erst in 10000 Jahren eintritt, sind Nachfolgegenerationen davon betroffen. Das Risiko, das wir selber nicht wollen, dürfen wir nicht zulasten künftiger Generationen eingehen. Und dass das Risiko offensichtlich auch in der Gegenwart Gestalt annehmen kann, sollen wir nicht verdrängen.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!